Feigheit beruht also auf der trügerischen Annahme, Vorteile einzubüßen, wenn man sich nicht anpasst, und darauf, Nachteile zu bekommen, wenn man zu seiner eigentlichen Überzeugung steht.
Spontane Hinderungsgründe, Zivilcourage zu zeigen
»Bei dieser Übermacht bin ich gar nicht in der Lage einzugreifen.«
»Wenn ich mich einmische, bekomme ich bloß Ärger.«
»Vielleicht schätze ich die Situation falsch ein.« »Wer weiß, was der andere angestellt hat, dass sie ihn angegriffen haben.«
»Warum helfen denn die jüngeren Kerle nicht, die da herumstehen?«20
Allgemeine Hinderungsgründe
Abstumpfung
Unsere Zeit prägt das Wort non helping-bystander-effect 21. Dieses Wort bezeichnet das Gegenteil von Mut. Es bezeichnet das immer häufiger beobachtete Verhalten, dass Menschen wie gebannt schreckliche Ereignisse hautnah beobachten, ohne ein dringendes Bedürfnis zur Tat zu empfinden. Dieser neue Begriff fordert uns heraus, darüber nachzudenken, inwieweit wir uns selbst zwischenzeitlich ebenfalls statt zu mutigen Menschen zu Unterhaltern eines Zeitgeistes entwickelt haben.
In den Medien erheben Journalisten den moralischen Zeigefinger – häufig diejenigen, die von Berufs wegen eher dazu bereit sind, eine Gewalttat zu filmen, statt sie zu verhindern: »Rentner in U-Bahn zusammengeschlagen und ausgeraubt – zwanzig Fahrgäste schauten zu.« Wir lesen solche Meldungen mit Empörung, begreifen aber auf einmal, was in den Wegschauern vorgeht, wenn wir selbst in ihre Situation geraten. Dann fragen wir uns plötzlich: Ist das meine Aufgabe? Wo ist denn die Polizei?
In einer Umfrage des Münchner Instituts für Recht und Wirtschaft haben 86 Prozent aller Zeugen von Gewalttaten nicht geholfen. Als Gründe (Mehrfachnennungen waren möglich) nannten 66 Prozent Angst vor dem Täter. 86 Prozent fürchteten, dass sie statt einer Belohnung mit juristischen Konsequenzen zu rechnen hätten. Immerhin 16 Prozent nannten Gleichgültigkeit als Motiv. Bei der Frage, ob sie künftig helfen wollten, antwortete weniger als ein Viertel mit einem eindeutigen Ja.22
Verdrängung, Machtdenken, Profitstreben
Auszüge aus dem Interview des Spiegels mit dem Historiker Prof. Hans Mommsen23 wollen Einblick zu dieser Fragestellung geben.
SPIEGEL: Herr Professor Mommsen, warum hat es unter den Wirtschaftsführern so wenig Widerstand gegen Hitler gegeben?
Mommsen: In der Tat tauchten bestimmte Berufsgruppen im Widerstand überhaupt nicht auf, darunter Repräsentanten der Wirtschaft. Von den Industrieführern haben nur wenige wie Robert Bosch und Paul Reusch, der Vorstandsvorsitzende der Gutehoffnungshütte, eindeutig Stellung gegen Hitler bezogen. Die Wirtschaftsführer waren offensichtlich zu sehr in die tägliche Arbeit eingespannt, um Abstand zum Regime zu gewinnen.
SPIEGEL: Die Mehrzahl der Manager hatte kein Unrechtsbewusstsein?
Mommsen: Das ist richtig, und man sollte dabei bedenken, dass sie schrittweise in das System der Zwangsarbeiterbeschäftigung gelangten. Es begann mit dienstverpflichteten Arbeitskräften aus den Benelux- und den skandinavischen Ländern sowie aus Polen. […] Letztlich aber haben die meisten Konzerne diesen Weg gewählt, häufig, um die Verlagerung der Betriebe unter Tage zu ermöglichen. […] Es gab nicht nur bei den Belegschaften, sondern auch bei den Managern eine Art Flucht in die Betriebe, um sich nicht die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns eingestehen zu müssen. Die Masse der Wirtschaftsführer und Unternehmer stand dem Regime bis zuletzt loyal gegenüber. […] Die direkte und indirekte Mitverantwortung der Unternehmensführungen für Verbrechen des NS-Regimes entzieht sich in der Regel juristischen Kategorien. Die politisch-moralische Mitverantwortung der Manager für die Rüstungs- und Ausbeutungspolitik des NS-Systems und ihr »Abgleiten in die Barbarei« sind unbestreitbar.
Angst
Angst ist notwendig, um Gefahren und die eigene Überforderung zu bemerken, aber Angst kann auch sehr negativ sein, weil sie uns dazu verleitet, unsere Identität und Authentizität zu verkaufen und preiszugeben. Das kann die Angst vor dem sein, was andere sagen, die Angst davor, Ruhe und Ruf zu verlieren, Ärger, Schwierigkeiten oder gesellschaftliche Isolierung zu erfahren, und die Angst vor Kollegen: »So etwas tut man nicht.« Weiter ist hier auf die Angst vor dem Vorgesetzten hinzuweisen, der seine Machtposition ausnützt, wenn er erklärt: »Ihr Ton ist unmöglich, Sie sollten die Konsequenzen ziehen.« Die Angst kennt viele Gesichter: Angst, selbst Verantwortung zu übernehmen, Angst vor Nachteilen, Angst vorm Ausgeschlossensein, Angst, die richtigen Worte nicht zu finden, Angst, sich zu blamieren und die Geborgenheit des gewohnten Umfeldes zu verlieren, Angst, den Schutz der Vorgesetzten zu verlieren, Angst, den Arbeitsplatz und die Versorgung der Familie zu gefährden. Jedes Jahr werden Tausende Fälle von schweren Misshandlungen nicht bekannt, weil Nachbarn aus Angst davor, es sich mit den Leuten zu verderben, schweigen.
Undurchschaubarkeit
Das Mitschwimmen im breiten Strom ist sehr bequem. Hier steht der Einzelne nicht mehr vor Herausforderungen, die zu einer klaren Entscheidung zwingen, wie im Dritten Reich zwischen Gehorsam und Gehorsamsverweigerung, zwischen Anpassung und Gefängnis, sondern er findet sich in diffusen Situationen, die schwer abzuschätzen sind, weswegen er sich nicht mehr die Mühe machen will, um den richtigen Weg zu ringen.
Anonymität
Wir kennen weder Opfer noch Täter, noch die übrigen Zeugen. Dadurch ist sich jeder bewusst, dass er nur zufällig am Ort ist. Hätte man die U-Bahn davor erwischt, würde man von dem Verbrechen am nächsten Tag nur in der Zeitung lesen. Wer sich abwendet, muss keine Konsequenzen für seinen Ruf fürchten. Man sieht die Beteiligten höchstwahrscheinlich nie wieder.
Wir haben tausendmal Überfälle und Morde im Fernsehen beobachtet und mussten niemals eingreifen, weil ein Kommissar am Ende den Täter zur Strecke brachte.
Alltäglichkeit
Gewalt in den Medien ist unser Alltag. Die Rolle des Zuschauers ist uns längst vertraut. Wir haben tausendmal Überfälle und Morde im Fernsehen beobachtet und mussten niemals eingreifen, weil ein Kommissar am Ende den Täter zur Strecke brachte.
Beispiel einer Handlungsempfehlung
Wirksame Hilfe ist möglich, wenn sich die Anwesenden im Vorfeld mit dem Opfer solidarisieren.
Wenn Sie beispielsweise eine Gewalttat in der Vorortbahn beobachten, wenden Sie sich an die Leute neben sich und fragen: Gefällt Ihnen das, was sich dort vorbereitet? Wollen wir alle zusammen aufstehen und uns einmischen? Besteht ein begründeter Verdacht auf permanente Gewaltanwendung in der Nachbarschaft, genügt schon ein anonymer Hinweis an das Jugendamt, um die Behörde zum Nachforschen zu veranlassen. Eine offene Zeugenaussage ist natürlich besser. Eine Frau wird bedroht. Sie haben Angst einzugreifen. Es könnte ja sein, dass das Opfer gar keine Hilfe will und sagt, Sie sollen sich zum Teufel scheren. Wenn Sie wissen wollen, ob eine echte Bedrohung vorliegt, fragen Sie: »Brauchen Sie Hilfe?« Oft genügt schon die Drohung, dass Sie die Polizei rufen und als Zeuge aussagen werden.
Was bewirkt die Anpassung gegen die inneren Überzeugungen?
Lieber ein Knick in der Karriere als im Rückgrat.
Die negativen Folgen der oft unreflektierten Anpassungsmentalität in unserer westlichen Kultur sind langfristig viel größer als ihr vermeintlicher Nutzen. Die Anpassungsmentalität zerstört lebendigen Menschen machen kann. Die Folge ist, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als vorgekautes Leben aus der Konserve zu konsumieren (Filme, Erlebnisparks, Shows etc.), wobei jedes Risiko und jeder überraschende Ausgang ausgeschaltet sind. Aber echtes Leben ist Risiko und nicht bloßes Funktionieren.
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