Und wo war das noch, das neue Bild da mit den krummen Birken, die vor dem Jungen buckeln? Das muss die Landstraße sein. Na klar, der wäre da schon gern mal mit einem Auto gefahren. Aber wie das? Nein, Hans kann sich noch nicht einmal erinnern, dass ihn dort auf seinem Rückweg von der Schule jemals ein Auto auch nur überholt hätte. Wer hatte schon ein Auto? Die waren alle im Krieg. Aber ein Pferdefuhrwerk schon. Lange bevor es bei ihm wäre oder er sehen könnte, ob es vielleicht ein Bekannter ist, der ihm den Fußweg abkürzen könnte, würde er es hören. Das Geratter der stahlbereiften Holzräder auf dem Kopfsteinpflaster ist viel lauter als die Hufe der Pferde. Auch wenn das Gespann in dem Fahrstreifen mit dem losen Sand neben der Straße fährt, ist es noch laut. Irgendetwas quietscht oder klappert immer an den Leiterwagen.
Sein Weg von der zwei Kilometer entfernten Schule in Seppensen ist endlos und langweilig. So langweilig wie die Schule. Er hat seinen Platz dort in der ersten Reihe, wie alle Erstklässler. In der Reihe dahinter sitzt die zweite Klasse. Acht Reihen gibt es in dem Klassenraum der Dorfschule. Sein Platz ist ganz links, direkt vor dem Katheder. Der Lehrer ist hoch über ihm und sieht immer über ihn hinweg. Die Tafel kann er nur halb sehen. Und wenn es dann endlich vorbei ist, kommt wieder dieser lange Weg zurück. Es ist langweilig, stinklangweilig. Meistens jedenfalls. Immer auf dem Sandweg neben der Straße. Es sei denn, es gibt Fliegeralarm. Dann muss er den Umweg durch den Wald nehmen. Die Tiefflieger haben es immer auf die Munitionszüge abgesehen, die auf der Bahnstrecke nach Norden fahren, parallel zur Straße, nur eine schmale Tannenwaldfläche an der Seite seines Weges liegt dazwischen.
Da vorne, wo der Wald endet, steht das bescheidene Bauernhaus, in das sein Vater ihn mit seiner Mutter und seinen Geschwistern wegen der Luftangriffe in der Stadt einquartiert hat. Aber es liegt etwas zurück, nicht gleich an der Straße. Für einen Erstklässler ist sogar die Hofauffahrt bis zum Haus ein langes Stück Weg. Und auch auf diesem letzten Teil des Schulweges passiert nie etwas. Hier gibt es keinen Hund, der ihn hätte begrüßen können, keine Kuh, kein Pferd, nur stumme, unverrückbare Birken und trostloses Grün entlang der ungepflasterten, weichsandigen Einfahrt zum Haus.
Von Tante Beuße, der das Haus gehört und deren Mann im Krieg ist, ist auch nichts zu sehen. Die ist vormittags meist auf dem Feld. Oder sie arbeitet in dem großen Garten, der hinter dem Haus liegt. Aber da ist sie auch nicht.
Das Einzige, das ihn an diesem heißen, späten Frühlingsmorgen noch interessieren kann, ist die Pumpe. Direkt gegenüber dem Hauseingang, aber abseits, an der Grundstücksgrenze, steht die Schwengelpumpe, betagt, etwas schief, wackelig und rostig. Sie schreit beim Pumpen immer nach Farbe, die es in der Zeit nicht gibt. Trotzdem liefert sie das ganze Wasser für das Essen, die Wäsche und das Plumpsklosett. Und für das Schwein, dessen Stall direkt am Haus ist.
Aber bevor Hans zur Pumpe geht, sieht er erst zum Himmel. Das macht er jetzt immer, seit letzter Woche, als, während er Wasser pumpte, der Tiefflieger, dieses hässliche, dunkelgrüne Ungeheuer, auf ihn zuraste und sein Maschinengewehr abfeuerte. Ganz plötzlich ist er da gewesen, lautlos, und dann hat er die Lokomotive beschossen und seine Munitionsspur nur wenige Meter neben der Pumpe entlanggezogen. Hans hatte ihn vorher nicht gehört. Es ist schon schwer genug, den Schwengel mehrmals hoch- und runterzuziehen, bevor dann endlich der ungleichmäßige Schwall kommt, etwas bräunliches, nach Eisen schmeckendes Wasser, kalt und frisch, das er mit der Hand in den Mund schöpft.
Auch das Quietschen der Pumpe hat keine Bewegung in das Haus gebracht. Also ist seine Mutter auch nicht da, obwohl die Tür geöffnet ist. Aber die war eigentlich immer offen. Noch nicht einmal der Hahn nimmt Notiz von ihm, sondern kratzt am Rand des Misthaufens weiter. Hans kann also nur das Schwein begrüßen und reißt dazu einen Büschel Löwenzahn neben der Pumpe als Begrüßungsgeschenk raus. Das stinkt hier, denkt er. Die Johannisbeerbüsche haben eine Gießrinne bekommen, die frisch mit Jauche gefüllt worden ist. Aus dem Schuppen hinter dem Haus meldet eine Henne ihren Erfolg. Wenigstens einer sagt hier was, stellt Hans fest.
Fast das ganze Bein hatte der dem Heizer abgeschossen. Die Lok hatte noch versucht den Zug in das Waldstück zu ziehen. Aber der Tiefflieger war schneller gewesen. Mit ungeheuerlichem Lärm war er über den Kopf des Jungen hinweggedonnert, hatte schon lange vorher sein MG spucken lassen, die Munition erst in die Erde gerammt und dann in der Lok versenkt, war hochgezogen und hatte, um ganz sicher zu sein, nach einem scharfen, kurzen Kreis das Ganze noch einmal gemacht. Aber da war Hans schon ins Haus gelaufen. Zitternd hatte er gesehen, wie der Flieger wieder angerast kam, aufheulend vor Hass und Wut. Mit aufgerissenem Mund hatte er in der Haustür gestanden, geglaubt, dass der Angriff des Fliegers ihm galt, noch einmal kam, weil er ihn eben nicht getroffen hatte. Erst später haben die Leute von dem Zug erzählt. Aber es war ein Personenzug gewesen, ohne Güterwagen dran. Sonst hätte der Flieger sicher auf die Güterwagen geschossen, wegen der Munition, die damit transportiert wurde, und nicht auf die Lok, meinten die Leute. Dann hätte der Heizer noch gelebt und wäre nicht verblutet. Aber vielleicht wäre dann das ganze Haus mit Hans in die Luft geflogen und der ganze Zug.
Hans legt sein Ränzel auf den Tisch und geht wieder raus. Hinten im Garten ist auch keiner. Er geht bis ganz an das Ende, wo eigentlich ein Zaun sein sollte, aber, weil es keinen Draht gibt, keiner ist. Er schlendert über die Brache dahinter, bis weit hinaus zu den Weiden, wo der Bach seinen Weg zum Moor sucht. Er folgt ihm, sucht immer mal wieder, ob irgendetwas Lebendes zu sehen ist, was man fangen könnte oder wenigstens beobachten. Hier sind keine Gleise, keine Straße, kein Weg. Hier gibt es keine Gefahr. Nur vor den halbhohen Pflanzen muss er sich in Acht nehmen. Er hat die übliche kurze Hose an, eine Lederhose mit der praktischen Klappe vorn, und seine nackten Beine sind empfindlich ungeschützt.
Hans folgt dem Bach in den Laubwald. Ganz hinten sieht er es heller werden. Irgendwo dort müsste das Sumpfgebiet mit der Pfefferminze liegen. Da könnte er einen Arm voll pflücken und mit nach Hause bringen. Aber als er ins Freie tritt, ist er an eine endlos weite Wiese gekommen, die abschüssig irgendwohin geht. Aber wohin? Er geht am Waldrand entlang, sieht dabei dem kreisenden Bussard nach, pflückt im Gehen eine dünne Gerte und versucht mit ihr die Löwenzahnblüten zu köpfen.
Warum hat der den Heizer erschossen? Der hat ihm doch gar nichts getan. Fuhr da nur die Leute nach Norden, nach Buchholz. Alle sagten, dass der Krieg bald zu Ende sei. Die Tommys seien nicht mehr weit weg.
Da, plötzlich, stürmen zwei Jungen hinter zwei Büschen raus, sind mit zwei, drei Sprüngen bei ihm, drehen ihm die Hände auf den Rücken und schieben ihn auf eine kleine, geschützte Lichtung im Wald. Er will sich noch wehren, aber da drehen sie ihm die Arme so weit um, dass er nur noch gebückt gehen kann. Einer schwingt einen Stock vor seiner Nase.
„Schön friedlich, mein Lieber, oder willst du den mal schmecken? Und wehe du schreist! Dann brennt dir der Arsch!“
Am Rand der Lichtung steht ein kleines Zweimannzelt, zu dem sie ihn hindrängen.
„Rein da!“, herrschen sie ihn an. Er kriecht in sein Gefängnis. Seine Wärter bleiben draußen. Er wartet, ihm scheint es, als wäre schon lange Zeit vergangen, als sich der Zelteingang etwas bewegt.
„Bleib schön ruhig da liegen“, sagt einer der beiden, „du bist unser Gefangener. Wenn du nicht friedlich bist, fesseln wir dich mit Brennnesseln.“
Hans sagt nichts. Er lauscht und wartet. Er hat ihnen nichts getan. Er kennt sie auch nicht. Sie müssen von einem anderen Dorf sein. Ist er in ihr Revier gegangen? Immer wieder lauscht er, ob sich etwas bewegt. Holen die vielleicht noch ihre Freunde? Ganz weit in der Ferne hört er ein Rummeln und Motorbrummen. Das muss das Militär sein. Schließlich traut er sich, vorsichtig durch den Eingangsschlitz des Zeltes zu spähen. Von seinen Häschern ist nichts zu sehen. Immer mehr biegt er die Zeltwand auseinander, steckt den Kopf raus, schiebt den Oberkörper raus. Nichts passiert. Und dann spannt er sich. Mit einem Satz springt er ins Freie und rennt wie wild davon. Als ihm die Luft ausgeht, bleibt er stehen und dreht sich um. Keiner folgt ihm. Er ist allein. Jetzt hat er Zeit und beruhigt sich. Auch sein Atem wird ruhiger. Schade, jetzt geht der Junge aus dem Bild. Aber immer noch nicht in Richtung Heimweg. Wohin will er denn nun noch? Hat er noch nicht genug erlebt?
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