Der Frieden zwischen Menschen ist grundsätzlich kein endgültig erreichbarer Zustand: Bekanntlich kann der Friedlichste nicht in Frieden leben, wenn es dem unfriedlichen Nachbarn nicht gefällt. Wir werden aber zeigen, daß heute noch – oft unerkannt – viele Gewohnheiten bestehen, die ein friedliches Miteinander unnötigerweise erschweren, oft geradezu verhindern. Außerdem gibt es viele – oft noch unbekannte – Möglichkeiten, dafür zu sorgen, daß Menschen von vornherein viel seltener auf unfriedliche Gedanken kommen. Und schließlich kann man auf Friedensstörungen (und Störenfriede) weitaus intelligenter und wirksamer reagieren als durch Zurückschlagen, Sich-zurückziehen oder gar Die-andere-Wange-hinhalten. (Das nötige Know-how werden wir im Laufe des Buches entwickeln.)
Ein zweiter Bereich, in dem der Frieden auf dem Spiel steht, ist das einzelne menschliche Individuum. Wenn Menschen sagen, daß sie »in Ruhe« oder »in Frieden« gelassen werden wollen, weisen sie damit Störungen eines Zustandes zurück, den sie als angenehm und wertvoll empfinden. Dieser Zustand wird aber nicht nur von außen bedroht, sondern kann auch durch Vorgänge im Inneren des Individuums selbst unmöglich gemacht werden. Es ist heute eher die Ausnahme als die Regel, daß ein Mensch »Frieden im Herzen« empfindet, »in Frieden mit sich selbst« lebt, eine echte innere »Zufriedenheit« genießt und ausstrahlt. Das Gegenteil von dem Zustand des »Seelenfriedens«, der inneren Ausgeglichenheit, Harmonie, Gelassenheit wird oft als Friedlosigkeit, Unruhe, Getriebensein beschrieben. Der Mensch ist dann nicht »mit sich im Reinen«, sondern trägt »innere Konflikte« aus. Widersprüchliche Strebungen halten ihn in dauernder Gespanntheit, er ist reizbar, überempfindlich, labil, klagt oft über Streß und ist der geeignetste Kandidat für jede Art von »Flucht in die Sucht«. Ob die Droge eine Chemikalie ist oder das Arbeiten, das Spielen, das Stehlen, das Macht- ausüben und vieles andere (sogar das Helfen und die Weltverbesserei): alle möglichen fanatisch ausgeübten Tätigkeiten können dazu dienen, eine »innere Zerrissenheit« zu überdecken und »Ersatzbefriedigungen« nachzujagen.
Der innere Frieden des Individuums hängt davon ab, ob zwischen den einzelnen Teilen des Organismus einschließlich des Gehirns mit seiner Gefühls- und Gedankenproduktion ein grundsätzlich harmonisches, mindestens aber konstruktives Zusammenspiel stattfindet oder nicht. Heute ist es die Regel, daß die Menschen einzelne Teile ihrer Persönlichkeit als minderwertig oder bedrohlich ansehen und zu bekämpfen versuchen. Sie haben es einfach nicht anders gelernt, als mit sich selbst in Unfrieden zu leben, weil die aus der höchst kriegerischen Vergangenheit stammenden philosophischen und psychologischen Lehrmeinungen auf Modellen beruhen, die den echten inneren Frieden schon rein theoretisch für unmöglich oder falsch erklären. Als Gegenreaktion erleben wir seit vielen Jahren einen pseudotherapeutischen »Psycho-Boom« mit dem teilweise völlig überzogenen »Positiven Denken« und allerlei esoterischen Erlösungsversprechen (etwa die »New Age«-Propaganda), die den Menschen bestenfalls nur zu einer unkritischen Selbstzufriedenheit (ver)führt.
Nachdem wir auch in diesem Bereich mit dem Prinzip »Gleichberechtigung« aller beteiligten »Instanzen« experimentiert haben, sind wir auf der Basis eines neuen Praxismodells der menschlichen Gehirnfunktionen zu überraschenden An- und Aussichten gekommen, die dem Frieden realistische Chancen eröffnen. Wie beim Frieden zwischen den Menschen stellt sich auch beim inneren Frieden die Frage der Toleranz: Ist es sinnvoll, daß ich mich selbst bedingungslos akzeptiere (im Sinne der oft propagierten »Selbstliebe«, des »Ich bin okay« und dergleichen), wenn ich an oder in mir Aspekte entdecke, mit denen ich unzufrieden bin? Muß ich auch meine Fehler und Irrtümer, meine selbstschädigenden und intoleranten Anteile tolerieren, wenn ich mit mir in Frieden leben will? (Die Antworten auf solche Fragen bieten den Lesenden Chancen, die sie unmittelbar und in eigener Regie ergreifen können.)
Der dritte Bereich, den wir oben ankündigten, ist das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt/Mitwelt. Auch in diesem Bereich muß man gegenwärtig von einer Art Kriegszustand sprechen, und nur sehr allmählich und zögernd ist die Menschheit bereit zu erkennen, daß sie auf dem besten Wege ist, ihre eigenen Lebensgrundlagen – und damit auch sich selbst – definitiv zu zerstören. Erschwerend kommt hinzu, daß das Erkennen allein besonders in diesem Bereich offensichtlich nicht motivierend genug wirkt, damit die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.
Nun wollen wir in diesem Buch nicht einzelne Umweltschutzmaßnahmen diskutieren oder »den Verantwortlichen« ins Gewissen reden. Vielmehr werden wir Zusammenhänge zwischen den genannten drei Bereichen aufdecken und bis zu ihrer Wurzel zurückverfolgen. Auf diese Weise wird klar, was die Menschen derzeit noch daran hindert, so schnell wie nötig zum »Frieden mit der Natur« zurückzufinden. Zugleich ergeben sich aus dieser Zusammenschau eindeutige und sichere Orientierungen für den Umgang mit rein inner- und zwischenmenschlichen Grundsatzfragen, die heute noch von manchen – gelinde gesagt: – Mißverständnissen und geistigen Ungeschicklichkeiten belastet werden. Obwohl heute allgemein bekannt ist, daß der Mensch sich als Teil der Natur (oder, religiös ausgedrückt: der Schöpfung) begreifen muß und daß die Naturgesetze auch für ihn selbst gelten, hält sich besonders in bezug auf Kinder sogar unter vermeintlich fortschrittlichen und aufgeklärten »Experten« hartnäckig das überlieferte Fehlurteil, daß »Kultur« und »Zivilisation« als Gegensätze zur »Natur« zu betrachten seien. Solange aber auf der einen Seite zwar der »Frieden mit der Natur« angestrebt wird, auf der anderen Seite jedoch die »Natur des Menschen« – also auch die »Natur des Kindes« – als schädlich, gefährlich, bekämpfenswert gilt, ist die problematische Situation der Menschheit nicht verwunderlich – im Großen wie im Kleinen.
Es ist klar, daß im Vordergrund unseres Interesses beim Schreiben dieses Buches das »Thema: KINDER« steht. Das Leben mit Kindern wird heute nicht nur als besonders verantwortungsvolle, sondern meist auch als besonders schwierige Aufgabe dargestellt, die nicht wenige Erwachsene – wie es oft heißt: – »überfordere«. Vielfach wird dann ein Gegensatz zwischen »Theorie und Praxis« oder »Ideal und Wirklichkeit« festgestellt und der Eindruck erweckt, es sei von vornherein klar, wie eine »gute Familie«, eine »gute Schule«, ein »guter Kindergarten« und so weiter zu funktionieren habe, damit die Kinder von den Erwachsenen eine »gute Erziehung« erhielten und alle Beteiligten zufrieden sein könnten – nur leider seien manche Erwachsene zu ungebildet oder zu arm oder zu gestreßt oder dergleichen, jedenfalls irgendwie nicht in der Lage, sich in der Praxis/Wirklichkeit durchgängig so zu verhalten, wie es den jeweiligen Theorien/Idealen entspräche.
Ein Hauptzweck unseres Buches wird sein zu zeigen, daß diese Ansicht grundfalsch ist. Sie dient im wesentlichen dazu, die Theoretiker aufzuwerten, ihnen Bedeutung, Macht, Einkommen zu sichern, und die Praktiker abzuwerten, in Abhängigkeit zu halten, ihnen Schuldgefühle einzureden. Die Rede von der richtigen Theorie und der falschen Praxis mag sinnvoll sein beim Umgang mit Gegenständen, etwa Maschinen; für das Verhältnis zwischen Menschen beschreibt sie die Wirklichkeit eindeutig falsch. In den seriösen Wissenschaften ist es eine Binsenweisheit: Die Praxis (»Empirie«) bestätigt oder widerlegt (»falsifiziert«) die Theorie. Wenn wir »Praxis« mit »Handeln/Tun« übersetzen und »Theorie« mit »Denken/Rechnen«, können wir sagen: Falls beim Umgang zwischen Menschen Theorie und Praxis nicht übereinstimmen, hat sich nicht der Praktiker vertan, sondern hat sich der Theoretiker verrechnet – zum Beispiel weil er bestimmte Gegebenheiten nicht berücksichtigte.
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