Michael Borgolte - Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte

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Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte: краткое содержание, описание и аннотация

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Was bewegt Menschen dazu, auf einen Teil ihres Besitzes zu verzichten? Warum geben Sie Geld und Gut weg? Zu allen Zeiten und in allen Kulturen stifteten Menschen Vermögen – für das Allgemeinwohl, aber auch für ihr Andenken und Seelenheil. Sie unterstützen Arme und Kranke, fördern religiöse Kulte oder Kunst und Wissenschaft. Stiftungen sind ein grundlegendes soziales Phänomen, an dem sich das Gefüge der ganzen jeweiligen Gesellschaft ablesen lässt.
Der Universalhistoriker Michael Borgolte, der sich seit Jahrzehnten mit weltweiten gesellschaftlichen Vergleichen beschäftigt, legt die erste Weltgeschichte der Stiftungen vor, von 3000 v.Chr. bis 1500 n.Chr. und vom Alten Ägypten über Persien, die Induskulturen und China bis zum Judentum, dem Islam und nicht zuletzt, breit ausgeführt, zum christlichen Mittelalter. Das monumentale Werk „Weltgeschichte der Stiftungen“ ist die Frucht der Forschungen von rund 30 Jahren und das Ergebnis des Austauschs mit Expert/innen vieler Fächer und Länder.

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Judah D. Galinsky ist darauf aufmerksam geworden, dass die jüdischen Stiftungen im christlichen Spanien beziehungsweise in Südfrankreich keine Gebetsauflagen zum Totengedenken aufweisen, wie sie in Aschkenas, etwa in Nürnberg, zu erschließen sind.455 Tatsächlich weiß man, dass sich hier die Praxis der liturgischen Totenmemoria vom sephardischen Judentum unterschieden hat. Nur in Aschkenas bildete sich der Rhythmus eines Totengedenkens an vier Tagen im Jahr aus, am Yom Kippur und an den drei Pilgerfesten. Das Totengebet des haskavah für die persönlichen Angehörigen scheint in den anderen jüdischen Kulturen erst dem Vorbild des aschkenasischen hazkaroth neshamoth gefolgt zu sein.456 Bezieht man im Hinblick auf die spanischen Urkunden noch ein, dass diese von christlichen Notaren in lateinischer Sprache und in Anlehnung an christliche Formeln und Motive verfasst wurden, dann liegt der Schluss nahe, dass wir es bei diesen Quellen mit dem Niederschlag christlicher Einflüsse zu tun haben.457 Handelt es sich deshalb bei den jüdischen Stiftungen und Schenkungen für das Seelenheil im christlichen Spanien und in Südfrankreich selbst um die unvollständige Rezeption christlicher Gewohnheiten? Dafür sprechen die kritischen Äußerungen jüdischer Gelehrter des 11./12. und 14. Jahrhunderts gegen die Erwartungen, die andere zugunsten der Toten an postmortale Gebetshilfe und gute Werke gehegt haben; sie scheinen die Abwehr eines als fremd empfundenen Brauchs zu manifestieren.

Trotz aller Einschränkungen, die angesichts des Forschungsstandes gemacht werden müssen, kann bei den jüdischen Stiftungen des Mittelalters, gemessen an den Überlieferungen aus Nürnberg, Altkairo und Spanien, keineswegs von einem Leitmotiv des Seelenheils die Rede sein. Dieses ist vielmehr offenbar nur okkasionell aufgetreten und war dann stark von christlichen Einflüssen geprägt.

Der Zoroastrismus und die drei Eingottreligionen Vorderasiens bilden also den Rahmen der ‚Stiftungen für das Seelenheil‘. Die persische und die monotheistischen Religionen drangen im Laufe der Zeit, wenn auch meist nur oberflächlich und in unterschiedlicher Intensität, nach Indien und China vor.458 Süd- und Ostasien waren aber in der Alten Welt vor allem von eigenen Religionen und ‚weltanschaulichen Systemen‘ geprägt, die ebenfalls durch die welthistorische Zäsur der ‚Achsenzeit‘ geprägt wurden.459 Es fragt sich, ob hier auch ein ähnlicher Typ von ‚Stiftungen für die Seele‘ oder ‚Stiftungen für das Seelenheil‘ belegt werden kann. Wie ungewöhnlich es ist, vom Okzident aus einen solchen vergleichenden Blick auf Indien und China zu werfen, zeigt die kürzlich erschienene⁼Abhandlung von Helmut Feld (geb. 1936) über die Geschichte der Seele; der Autor beschränkt sich nämlich ganz auf eine traditionelle Sichtachse vom Alten Orient über Juden und Griechen, von Etruskern und Römern bis zu den Christen und der westlichen Moderne.460 Mit den Welten des Islams und Persiens blieben bei ihm Süd- und Ostasien mit ihren Religionen völlig unbeachtet, so dass seine generalisierenden Urteile stets durch den Defekt okzidentaler Befangenheit entwertet werden.

Die ‚Achsenzeit‘ wird für Indien mit den (ältesten) Upanischaden (ca. 7./6. bis ca. 4./3. Jahrhundert v. u. Z.)461 sowie dem Buddha (gest. um 420/350 v. u. Z.) als Stifter einer Religion belegt;462 diesem ist noch sein angeblicher Zeitgenosse und Gründer des Jainismus, Mahāvīra, zur Seite zu stellen.463 Für China wird aus etwa derselben Zeit neben Konfuzius (ca. 551–479 v. u. Z.)464 noch Laotse (Lao-tsu) genannt, doch hat dieser, dem Daodejing , das grundlegende Werk des philosophischen Daoismus, zugeschrieben wird, vielleicht gar nicht gelebt.465 In Indien ist neben Buddhismus und Jainismus noch der ältere Traditionen repräsentierende Brahmanismus/Hinduismus zu beachten.

Stiftungen für Verdienst und zeitliches Heil: Indische Religionen

Hinduismus, Buddhismus und Jainismus sind Erlösungsreligionen wie Christentum und Zoroastrismus (Parsismus); sie bieten ein Heil an, das jeder Einzelne erstreben und erreichen kann.466 Gemeinsamer Ausgangspunkt war die Religion der Brahmanen, einer Priesterklasse, die durch jahrtausendalte Rituale, die in den Textsammlungen der ‚Veden‘ festgehalten sind, den Kosmos in Gang hielt.467 Die Brahmanen vollzogen in ihren dörflichen Gemeinschaften die vedischen Opfer für sich selbst und für hochrangige Nichtbrahmanen und unterstützten die Herrscher durch öffentliche Rituale. Man erhoffte sich von den Göttern zum Beispiel „Beistand in der Schlacht, Reichtum, eine gute Ernte, und die Gunst, nach dem Tod zu ihnen in den Himmel zu gelangen, um dort sorgenfrei fortzuleben.“468

In den Upanischaden wurde der Ritualismus der älteren Veden überwunden; auch wenn sie zur entscheidenden Textgrundlage des Hinduismus wurden, teilen auch die wenig später entstandenen Religionen des Jainismus und Buddhismus einige ihrer wesentlichen religiösen Konzepte. Dazu gehören vor allem das Gesetz des karman , die Lehre von der Wiedergeburt ( saṃsāra ) und die Techniken der Befreiung von deren unerbittlichem Kreislauf.469

Schon in der brahmanischen Religion des vedischen Indien (ca. 1500–500 v. u. Z.) wurde das rituelle Handeln mit dem Sanskrit-Wort karman („Tat“, „Werk“) bezeichnet.470 Weil jedes karman seine Folgen hat, konnte das Feueropfer kosmologisch oder lebenspraktisch wirken und beispielsweise Wohlstand und Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse verschaffen. Nach den Hymnen der ältesten Veden ( Ṛgveda ) waren die Götter in der Lage, dem Einzelnen zur Wiedergeburt im Himmel zu verhelfen, falls das Ritual korrekt ausgeführt war. Bei nicht oder falsch vollzogenen religiösen Handlungen gelangte man nach der alten Lehre nur in die „Welt der Väter“ und kehrte von dort nach einer gewissen Zeit durch Wiedergeburt in die Menschenwelt zurück.471 Etwa um 600 v. u. Z., in der Zeit der ältesten Upanischaden, entfaltete sich aus diesem Gedanken die Lehre vom endlosen Kreislauf der Wiedergeburten ( saṃsāra ).472 Die zweite Wende der Upanischaden lag in einer Ethisierung der kosmischen Prozesse, eine Errungenschaft, die allen indischen kosmologischen Lehren fortan eingeschrieben blieb und die die Zäsur der ‚Achsenzeit‘ markiert: „Was aus einem Mann wird“, so wurde nun gelehrt, „hängt davon ab, wie er handelt und sich verhält. Wenn seine Taten gut sind, wird aus ihm etwas Gutes werden. Wenn seine Taten schlecht sind, wird er sich zu etwas Schlechtem wandeln.“473 „Wenn es einem Menschen an Einsicht fehlt und er ohne Geist und stets unrein ist, dann erreicht er nicht diese letzte Stufe, gelangt aber auf eine (neue) Runde der Wiedergeburt. Aber wenn ein Mann Verständnis gewonnen hat, geisterfüllt und immer rein ist, dann erreicht er wirklich diese letzte Stufe, von der er nicht wiedergeboren wird.“474 Wer gute Werke vollbrachte, dem war die Wiedergeburt als Brahmane oder als Angehöriger der oberen Beamten- oder Händlerklasse ( kṣatriya; vaiśya ) verheißen; Menschen von schlechtem Verhalten mussten hingegen damit rechnen, aus dem schmutzigen Schoß eines Hundes, eines Schweines oder einer ausgestoßenen Frau wiedergeboren zu werden.475 Das karman -Prinzip verband beide Handlungsweisen, Ritual und ethisches Verhalten, unwillkürlich mit ihren Folgen.

Nach Lehre der Upanischaden hat der Mensch ein unveränderliches und unsterbliches Selbst, ātman : „Es verbindet sich, abhängig vom angehäuften guten oder schlechten Karma [ karman ], mit Körpern höherer oder niederer Existenzformen – wie eine Raupe, die von Blatt zu Blatt wandert. Diese ständige Wiedergeburt wird jedoch nicht als positiv, sondern als leidvoll verstanden; Wiedergeburt bedeutet auch und insbesondere, wieder sterben zu müssen.“476 Das eigentliche Ziel des Menschen bestehe deshalb nicht darin, seine Existenz durch günstigere Wiedergeburten zu verbessern, sondern den ewigen Kreislauf der Geburten zu durchbrechen.

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