Zu diesem Gegenteil rechnete ich damals auch die Tatsache, dass mich ein Urologe mit dem Verdacht auf Prostatakrebs konfrontiert hatte, einfach auf Grund der Tatsache, dass die Werte meines prostataspezifischen Antigens (PSA) weit über dem Sollwert für den Normalzustand lagen. Eine Erhärtung des Verdachts durch eine Biopsie, eine Gewebeprobeentnahme aus der Prostata, hatte ich allerdings nicht zugelassen.
Das waren zwingende Gründe, um mich auch im achtundsechzigsten Lebensjahr noch auf den Weg zu bringen. Inzwischen hatte sich der Krebsverdacht bestätigt und ich bin operiert worden. Mir war bewusst, dass der Erfolg dieser körperlichen Maßnahme von der Änderung meiner Lebenshaltung abhängt, letztlich davon, ob ich die Botschaft meiner Seele verstanden und umgesetzt habe, die in dieser Erkrankung für mich enthalten war. Ich habe mich intensiv mit ihr auseinandergesetzt und ein Buch 2darüber geschrieben. Die Auseinandersetzung hält noch an, hat aber mit dem Hörsturz einen neuen, dringlichen Aspekt hinzubekommen, der letztlich ausschlaggebend für meine Entscheidung zur erneuten Pilgerreise ist.
Dass ich diesmal mit dem Fahrrad pilgern will, hat seine Ursache in meiner Konstitution. Ich bin bis vor Kurzem noch intensiv gewandert und gelaufen. Aber eben nur so lange, wie meine Lendenwirbelsäule die wachsende Zumutung klaglos hingenommen hat. Den Jakobsweg habe ich zu Fuß über die gesamte Strecke mit einem dreizehn Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken problemlos bewältigt. Diese Überzeugung hielt ich allerdings nur solange aufrecht, bis sich die Taubheitsgefühle im rechten Fuß einstellten und ich mich fragte: „Habe ich mir vielleicht doch etwas zu viel zugemutet?“
Seitdem ich diese körperliche Schwachstelle von mir kenne, achte und akzeptiere ich sie. Das ist der Grund für meine Entscheidung, die zweitausend Kilometer nach Rom mit dem Fahrrad zu fahren und mein Gepäck auf dem Pilgerweg vom Fahrrad tragen zu lassen. Ich habe das gute Gefühl, dass die Rechnung aufgehen wird.
„Jetzt fühle ich mich herausgefordert, dich zu fragen, ob du dir auch deiner seelischen Schwachstelle bewusst bist, nämlich nicht zu wissen, wer du wirklich bist. Dein Rückfall in die Abhängigkeit von deinem emotionalen Körper und das dadurch ausgelöste Suchtverhalten weisen dich darauf hin. Würdest du dir seiner sicher sein, wäre deine Reise, ebenso wie dieser Dialog, überflüssig. Es ist dein vorrangiges inneres Ziel, zur Erkenntnis deiner selbst zu gelangen. Diese Frage beschäftigt dich außerdem schon eine ganze Zeit. Nur lässt du dich von weniger wichtigen äußeren Ereignissen in deinem Leben immer wieder von ihr ablenken.
Die volle Entfaltung deines Potentials als Teil der Schöpfung, der du bist, hängt von dieser Einsicht ab. Im Moment geht es dir wie dem Bettler, der auf einem alten Koffer sitzt und die Passanten um einen Euro anbettelt. Er hat noch nicht in den Koffer geschaut und weiß deshalb nicht, dass er bis zum Rand mit Geld gefüllt ist.“
„Deine Metapher ist mir unangenehm und ich fühle mich beschämt. Doch inzwischen weiß ich, dass ich selbst verantwortlich für das Finden meiner Wahrheit bin, auch wenn es das nicht einfacher macht. Der erste Impuls auf meinem Weg zur Einsicht wurde mir geschenkt. Ich konnte ihn nicht durch irgendeine Maßnahme veranlassen. Er ist mir zuteil geworden durch Gnade. Ich hatte bis dahin nicht einmal die leiseste Ahnung davon, dass es so eine Frage überhaupt gibt. Heute ist sie zur wichtigsten Frage meines Lebens geworden. Ich will den Deckel anheben und in den Koffer schauen!“
„Du hast die Bedeutung dieser existentiellen Frage für dich erkannt und bist dir deiner Verantwortung bewusst, die Antwort darauf zu bekommen. Das hilft dir, präsent und bereit dafür zu sein, sie zu empfangen. Auf die bewusste Wahrnehmung dieser Verantwortung weist das Gleichnis von Jesus mit den zwölf Jungfrauen hin. Es demonstriert die Notwendigkeit, das Licht bereitzuhalten für jenen nicht bekannten Augenblick, in dem der Bräutigam kommt. Man könnte auch sagen, du musst für den richtigen Sender auf Empfang eingestellt sein, um die lebensentscheidende Nachricht nicht zu verpassen, von der du nicht weißt, wann sie ausgestrahlt wird.“
„Ich verstehe unter Glauben genau diese innere Haltung, mich für die Möglichkeit des Empfangs der Antwort auf diese wichtigste Frage in meinem Leben offen zu halten, diese Möglichkeit überhaupt zu erkennen und zuzulassen. In meiner Verantwortung liegt es dann, mir die Räume zu schaffen, in denen sich diese Möglichkeiten in Erfahrungen umsetzen lassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die vor mir liegende Pilgerreise solche Erfahrungsräume eröffnet.“
„Mit etwas Abstand sollte es dir möglich sein zu erkennen, dass dein ganzes Dasein auf dieser Erde einer Pilgerreise gleicht. Das Ganze, was du als dein Leben betrachtest, ist ein Raum, der dir zur Verfügung steht, um dir das Finden der Antwort auf deine Frage durch konkrete Erfahrungen zu ermöglichen. Deutlicher als am Ende deiner ersten Pilgerreise konnte ich es dir nicht zeigen.“
Ich versuche, mich an das Ende dieser Reise zu erinnern, das ich am Kap Finisterre erreichte. Ich musste noch drei Tage dranhängen, um die hundert Kilometer von Santiago aus bis dahin zu bewältigen. Dabei war es nur ein unklares Gefühl, das mich ahnen ließ, etwas Wichtiges könnte mich dort erwarten.
Auf einem Weg durch Ginster, Heidekraut und Latschenkiefern bin ich am oberen Punkt des Kaps angekommen, der mir unvermittelt den atemberaubenden Ausblick auf den Atlantik freigab. Die Weite der Landschaft mit dem Ausblick auf die Berührungslinie zwischen dem tiefen Dunkel des Wassers und dem lichten Blau des Himmels an einem fernen Horizont hat mich tief ergriffen.
Ich bin dann langsam und sehr bewusst den Hang hinabgestiegen. Weit unten lagen ein Haus und eine Wetterstation. Haltgemacht habe ich erst beim Erreichen des aus Beton geformten Steines, der das Ende des Wegs anzeigte. Ich habe diese Steine im Verlaufe meines Pilgerwegs immer wieder angetroffen. Bronzene Täfelchen, die in diesen Steinen eingelassen sind, zeigten mir jeweils die Entfernung an, die noch bis Santiago zurückzulegen war. Manchmal war auch nur noch der Stein da, das Täfelchen war von Souvenirsammlern herausgebrochen worden. Doch hier gab es eine Bronzetafel und sie zeigte mir an: ‚0,0 km‘.
Den Schauer, der mir beim Lesen dieser Zahl den Rücken hinab lief, kann ich noch jetzt spüren. Ich stand vollkommen still und wagte kaum zu atmen, um nicht die Heiligkeit dieses Augenblicks zu zerstören, die ich plötzlich so unmittelbar empfand. Ich fühlte deutlich, dass mir jetzt eine wichtige Erfahrung zuteilwerden würde, dass sich einen Augenblick lang der Schleier heben würde, der mich bisher von der Wahrheit getrennt hatte. Ich setzte langsam den Rucksack ab und blickte auf den Weg zurück, den ich gekommen war. Deutlich konnte ich den gelben Kies sehen, der sich als breites Band den Hang hochschlängelte und sich in der Ferne als dünner Faden verlor.
In diesem Moment vollkommener Klarheit wusste ich, dass sich mir hier mein Lebensweg zeigte, von dem ich das Gefühl hatte, dass er weit hinter mir lag. Jetzt war ich hier, an diesem Stein mit dem Namen Nullkommanull. Er symbolisierte mir das Ende meines Lebenswegs. Die Zeit, die dieser Weg scheinbar eingenommen hatte und die mir immer ewig lang erschienen war, war auf diesen Augenblick zusammengeschmolzen. Ich erkannte ganz plötzlich die Illusion, die mich hinsichtlich der Länge dieser Zeit genarrt hatte. Ich fühlte, dass es nur diesen Augenblick gibt. Es ist immer ‚Jetzt‘.
Über den Stein hinweg sah ich zu der Linie am Horizont, an der sich Himmel und Wasser berührten. Dorthin würde ich gehen und nichts von dem, was mir bisher als unentbehrlich galt, würde ich dorthin mitnehmen können. Selbst meinen Rucksack würde ich dort nicht mehr brauchen. Was von mir sollte überhaupt auf diese andere Seite gelangen, die sich mir jetzt als deutliche Ahnung zeigte?
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