Zivilcourage ist eine Eigenschaft im Umgang mit anderen, denen man sich öffnet und aussetzt. Sie bedeutet das Wissen um die Verantwortung nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch gegenüber der Gemeinschaft und Gesellschaft. Zivilcourage ist ein Handeln, das auf Mut, Gemeinsinn und Orientierungsvermögen zugleich beruht.7
Da wir nicht nur Unterschiedlichkeit, sondern auch Gleichheit in der Bedeutung von Mut und Zivilcourage feststellen, werden wir beide Begriffe in diesem Buch synonym zur Anwendung bringen. Aus dem Kontext wird die jeweilige Bedeutung klar hervorgehen.
Zivilcourage ist Stärke
Fortitudo ist eine der vier Kardinaltugenden (Prudentia, Temperantia, Fortitudo und Justitia), die sich im Laufe der abendländischen Geschichte unter den sieben Grundtugenden als besonders relevante und zeitlose Werte herauskristallisiert haben. Fortitudo bedeutet Entscheidungsstärke, Mut, Zivilcourage. Der Gegensatz von Fortitudo ist Inconstantia , was so viel bedeutet wie Unentschiedenheit oder Wankelmut.
Aristoteles bezeichnete Mut als eine Tugend. Tugenden liegen nach dem Philosophen in der Mitte zwischen zwei Extremen. Mut liegt zwischen den beiden Extremen Feigheit und Leichtsinn. Der Mutige kann die beiden Extreme ausbalancieren. Mut oder Zivilcourage ist die aktive Balance zwischen Feigheit und Leichtsinn.
Zivilcourage ist in Friedenszeiten das, was in Ausnahmezeiten Widerstand ist
Dem Mut des Einzelnen in einer zivilen, bürgerlichen Gesellschaft entspricht die Gehorsamsverweigerung bis zum Widerstand in einer Gesellschaft, die überwiegend auf Befehl und Gefügigkeit setzt. Zivilcourage für eine Zivilgesellschaft ist also das Pendant zu dem, was in einer autoritären Gesellschaft Widerstand bedeutet. Sie ist die demokratische Tugend eines Bürgermuts, die durch ständige Übung, bei gleichzeitiger, schrittweiser Überwindung der Angst und des Konformismus, entsteht.8 Nur wenn Zivilcourage im Alltag eingeübt wird, kann der Widerstand im Ausnahmefall funktionieren .
Nur wenn Zivilcourage im Alltag eingeübt wird, kann der Widerstand im Ausnahmefall funktionieren.
Dennoch kann man eine Haltung des Mutes in Friedenszeiten nur sehr bedingt mit dem Widerstand in Diktaturen vergleichen. Die Schwägerin von Dietrich Bonhoeffer schreibt in ihren Memoiren zu Recht: »Wenn heute bei uns im Westen von Widerstand gegen Nachrüstung im Vergleich mit Widerstand gegen Hitler gesprochen wird, so ist der Vergleich so unmöglich wie ein Vergleich zwischen Apfel und Stuhlbein.«
Zivilcourage ist Überwindung von Angst
Zivilcourage ist eine Handlung, die sich von der normalen Handlungsweise abhebt und die eigenen Grenzen überwindet. Darum spielt bei praktizierter Zivilcourage auch immer die Überwindung von Angst eine Rolle. Angst ist eine individuell unterschiedlich geartete Grenze, die vor gefahrvollen Handlungen schützen kann. Zivilcourage geschieht in der Auseinandersetzung mit der Angst. »Hier tut ein Mensch, was er zu tun hat – trotz aller persönlichen Folgen, trotz aller Hindernisse, Gefahren und Drohungen.«9
Zivilcourage ist eine minoritäre Überzeugung
Zivilcourage ist das Entstehen einer individuellen, im Verhältnis zum Zeitgeist minoritären Überzeugung. Weil am Anfang einzelne Bürger ihre Überzeugung bekannten, wurden später durch den Mut Einzelner viele bewegt und dadurch grundlegende Veränderungen bewirkt.
Zivilcourage orientiert sich an menschlichen Grundwerten und am persönlichen Gewissen.
Zivilcourage ist das Gesicht der Authentizität
Zivilcourage ist der lebendige Ausdruck von Authentizität. Zivilcourage bedeutet, Authentizität auch unter Druck zu bewahren. Sie ist der Mut, für die persönliche Überzeugung notfalls auch gegen den Zeitgeist und gegen die durch den Zeitgeist geprägte öffentliche Meinung einzustehen, auch auf die Gefahr hin, dass einem dadurch erhebliche persönliche Nachteile entstehen. Zivilcourage ist eine öffentliche und offene Meinungsäußerung. »Den Menschen und den Sachen gerade in die Augen zu sehen und sich dabei auszusprechen, wie einem eben zumute ist, dieses bleibt das Rechte, mehr soll und kann man nicht tun.«10 So kommt auch Rainer Werner Fassbinder zu dem Schluss: »Ich werde lieber gehasst für das, was ich bin, als geliebt für das, was ich nicht bin.«11
Zivilcourage heißt Verantwortung übernehmen
Wer Zivilcourage zeigt, übernimmt aktiv, freiwillig und eigenständig Verantwortung für andere und für sich selbst.
Zivilcourage ist ein bewusstes Wahrnehmen von Verantwortung im überschaubaren, unmittelbaren und persönlichen Wirkungs- und Gestaltungskreis. Sie umfasst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ohne die Angst vor etwaigen Reaktionen mit Problemen und Situationen umgehen zu können.12 Wer Zivilcourage zeigt, übernimmt aktiv, freiwillig und eigenständig Verantwortung für andere und für sich selbst. Zivilcourage ist ein innewohnendes Lebensmuster, das sich in gegebenen Situationen spontan ergibt und abrufen lässt.
Zivilcourage ist eine Verbindung von Charakter und Persönlichkeit
Ein Mensch mit Zivilcourage zeigt, dass er um sein individuelles Gewissen und seine Verantwortungspflicht weiß, die ihm keiner abnehmen kann. Zivilcourage ist eine Tapferkeit des Herzens.13 Diese verbindet sich beim gereiften Menschen mit dem, was seinem eigentlichen Wesen und seinem Wollen wirklich entspricht. Nur in dieser Verbindung gelangt der Mensch zu der Wirkungsqualität, die ihn in der Einwirkung auf andere wertvoll und echt macht.
Zivilcourage richtet sich in erster Linie nach Werten, nicht nach Zielen
Das Wesen der Zivilcourage besteht nicht darin, nach Erfolg zu fragen, sondern bedeutet in erster Linie, vom Wert bestimmt zu sein und sich an den Werten auszurichten. Das übergeordnete Prinzip sind die Werte und nicht die Ziele. Deswegen wird derjenige, der echte Zivilcourage leistet, diese unabhängig vom Erfolg seiner Tätigkeit ausüben. Zivilcourage zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie aktiv wird, ohne vom Ziel her gewiss zu sein. Das Wesen der Zivilcourage besteht nicht darin, andere Menschen um jeden Preis überzeugen zu müssen. Sondern ihr Wesen besteht in der Fähigkeit, anderen gegenüber das frei ausdrücken zu können, was man denkt und fühlt.
Zivilcourage ist für jeden verfügbar
Mut und Zivilcourage sind für jeden verfügbar. Die Fähigkeit des Menschen zum Mut macht Zivilcourage möglich, die Neigung des Menschen zur Feigheit macht Zivilcourage nötig. Der wirklich Mutige ist niemals angstlos, sondern stellt sich der ängstigenden Situation in dem Bewusstsein, verwundbar zu sein.
Schließlich ist festzustellen, dass Zivilcourage nicht verordnet werden kann. Zivilcourage entsteht immer aus persönlichem Antrieb und eigener Initiative.
Nichts ist so faszinierend wie gelebter Mut und Authentizität
Wenn ich zurückblickend überlege, was mich schon als Kind am meisten beeindruckt hatte, dann waren es Menschen, die sich mit Mut und der Bereitschaft, persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen – bisweilen unter Einsatz ihres Lebens –, für eine gerechte Sache eingesetzt hatten. Es handelte sich um authentische Menschen, die auch unter Druck und widrigen Umständen so blieben, wie sie waren, die sagten, was sie dachten, und die lebten, wie sie redeten. Einige von diesen Wenigen kamen leider nur in Filmen oder Abenteuerbüchern vor.
Warum sind Menschen feige?
Was mich als Kind bisweilen in Konflikt mit der Erwachsenenwelt brachte, waren meine als vorlaut abgestraften Entgegnungen auf gewisse Erklärungen. Wenn ich Erwachsene auf ihre fehlende Zivilcourage in schweren Zeiten angesprochen hatte, führten sie ihre Fürsorgepflicht für die Familie ins Feld und antworteten mit: »Wir hatten ja keine andere Wahl.« Oder sie beriefen sich auf ihre Ahnungslosigkeit: »Wir haben ja im Grunde von nichts gewusst.« Sie waren also aus Selbstschutz bewusst ignorant. Oder die »besondere Situation« wurde als Ausrede verwendet: »Die Umstände haben es nicht zugelassen.« Aber wann lassen es die Umstände überhaupt zu, mutig zu sein?
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