Seitdem waren sie dicke Freunde. So lange, bis der Tommy-Laster sie überfahren hat, auf der Straße vor der Schule. Nein, eigentlich noch länger. Auch bei der Beerdigung auf dem kleinen Friedhof in Fischbek war sie für ihn noch seine Freundin. Noch viele Monate. Er hat sie noch an ihrem Grab besucht, als er schon in Harburg und nicht mehr in Neugraben wohnte. Und ein Stück seines Brotes hat er dann stets aufbewahrt und in ihr Grab gebuddelt.
„Da siehst du es. Der Hans hat sich schon im zarten Alter eines Viertklässlers nicht im Griff. Ein Träumer, dessen Dominanz bereits jetzt nicht zu übersehen ist.“
Wieso redet hier jemand dazwischen? Wer sind Sie denn überhaupt? Und wo sind Sie? Und von wegen dominant! Das sind Übertreibungen. Das sind Kinderspiele. Welches Kind will schon gern besiegt werden? Der ist vielleicht frühreif!
„Kein bisschen. Im Gegenteil. Das wird man noch sehen. Der ist neugierig. Und vor allem ist er zu spontan. Der überlegt nicht lange genug.“
Noch! Das ändert sich. Ich weiß, wie sorgfältig, ja geradezu pingelig er später ist.
„Im Alter vielleicht.“
Und woher wollen Sie das wissen? Vor allem ist er verantwortungsvoll.
„Woran siehst du das denn nun? Jetzt jedenfalls noch nicht, im Alter wird er das vielleicht.“
Na, pass mal auf, gleich kommt die Szene. Sagen Sie, eh, seit wann duzen wir uns eigentlich? Und wo sind Sie denn? Ich sehe Sie nicht.
„Da siehst du es mal wieder. Auf deine Imagination ist kein Verlass. Ich bin da, ohne dass du mich siehst. Deine Bilder täuschen. Du siehst, was du sehen willst. Ich bin der Geist, der stets …“
Hör auf, das ist nicht von dir! Du plagiierst! Außerdem störst du mich beim Nachdenken. Gerade suchte ich den Anfang. Ich klick mal das erste Fenster an. Ja, das kenne ich, das war gleich nach der Einlieferung hier. Aber was war davor? Zurück! Geht nicht. Warum gibt es keinen Zurückbutton? Was war davor? Das habe ich vergessen. Na ja, passiert mir in letzter Zeit ja oft. Aber meistens fällt es mir dann später doch wieder ein. Ich mach erst einmal weiter. Der kommt dann später wieder hoch, der Anfang, wird mir schon noch wieder einfallen.
Zugegeben, die Begrüßung in diesem sorgfältigen Haus ist professionell gewesen, da konnte man nicht meckern. Man hatte mich auf der Trage in die Notaufnahme geschoben und zunächst auf dem Flur abgestellt. Die Mitarbeiter dort hatten viel zu tun, wie immer am Samstag, nachts, wenn die Penner kommen. Aber schon bald kam eine Pflegerin zu mir, um die Ersteinschätzung vorzunehmen. Schließlich musste man zunächst feststellen, ob ich ein dringender oder ein unwichtiger Fall war. Und das war schwierig. Ich war ein Problemfall, da man nicht mit mir reden konnte. Ich hörte zwar die mehrfach wiederholten Fragen, aber leider war ich nicht in der Verfassung, sie zu beantworten. Der junge Mann von der Administration, der normalerweise den Empfang tätigt, fand das auch problematisch. Wichtige Fragen zur Person, wie etwa die nach dem Kostenträger oder Adressen von Kontaktpersonen, blieben unbeantwortet. Aber immerhin konnten die Rettungsassistenten ihm meinen Namen und meine Anschrift mitteilen. Damit musste er nun weitersuchen. Der Pflegerin hatten sie auch keine Hilfestellung geben können. Nur, dass ich nicht mehr ansprechbar gewesen sei, hatten sie ihr gesagt. Als sie der Rettungsleitstelle mein baldiges Eintreffen in der Notaufnahme anmeldeten, konnten sie nur „unklare Bewusstseinslage“ angeben. Dabei hatte ich für solchen Fall doch vorher schriftlich das Wichtigste festgehalten. Dass man im Ernstfall die Mappe vom Nachttisch mitnehmen soll zum Beispiel. Und meinen Haustürschlüssel? Den hatten sie wohl vom Pflegedienst, denke ich.
Wie schon gesagt, in dem Krankenhaus gingen sie professionell vor. Die Pflegerin maß Blutdruck, Temperatur und Puls, Sauerstoffsättigung auch, obwohl ich ruhig atmete. Auch den Blutzuckerspiegel wollte sie wissen. Von daher hätte meine Ohnmacht rühren können, meinte sie. Und einen Port oder eine Braunüle legten sie an, aus der auch gleich Blut für Untersuchungen im Labor abgezapft wurde. Wenn sie mir da wenigstens ein Schmerzmittel reingetropft hätten.
Da keine auffälligen äußeren Verletzungen erkennbar waren, entschieden sie sich für den internistischen Bereich. Ich wurde in ein Behandlungszimmer geschoben und durfte warten. Ihre Messungen hatten keinen Anlass für eine akute Lebensgefahr ergeben. Die kleine Beule an meinem Hinterkopf wurde verständlicherweise übersehen. Meine füllige Künstlerfrisur verdeckt eben nicht nur innere, sondern auch äußere Unebenheiten. Die Behandlungspause tat gut. Die Bilder und Geräusche in meiner Umgebung hatten mich in der letzten Stunde geängstigt, die drängenden Fragen waren mir unangenehm gewesen. Mit aller Kraft wollte ich sie beantworten, aber es kam kein Ton heraus. Immer wieder fragten sie. Immer wieder sollte ich mich anstrengen. Umsonst. Nun war endlich Ruhe, da hätte ich abschalten können, wenn die Schmerzen im Kopf nicht gewesen wären.
Die sehr tüchtigen Angestellten in der Notaufnahme vermuteten schon bald, dass mir ein Gehirnschlag zu schaffen machen könnte, die Folge eines Schlaganfalles oder so. Obwohl sie gar nicht dabei gewesen waren, erkannten sie es an meinem ungewollten Schweigen. Und daran, dass ich ihre Anweisungen nicht befolgte, ihnen nicht behilflich war bei meiner Rettung. Natürlich hätte ich die Wünsche des Arztes gern erfüllt, der immer wollte, dass ich seinen Übungen folge, Hand heben, Bein heben und so weiter, und dass ich ihm erzähle, was passiert sei. Ich hätte ihm gern berichtet. Davon, dass ich sehr oft nachts zur Toilette gehe, wegen des Blasendrangs, schon lange, aber zuletzt immer öfter, dass es mir deshalb unangenehm sei, außer Haus zu schlafen. Auf meine Augentrübung sei nachts auch Verlass. Und mein rechtes Bein schmerze bei Belastung fast immer. Aber ich schaffte es nicht, ihnen behilflich zu sein. Sie waren mir auch nicht böse deswegen. Sie ließen mir Zeit. Hier im Krankenhaus hatte ich viel Zeit. Zu viel Zeit.
In dem Zimmer, das kleine Bild oben rechts meine ich, ging es mir ganz gut. Moment, ich zoom das mal raus, sieht aus wie Intensivstation. War ich dort nicht erst später? Ist ja egal. Viele Erinnerungen habe ich dazu nicht. Ziemlich hell war es da. Die Deckenlampe blendete und ich konnte leider den Kopf nicht zur Seite drehen. Ich konnte überhaupt nichts drehen. Für meine Augen mit Milchglasblick war das nicht gut. Und dann die Geräusche! Da nervte mich anfangs ein penetrantes, regelmäßiges Knacken. Ein immer wiederkehrendes Geräusch, das mir vorkam, als würde es immer lauter. Später, nachdem die weißen Damen mich besichtigt hatten, zur Kontrolle, wie sie sagten, als hätten sie befürchtet, ich könnte weggelaufen sein, und meine Kurven mitgenommen hatten, später hatte ich es als einigermaßen akzeptabel empfunden, das Knacken. Da wusste ich, dass es von dem nervösen Datenschreiber mit der penetrant schleichenden Papierrolle kam. Der mickrige kleine Stift, der die Linien zeichnen sollte, flitzte dauernd hektisch rauf und runter. Aber in meine tiefe innere Ruhe passte das Geräusch nicht. Es wurde auch immer lauter. Ich empfand es als lästig, schließlich störend, immer lauter, selbstverstärkend, ja, beängstigend. Tack, tack, tack, tack, tack, tack!
Ach, da kommt wieder der Junge ins Bild. Da war er noch kleiner, gerade sechsjährig, denke ich, wie er in das Haus rennt. Ein kleines, einfaches Haus aus roten Ziegeln mit Spitzdach. Das Maschinengewehr eines Tieffliegers knattert mit kurzen Unterbrechungen, immer lauter knallt es, wirbelt Dreck auf. Da steht der Hans, zitternd vor Angst, in der Haustür. Was ist es damals gewesen, das mit dem Jungen geschah?
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