Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen und andere Geschichten aus dem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Ausgewählt von Winfried Stephan. Zürich 2009: Diogenes
Johann Peter Hebel: Schatzkästlein. Ausgewählt von Richard Müller-Schmitt. Stuttgart 2010: Reclam Verlag.
Johann Peter Hebel: Die Kalendergeschichten. Sämtliche Erzählungen aus dem Rheinländischen Hausfreund. Herausgegeben von Hannelore Schlaffer und Harald Zils. Mit einem Nachwort von Hannelore Schlaffer. München 2010: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Bernhard Viel: Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit. Eine Biographie. München 2010: C. H. Beck Verlag.
Heide Helwig: Johann Peter Hebel. Biographie. München 2010: Hanser Verlag.
Humorvoll und lebensklug
Johann Peter Hebel erzählt uns die Bibel
Oh Gott, die Bibel! Wer kann von sich behaupten, das Alte Testament gründlich zu kennen? Das Neue? Und überhaupt – muss das sein? Biblische Geschichten, und das auch noch in einer Sprache, die, wie es im Nachwort heißt, »meilenweit« entfernt ist vom heutigen Umgangsdeutsch? Könnte ja richtig anstrengend werden! – Keine Sorge. An die luzide Sprache von Johann Peter Hebel (1760–1826) gewöhnt man sich rasch, und dass er seine Leser nicht oberlehrerhaft auf Biblisch-Christliches verpflichten will, sondern sie ausdrücklich zum kritischen Blick auf die alten Geschichten anhält, macht die Lektüre angenehm. Auch dass Gott hier niemals als unanzweifelbare Autorität auf einer Wolke thront, sondern »in, mit und unter den täglichen Dingen und Erfahrungen« (Thomas Weiß) sein Wirken entfaltet, nimmt für Hebels Geschichten ein. Die Bibel – oder vielmehr eine einleuchtende Auswahl ihrer Erzählungen – sei niemals zuvor so »flüssig, unterhaltsam, fast witzig« zu lesen gewesen, hat Hebels Biograf Bernhard Viel festgestellt. Es sind Best-of-Bible-Kurzgeschichten, die hier präsentiert werden – als Religionspädagoge, der er auch war, kannte der Dichter die Ungeduld und Fahrigkeit seiner Leser. Die müssen eigentlich nur neugierig sein und dazu bereit, sich überraschen und – warum nicht? – auch mal belehren zu lassen. Altmodisch ist hier nichts.
Nicht immer braucht es Jubiläen. Man kann, wenn man genügend verlegerischen Mut besitzt, fast zweihundert Jahre alte und dennoch heute lesenswerte Texte wie die Biblischen Geschichten auch ohne rundes Geburts- oder Todesjahr neu zugänglich machen. Der schon immer mutige Verlag Klöpfer & Meyer, in dem Hermann Bausinger 2009 Hebels Kalendergeschichten herausgegeben hatte, hat das gewagt, und herausgekommen ist ein schön aufgemachtes Buch, das eine Menge aktueller Lebensweisheiten bietet und nebenbei anschaulich zeigt, dass der nicht nur von Ernst Bloch, Walter Benjamin und Bertolt Brecht verehrte alemannische Dichter ein sprachlich grandioser, lebenskluger und verschmitzt-humorvoller Aufklärer war. Die Biblischen Geschichten bestätigen Martin Walsers Diktum: »Man mag Johann Peter Hebel noch so hoch schätzen, trotzdem unterschätzt man ihn.«
Johann Peter Hebel: Biblische Geschichten (1823). Mit einer Einführung von Karl-Josef Kuschel und einem Nachwort von Thomas Weiß. Tübingen 2017: Verlag Klöpfer & Meyer. 328 S.
Stunden von entsetzlicher Tiefe
Zwölf Meistererzählungen von Friedrich Hebbel
Der Marktflecken Wesselburen, Kreis Dithmarschen, Bundesland Schleswig-Holstein, ist dem Rest der Welt höchstens dadurch bekannt, dass Friedrich Hebbel am 18. März 1813 dort geboren wurde. Im Dezember 1863 hat man den Dichter, der inzwischen als einst vielgespielter Dramatiker fast noch unbekannter ist denn als einer der großen Tagebuchschreiber der Weltliteratur, auf dem Matzleinsdorfer Friedhof in Wien zu Grabe getragen. Was in den gut fünfzig Jahren seines Lebens wichtig war, kann man der Zeittafel entnehmen, die am Ende eines von Monika Ritzer mit einem instruktiven Nachwort versehenen Taschenbuchs steht, das zwölf Meistererzählungen aus ganz unterschiedlichen Lebensphasen enthält. Eine von mehreren Neuerscheinungen zu Hebbels zweihundertstem Geburtstag. Nicht jeder Bücherfan wird unbedingt Prosa aus dem 19. Jahrhundert lesen mögen. Kann man Hebbel empfehlen?
Das Alltagsleben, in dem seine Geschichten spielen, gibt es nicht mehr. Aber Katastrophen, große und kleine, die gibt es immer noch. Hebbel, dessen Sinn für kleinste Nuancen der deutschen Sprache außerordentlich genannt werden muss, ist ein unerbittlicher Gestalter von Tragik, Verwirrung, Zorn, Gewalt, Zerstörung und Tod. Kühn und sprachmächtig erzählt uns dieser Dichter die unglaublichsten, wildesten und abgründigsten Geschichten. Acht Seiten braucht er, und die an einem hellen Sonntagmorgen lustig vor sich hin singende junge Magd Anna ist tot, elend verbrannt in einem Flammeninferno, an dem sie, so ihre letzten Worte, selbst schuld ist. Ist sie das? »Nein, Tochter, ich bin nicht krank, ich sehe bloß voraus, wie alles kommen wird«, sagt der von obsessiven Wahnvorstellungen geprägte, unberechenbare und unheimliche Zitterlein in einer der besten Erzählungen des Bandes. »Gibt es nicht Gesichter, die mich anstarren, wie Larven der Hölle, Augen, deren feindlicher, vernichtender Strahl mich tötet? Hast du nie ein Lächeln gesehen, welches dir jede Freude, jede Lebenslust zusammenschnürte, wie eine Schlange?« Horror hoch drei, dieser Barbier Zitterlein , ebenso wie Die Kuh! Direkt lustig sind sie nicht, diese Texte. Aber sehr zu empfehlen.
Friedrich Hebbel: Meistererzählungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Monika Ritzer. München 2013: Deutscher Taschenbuch Verlag. 254 S.
Der Ungelesene
Ludwig Börne im Taschenbuch
1837 starb Ludwig Börne im Pariser Exil. Heute gibt es Börne-Straßen und -Plätze, und ein angesehener Preis ist nach ihm benannt, immerhin. Aber der Schriftsteller selbst? Ja, die Briefe aus Paris , der zeitweise erbitterte Streit mit Heinrich Heine, abgelöst durch gemeinsamen Kampf gegen den damaligen Stuttgarter Literaturpapst Wolfgang Menzel – eine Geschichte der deutschen Literatur ohne Börne ist noch immer ein Unding. Und doch wurde er nach 1848 immer seltener gelesen. Der kämpferische Demokrat und meisterliche Stilist aus der Frankfurter Judengasse hat keine Gedichte, Dramen, Novellen oder Romane hinterlassen, sondern Essays, Reisebilder, Satiren, Theaterkritiken, Feuilletons – und oft wunderbare Briefe. Aber all das veraltet auch rasch. Nicht ohne Grund gibt es, anders als bei Zeitgenossen wie Mörike oder Chamisso, keine historisch-kritische Ausgabe seiner Werke. In den 1960er-Jahren haben Inge und Peter Rippmann eine fünfbändige Edition erarbeitet, und fast ein halbes Jahrhundert später hat Inge Rippmann daraus ein kleines Taschenbuch destilliert, das sich Das große Lesebuch nennen darf. Niemand könnte das besser als diese Expertin, und so kann man nun ganz bequem – Börne lesen. Soll man auch?
Dass diese frühe Edelfeder des aufgeklärten politischen Journalismus und des eleganten Feuilletons, die an vielen Fronten für Freiheit, Kosmopolitismus und Judenemanzipation kämpfte, durchaus poetisch schreiben konnte, beweisen mehrere der hier versammelten Texte, zum Beispiel die Monographie der deutschen Postschnecke oder die Denkrede auf Jean Paul . Poetische Züge wird man auch in vielen Briefen an seine Freundin und Muse Jeanette Wohl entdecken. Das meiste aber ist doch so sehr seiner Entstehungszeit verhaftet, dass es zum vollendeten Lesegenuss intimer Kenntnisse des vormärzlichen Biedermeier-Europa bedarf. Die aber kann naturgemäß weder die instruktive Einleitung noch der hilfreiche Anhang vermitteln. Schwerlich wird man behaupten dürfen, dass dieses verdienstvolle Lesebuch Lust auf den ganzen Börne macht. Er liegt einfach doch schon hundertfünfundsiebzig Jahre auf dem Friedhof Père Lachaise.
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