Und was ist es bei Hirschau und bei den Ort Ursensollen gewen? Mitte April, das die Unsern gerade auf die Stadt Regensburg sind losgereiset …
Itzt weiß Man es …«, hatte Vater Stralz, wahrscheinlich zu Ende des Monats, noch beigefügt, » … in der Nahent von Avensberg, muthmaßlich auch in Thann oder Straubing habent die Österreicher einen Pluzer gemacht. Alsdann auch Regensburg ist in Verlur, und der Napoleon marschiret gegen den Inn. Also es wird Ernst. Doch ist zu verhoffen, daß dem zu Folge die Sach einen bessern Fortgang nimt, maßen der Mensch auf Eigenen Grunt und Boden mehrer Gewalt und Selbstvertrauen hatt.
Es bedauert Einen nur, das die Leuth in Wirtshaus ihnere Brothladen weitmächtig aufreißent, und Trotz dessen die Franzosen schon zweymahl unser Dorf Heimgesucht haben, noch glaubent: der Herr Gott wird uns baß behütten. Ebenso Übel steht Ihnen das Kritisieren über den Generalissimus an. Maßen Man einen einzigen Menschen, eh daß sich der Ausgang gezeiget, keines Unrechts nicht zeihen soll und selbiger Karl sich vor dem Krieg ohnedem gewehrt hatt. Der Pfleger, welcher seine gantze Hoffnung auf sein Erzherzog Johann sezet, geht mir seit einer Wochen stätig aus den Weg, weil die nachricht von Italien nicht dazu angethan ist, neuen Muth zu schöpfen …«
Solches schrieb Vater Stralz und legte in seiner Art die Ereignisse zurecht, wie sie sich eben ins Gebirge heraufverschlugen. Es war sicher ein unvollständiges und einseitiges Bild, welches er und die Öblinger empfingen, zumal ihnen ja eine wirkliche Berührung mit der Welt mangelte, jedoch darum nicht weniger innig und ernsthaft; denn in Bruchstücken liegt oft mehr Gründlichkeit als in einem wirbelnden Ganzen. Immerhin belebte die meisten noch eine bewundernswerte Spannkraft. Sie hatten das sichere Gefühl, eine heilige Sache auszutragen. Und im Taumel des Außergewöhnlichen dahinlebend, vergaßen sie vielfach der Entbehrungen und Opfer, die ihnen täglich auferlegt wurden. Sie vergaßen aber auch den einzelnen; und ihren Blick auf die Oberfläche der Ereignisse richtend wie auf eine schwebende Gewitterwolke oder ein Meer, beachteten sie abertausend verschwindende Schicksale nicht, ausgenommen jene zunächst Betroffenen, welche durch einen Bruder, Freund oder Sohn gerufen, geistig, vielleicht sogar augenscheinlich seiner Qual beiwohnten; ausgenommen auch die wenigen, welche ein unbedecktes Herz haben, alle fremden Wunden und Tränen fühlen … auch wenn selbe nicht offenbar sind. Item, es litt jeder für sich allein, starb jeder seinen Tod, und es ist nicht auszudenken, um wieviel schrecklicher die Vorstellung eines Krieges ist, wenn gleichsam nicht die Wolke, sondern die Tropfen betrachtet werden.
Durch Flüchtlinge, kranke Soldaten, teilweise schon durch französische Patrouillen, welche auf Vormarsch und Streifzügen begriffen in weiterer Umgegend, hauptsächlich jenseits des Mitterberges, zu treffen waren, weil dortselbst die Poststraße vom Salzburgischen herein durch das ganze Ennstal führte, vernahmen die Öblinger eines Tages zu ihrem Schrecken, daß Kaiser Napoleon mitsamt seinen Generalen schon in Linz wäre.
Das begab sich zu Anfang Mai.
Zuerst liefen die Leut alle aus den Türen wie bei einem Erdbeben, stellten sich schockweise zusammen, und insbesondere die Weibsbilder zeterten bänglich. Die Kinder aber, wie dieses gemeinhin der Fall ist, empfanden ein Grauen, mit unsäglicher Lust vermischt, und Raimund Winkler hatte seine liebe Not mit ihnen. Wohlgemerkt, die älteren von ihnen, welche sich um ein paar Jahre zurückerinnern konnten, erzählten während der Schulstunde überlaut, wie es bei einem französischen Durchmarsch zugehe, und die blühende Einbildungskraft stattete solche Berichte ganz höllisch aus.
Winkler ging mit finsterem Gesicht zwischen den Bankreihen, hielt sein Stäbchen auf dem Rücken und dachte über die Beschwerlichkeiten des Lebens nach. In Stunden, wo es sich darum handelte, die kleinen Habseligkeiten und Ersparnisse zu beschützen, fehlte ihm seine selige Ehefrau noch mehr. Er bewegte sich hilflos durch das wachsende Geschrei und wußte augenblicklich nicht, gegen welche peinigende Anfechtung er sich wehren sollte. Es sang und surrte in der Stube wie ein Bienenschwarm. Und er riß das Fenster auf, wobei er seines sonnigen Gemüsegärtleins ansichtig ward und auch im Stall die graue Ziege meckern hörte; wie ihn deuchte, aus Angst um ihr zaundürres Leben. Da wußte er plötzlich klar, daß alles Eigentum ganz entblößt dastund, und daß die Franzosen, insofern sie kamen, an seinem schön geschichteten, auffallend weißen Fichtenholz, an seinen gelben Salatpflanzen, an Geiß und Ferkel sich vergreifen mußten.
Und jählings fuhr er mit dem spanischen Stäbchen zwischen die lärmenden Kinder, teilte Batzen aus, fürnehmlich seinen eigenen Sprößlingen, und hieß sie den ersten Glaubensartikel zur Straf und Buße auf der schwarzen Schiefertafel niederschreiben. Aber noch hatten die Flinksten damit nicht angefangen, als er sie sammentlich aus dem Häusel jagte.
Die Kinder hatten alsbald ihren Ranzen weggeworfen, und was nicht von besorgten Müttern oder Kindsfrauen rechtzeitig gefaßt und in der Schlafkammer eingesperrt wurde, rannte stracks nach Gstatt und Strimitzen, ja selbst auf den Mitterberg, und paßte; wie nun ein Busch im Winde rauschte und raschelte, wie von fern ein Mensch oder ein Pferd sich blicken ließ, schrien sie:
»Die Franzosen kömmen!«
Und so geschah es, daß der Pfleger von Gstatt des öftern einen Boten nach Öblarn sandte zur Warnung und Verständigung, und daß dieser Bot, laufend und schwitzend, schon den Feind hinter sich wähnte. Der Torschuster rief, von solcher Kunde aufgeregt, dem Bäcken durchs Fenster zu, übers Steffel marschiere ein ganzes Bataillon; und der Bäck schrie es dem Schlosser hinüber, daß der Franzos in kurzer Weil müsse bei der Ennsbrücke sichtbar sein. Da zeigten sich auch schon in den Dachluken des Verweserhauses etliche Knappen mit Pistolen und Vorderladern bewaffnet. Georg Staudacher ließ Pulver stampfen. Und der Pfarrer schloß alle Kirchentüren langsam und sorgfältig ab.
Im innern Dörfel, jenseits der Walchen, erfuhren sie es beinahe zu gleicher Zeit; als nämlich die Veitkramerin ein Schaff Wasser vom Bach holte, bedeutete ihr Raimund Winkler von weitem, sie sölle nur geschwind sich bergen, item der Feind wäre im Anzug.
Sie verstand es so halb und halb, weil der Bach spritzte und gluckste, aber sie schlug die Hände überm Kopf zusammen und lief, um einige Beihilf bittend, zum Nachbarn. Die Stralzin fing fast zu weinen an. Denn ihr Ehewirt ergötzte sich wieder einmal auf weitem Spazierwege. Und wenn nicht ihr Bruder Sebastian zur selben Stund gütlich gekommen wär und hätte den Bräuknecht und die Dienstboten geheißen, wie Häuser und Höfe zu verschanzen seien, es möchte ihr die Angst wohl geschadet haben.
Der ganze Nachmittag war angefüllt mit überstürzter Arbeit. Sie sammelten das Vieh, welches noch nicht auf die Alm getrieben war, und mancher arme Keuschler brachte seine Kuh zum Stralzen, zum Torbäcken oder Talmoar, weil diese einen festen Stall hatten. Kein Fuhrwerk rollte über die Gasse. Kein Mühlrad ging am Bach. Die Hausväter schritten ihren Besitz ab, Balken, Schlösser und Riegel prüfend. Die schöne Leinwand, in langer Winternacht gespunnen, in sauberen Maitagen gebleicht, war hinter die hohen Dachsparren gelegt. Die Butterstrutzen und das Selchfleisch lagen nunmehr in einem muffigen Kellerschluf. Und das Geld und Geschmeid war an einem versteckten Platze eingemauert.
Die Mutter Stralzin ging auch, als es dunkel wurde, mit einem Leuchter in die alte Rauchküche, gefolgt von Regina, so in eiserner Spatel die Silbergulden und Golddukaten, Ohrring, Halskette und das elfenbeinerne Kreuz von Jerusalem trug.
Die Frau Mutter sagte: »Bst!« und hob nach längerem Tasten einen Stein aus der Wand, legte den Schatz in das Loch, welches voll Asseln und Ohrwürmer und Spinnweben war, und sagte, dem Dirnlein ins Gesicht leuchtend:
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