Michael Borgolte - Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte

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Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte: краткое содержание, описание и аннотация

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Was bewegt Menschen dazu, auf einen Teil ihres Besitzes zu verzichten? Warum geben Sie Geld und Gut weg? Zu allen Zeiten und in allen Kulturen stifteten Menschen Vermögen – für das Allgemeinwohl, aber auch für ihr Andenken und Seelenheil. Sie unterstützen Arme und Kranke, fördern religiöse Kulte oder Kunst und Wissenschaft. Stiftungen sind ein grundlegendes soziales Phänomen, an dem sich das Gefüge der ganzen jeweiligen Gesellschaft ablesen lässt.
Der Universalhistoriker Michael Borgolte, der sich seit Jahrzehnten mit weltweiten gesellschaftlichen Vergleichen beschäftigt, legt die erste Weltgeschichte der Stiftungen vor, von 3000 v.Chr. bis 1500 n.Chr. und vom Alten Ägypten über Persien, die Induskulturen und China bis zum Judentum, dem Islam und nicht zuletzt, breit ausgeführt, zum christlichen Mittelalter. Das monumentale Werk „Weltgeschichte der Stiftungen“ ist die Frucht der Forschungen von rund 30 Jahren und das Ergebnis des Austauschs mit Expert/innen vieler Fächer und Länder.

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Bei den Jenseitshoffnungen und -befürchtungen ging es um die Vergeltung der Taten im vergangenen Leben.381 Ein undatierbarer Kommentar zum Buch Deuteronium drückt die Erwartung einer Gegenleistung Gottes für das gute Werk so aus: „Und so sprach der Heilige, gepriesen sei Er, zu Israel: ‚Meine Söhne, wann immer ihr die Armen versorgt, rechne ich es euch an, als ob ihr mich versorgen würdet.‘“382 Ein anderer Midrasch, zu Psalm 118, lautet: „In der künftigen Welt wird der Mensch gefragt: ‚Was war dein Tun?‘ Wenn er zur Antwort gibt: ‚Ich speiste die Hungrigen‘, dann werden sie sagen: ‚Das ist das Tor zum Herrn; denjenigen lasst ein, der den Hungrigen zu essen gibt‘ (Ps 118, 20). Ebenso [soll es geschehen mit denen,] die den Dürstenden zu trinken reichen, die Nackten kleiden, nach den Waisen sehen und im Allgemeinen all jenen, die Taten der liebevollen Güte vollbringen.“383 Im Babylonischen Talmud (2./3. Jh. u. Z.)384 ist von einem Mann die Rede, der seine Wohltat ( ṣedaqa ) mit der Begründung versehen habe, „damit mein Sohn lebe [und] ich Erbe der kommenden Welt werde“; dies sei, so das Urteil, „als eine vollkommene Wohltat zu verstehen“, es könne aber auch, wie es in einer Variante heißt, von einem „völlig rechtschaffenen Mann“ Zeugnis ablegen. Wohltun schütze vor den Schrecken der Hölle, wie der Talmud an anderen Beispielen demonstriert. Der palästinische Weise Rabbi Meir aus dem 2. Jahrhundert führte etwa aus: „Wenn einer dich in Diskussionen verwickelt und fragt, ‚wenn Gott die Armen liebt, warum hilft er ihnen dann nicht?‘‚ so antworte ihm: ‚Dies geschieht zu unseren Gunsten, damit wir durch sie vom Gericht der Hölle ( Gehinnom ) gerettet werden.‘“ Hier ist allerdings nicht klar, ob den Armen nur eine passive Rolle beim Empfang der Gaben oder auch ein aktiver Anteil an der Seelenrettung, etwa durch Intervention zugunsten ihrer Wohltäter bei Gott, zugesprochen werden sollte. Ein anderer Rabbi verglich die Menschen mit Schafen, die über einen Fluss kommen wollten: „Wer immer einen Teil seines Vermögens beschneidet und es als Wohltaten spendet, wird von der Strafe der Hölle befreit. Stell dir zwei Schafe vor, die einen Fluss durchqueren wollen, eines von ihnen geschoren, das andere ungeschoren; das geschorene gelangt hinüber, das ungeschorene nicht.“ In der Tosefta (Ergänzung zum Mischnah) wird von König Monobaz I. von Adiabene und der Bekehrung seiner Familie zum Judentum erzählt; als dieser beträchtliche karitative Gaben aufwandte, hätten sich seine Brüder gewundert, weshalb er nicht wie die Vorfahren mit seinem Vermögen eher seine Reichtümer vermehrte. Monobaz habe zur Antwort gegeben: „Die Vorfahren haben Schätze in dieser Welt angehäuft, ich für die kommende Welt.“

Umstritten war, ob auch andere zugunsten eines Menschen intervenieren konnten. Die Gebetshilfe der Lebenden für die Toten begünstigte eine Begebenheit aus dem zweiten Makkabäerbuch. Als Truppen unter Judas Makkabaeus einen Sieg über die Edomiter erfochten hatten und die wenigen eigenen Gefallenen bestattet werden sollten, fand man bei den Leichen Götzenbilder; diese waren natürlich verboten, so dass ihr Tod als Zeichen des göttlichen Zorns gedeutet werden musste. Judas indessen ließ eine Abgabe von 2.000 Drachmen erheben und als Sühnopfer nach Jerusalem bringen: „Und er tat wohl und fein daran“, so lautet die Begründung, „denn er dachte an die Auferstehung. Denn wenn er nicht gehofft hätte, dass die, die erschlagen waren, auferstehen würden, wäre es vergeblich und eine Torheit gewesen, für die Toten zu bitten. Weil er aber bedachte, dass die, die im rechten Glauben sterben, Freude und Seligkeit zu hoffen haben, ist es eine gute und heilige Meinung gewesen. Darum hat er auch für die Toten gebetet, dass ihnen die Sünde vergeben würde“ (2. Makk 12, 39–46).385

Obwohl mit der Geschichte Gegengaben oder Memorialleistungen zugunsten des Seelenheils Dritter begründet werden konnten, widerstrebten ihrer Lehre nicht wenige Gottesmänner. Der Rabbi Maharam Chalawa, der in Tortosa unter christlicher Herrschaft wirkte (ca. 1350), wurde einst gefragt: „Ist es wünschenswert, gute Gaben für Menschen aufzubringen, die schon verstorben sind? Können noch nach ihrem Tod Werke zu ihren Gunsten ihre Lage entscheidend verändern?“ Der Rabbi urteilte kompromisslos: „Es gibt keinen Zweifel, dass, was jemand für einen Verstorbenen tut, diesen nicht unterstützen oder zum Heil bringen kann, denn jedermann wird entsprechend seiner Verdienste zum Zeitpunkt seines Todes gerichtet.“386 Ähnlich hatte sich auch schon Abraham bar Hiyya ha-Nasi (ca. 1070–ca. 1136) in Katalonien geäußert: „Jeder, der glaubt, dass ihm die Taten und Gebete seiner Söhne und Enkel nach seinem Tod behilflich sein könnten, [vertritt] fingierte Gedanken, die in den Augen der Weisen und Vertreter der Wissenschaft einer falschen Erwartung entsprechen“;387 und das Oberhaupt der babylonischen Akademie von Pumbedita (Irak), Hai Gaon (939–1038), lehnte den Effekt reiner Fürbitten auf die Tilgung der Sünden von Toten ab: Diese „haben keinen Nutzen für den Verstorbenen (…). Das Zufügen eines [religiösen] Verdienstes durch eine [finanzielle] Vergütung kann in keiner Weise förderlich sein.“388

In welchem Maße solche Vorbehalte wirkten, müsste sich unter anderem an Stiftungen des Mittelalters ablesen lassen. Es ist allerdings nicht leicht, jüdische Stiftungen und ihre Wirkungen überhaupt zu ermitteln. Die Probleme ergeben sich hier aus der unbefriedigenden Forschungslage,389 vor allem aber aus der Sache selbst und der entsprechenden Überlieferung. Stiftungen waren im Judentum fast ausschließlich der Fürsorge ( ṣedaqa ) gewidmet;390 als Empfänger der Gaben traten aber in aller Regel nicht die Armen und Bedürftigen selbst, sondern die Gemeinden beziehungsweise die Gemeindefonds in Erscheinung, die die Verwaltung und Distribution der aufgebrachten Mittel ausübten.391 Die Bezeichnung des Gemeindefonds heqdesh/qodesh , die vom Tempelschatz abgeleitet war, wurde auch für Stiftungen verwendet; ein eigener Begriff hierfür fehlte also.392 Eine Wechselbeziehung zwischen dem Stifter und dem Begünstigten, der die Stiftungen für das Seelenheil kennzeichnet, wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass die Gabe als besonders fromm und verdienstlich galt, wenn sie unbekannterweise erfolgte.393 Schon in den Sprüchen Salomos hatte es geheißen: „Eine heimliche Gabe stillt den Zorn [Gottes]“ (Spr 21, 14), und im Mittelalter stellte Maimonides in seinem Werk ‚Mischneh Tora‘ (ca. 1180) eine Werthierarchie der Wohltätigkeit auf, in der die Anonymität des Spenders (und des Empfängers) ganz oben rangierte.394 Außerdem kam eine Stiftung durch mündliche Vereinbarung zustande, so dass es überhaupt nur sehr wenige Urkunden gibt, in denen der Stifter seine Motive und Erwartungen hätte festhalten können. Vor allem Rechtsbescheide der Gelehrten (Responsen) und Verwaltungsschriftgut müssen deshalb die jüdische Stiftungstätigkeit und deren geistlichen Hintergrund erhellen.395

Ganz abgesehen von der prekären Überlieferungs- und ungenügenden Forschungslage, werden Urteile über die Motive der Stifter durch die weite Verstreuung der Juden und ihr Leben unter den Einflüssen anderer Religionen erschwert; von einem einheitlichen Judentum kann nicht die Rede sein, sondern nur von der Vielfalt jüdischer Kulturen.396 Generalisierende Schlüsse aus partikularen Befunden sind hier also besonders problematisch. Einen geeigneten Ansatz zur Analyse des jüdischen Stiftungswesens zunächst in regionaler Beschränkung bietet das Nürnberger Memorbuch.397 Die Entstehung ist präzise, der Zweck annähernd genau zu bestimmen. Als Autor und (erster) Schreiber nennt sich Isaak, der Sohn Rabbi Samuels seligen Angedenkens, aus Meiningen. Er habe „dieses Gedenkbuch“ im Jahr 5057 jüdischer Zeit, also 1296/1297 u. Z., geschrieben, als die Nürnberger Gemeinde ein neues Gotteshaus bezog.398 Als Erbauer der Synagoge nennt Isaak den Mar Simson; nach dessen Tod seien die Gebäude „durch die Hilfe der Freigebigen und durch die Freigebigkeit der Edeln“ ausgeführt worden: „Die Namen dieser Spender aber sind in das Buch der Geliebten, welche im Staube schlafen, eingezeichnet worden.“399 Bei dem Codex, der als Sefer Sikaron („Buch der Erinnerung“) und Sefer Sichronot („Buch der Erinnerungen“) bezeichnet wird,400 handelte es sich also um ein Totenbuch. Obschon alle Glieder der Gemeinde, ohne dazu verpflichtet zu sein, angehalten waren, mit ihren Spenden die Synagoge, die Werke der Wohltätigkeit und das zugehörige Personal zu unterhalten, sind vor allem außerordentliche Geber eingetragen worden. So heißt es zum Beispiel: „R(abbi) Jechiel und seine Frau Rahel, Tochter R(abbi) Samuels, welche zwei Gesetzrollen und ein Machsor hinterließen, die Frauensynagoge und das Gemeindebad erbauten, 10 Mark zum Ankauf von Weizen für die Armen auf Pessach, 10 Mark für Lichter zu Sabbaten und Festtagen in der Synagoge, 10 Mark für Öl, um Licht in einem Glasgefäße während des ganzen Jahres zu brennen, 4 Mark für Lichter zu Sabbaten und Festtagen für die Armen, 3 Mäntelchen und noch andere Stiftungen vermachten.“401 Oder von späterer Hand: „Gott möge gedenken der Seele R(abbi) Samuels, Sohn des Märtyrers R(abbi) Nathan halevi, mit der Seele Abrahams, Isaks [sic] und Jakobs, weil er hinterlassen hat 200 Pfund für den Friedhof, 50 Pfund für das Hospital, ein Tallit [Gebetsmantel für die Morgenandacht], ein Sargenes [Totengewand] und 50 Pfund für den Jugendunterricht. Dieserhalb möge der Heilige, gelobt sei er, seine Seele ruhen lassen bei den anderen Frommen, welche im Paradiese weilen. Darauf sprechen wir: Amen!“402 Aber auch geringere Gaben wurden notiert.403 Bemerkenswert ist, dass Spenden zugunsten Dritter belegt sind.404 Für eine Gegengabe des Gebets durch die Gemeinde bietet die Handschrift ein Formular an: „Gott möge gedenken der Seele des N., Sohn des N., mit der Seele Abrahams, Isaks und Jakobs, weil er … für den Friedhof hinterlassen hat. Dieserhalb möge Gott seiner mit all den Frommen, welche im Paradiese weilen, gedenken. Amen!“405

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