Trotzdem muss ich zugeben, der Gedanke, oder vielmehr die Hoffnung, dass man Roswitha erst nach Wochen, Monaten oder möglicherweise überhaupt nie finden würde, erleichterte mich. Und irgendwann wurde aus der Hoffnung Gewissheit. So gesehen stimmte die Geschichte sogar, die ich später Thomas auftischte: Roswitha war spurlos verschwunden.
Aber die Bilder in meinem Kopf, die verschwanden nicht. Immer wieder tauchten sie unvermutet auf und quälten mich. Schon beim Anblick der Kaimauer begann ich zu zittern, mein Magen krampfte sich zusammen, kalter Schweiß lief mir übers Gesicht. Wann immer ich konnte, mied ich die Gegend und zwang mich zu Umwegen. Es dauerte lang, bis die Bilder ihre Wirkung verloren, bis sie verblassten wie alte Fotos. Und erst ein paar Jahre später, den Verkehrsplänen der Stadt und den Baumaschinen sei Dank, erinnerte mich am Kai endlich fast nichts mehr an den Unglücksort: keine viel zu niedrige Ufermauer mehr, an ihrer Stelle ein breiter Radweg den Fluss entlang, gut gesichert durch ein hohes Geländer. Harry’s Pub längst geschlossen. Dafür ein Lokal neben dem anderen und jede Nacht die Hölle los. Hunderte von Jugendlichen, Betrunkene, Randalierer, Polizei. Nein, so ein einsamer Kampf wie damals zwischen Roswitha und mir wäre gar nicht mehr möglich. Nur die Felsen, diese verfluchten schwarzen Felsen unten am Wasser, die liegen immer noch da.
Ich bin ein Mörder, der davongekommen ist, dachte ich. Nicht durch einen perfekt geplanten Mord, sondern einfach durch Zufall. Ich hatte Schwein gehabt.
Bis auf ein Kleinigkeit: Wer war der Mann, mit dem ich Roswitha gesehen hatte? Hatte er etwas gegen mich in der Hand, war er eine Gefahr für mich? Und wenn es so war, warum schwieg er, was hatte er vor? Auf welche Gelegenheit wartete er, wann würde er zuschlagen?
Doch je länger nichts passierte, desto sicherer wurde ich, dass meine Sorgen unbegründet waren. Alles war gut. Ich war schließlich kein Irrer wie Thomas, der überall nur Feinde sah. Ich musste nur noch lernen, mit meiner Schuld zu leben.
Und das gelang mir hervorragend.
Ich verfrachtete die tote Roswitha in den Keller meiner Seele. In den großen Tresor, in dem ich bereits meine toten Eltern abgelegt hatte, sicher verwahrt hinter einer Tür aus schwerem Panzerstahl. Niemand würde die Tote dort jemals finden, davon war ich überzeugt. Niemals würde sie mir gefährlich werden können. Nie wieder würde mich ihr Anblick erschrecken, wenn ich so klug war, den Tresor geschlossen zu halten. Kein Schuldgefühl, kein Pesthauch des Todes würden meine Erinnerung ans Leben vergiften. Ans Glück, das ich empfunden hatte, wenn Roswitha auf mir saß und vor Lust schrie und ihr Haar in der Morgensonne brannte. Was tot war, würde für immer bei den Toten bleiben, ich musste nur noch den Zifferncode vergessen, mit dem sich die Tresortür öffnen lässt.
Soeben habe ich alles durchgelesen, was ich da in den letzten beiden Stunden in meinen Laptop getippt habe. Wort für Wort. Diese ganze erbärmliche, kranke Scheiße. Und mir ist klar, dass mich das jetzt ziemlich mies ausschauen lässt, milde ausgedrückt. (Was Frau Doktor Freud von mir dächte, wenn ich es ihr erzählen würde, möchte ich erst gar nicht wissen.)
Egal. Ich lass das jetzt einmal so stehen.
distanzverlust
protokoll 1
mit diesem protokoll versucht die verfasserin, ihren schrittweisen verlust an emotionaler distanz zu einem ihrer patienten zu stoppen oder wenigstens einigermaßen unter kontrolle zu halten. seit sie registriert hat, dass ihr interesse an diesem patienten das professionell zulässige maß bei weitem übersteigt, fühlt sie sich zunehmend irritiert: einerseits weiß sie, dass die wachsende empathie sie bei der erfüllung ihrer aufgabe als psychotherapeutische begleitung beeinträchtigt, andererseits kann sie sich der unerklärlichen faszination, die der patient auf sie ausübt, nicht entziehen.
um sich aus diesem dilemma zu befreien, folgt die verfasserin dem rat einer kollegin, alle durch den patienten hervorgerufenen gedanken und gefühle regelmäßig aufzuschreiben und dabei eine möglichst neutrale beobachterhaltung einzunehmen. deshalb schreibt die verfasserin in diesem protokoll über sich in der dritten person einzahl (sie) und verwendet außerdem, wenn nötig, statt ihres eigenen namens die bezeichnung „alpha“. ebenso verfährt sie bei ihrem patienten, den sie der einfachheit halber „zero“ nennt. außerdem gebraucht sie konsequent die für sie ungewohnte kleinschreibung, um dadurch noch größere objektivität zu erzeugen und der unreflektierten empathie-umklammerung, wie sie es nennt, ein weiteres element der selbstkontrolle entgegenzusetzen. dieses protokoll ist also der versuch einer „autonomen supervision“.
bereits bei ihrer ersten begegnung war alpha vom außergewöhnlichen verhalten überrascht, das zero an den tag legte. denn während die meisten chemotherapiepatienten erst vorsichtig und mühsam dazu gebracht werden müssen, die mauer des schweigens zu durchbrechen, hinter der sie sich oft schon ein leben lang verbarrikadieren, sich endlich zu öffnen und für ihren zustand, ihr leiden, ihre sorgen und ängste irgendwelche worte zu finden, redete zero sofort drauflos.
die erstaunliche offenheit, mit der zero seither über sich und sein leben spricht, beeindruckt alpha ganz enorm. irgendwas sagt ihr, dass sie es mit einem außergewöhnlichen menschen zu tun hat, einer person, die in ihrem leben noch eine bedeutende rolle spielen wird.
bei selbstkritischer betrachtung muss sich alpha eingestehen, dass es sogar einen ganz konkreten grund für ihr übermäßiges interesse an zero gibt: zero ist ungefähr im alter ihres vaters, den sie nie kennengelernt hat. sie war erst zwei, als er ihre mutter verließ, die sich danach beharrlich weigerte, auch nur ein einziges wort über ihn zu verlieren. keine bilder, keine erinnerungen, nur eine große sehnsucht, ihm wenigstens einmal zu begegnen und mit ihm zu sprechen. nach dem tod ihrer mutter vor ein paar jahren hat alpha begonnen, nach ihrem vater zu suchen, bis jetzt vergeblich. eigentlich wollte sie schon aufgeben, doch nun hat sie auf einmal das gefühl, dass sie doch endlich erfolg haben könnte. hat sie der zufall auf die richtige spur gebracht? wäre es sogar möglich, dass zero alphas vater ist? sie könnte ihn fragen, aber dafür fehlt ihr der mut. deshalb bleibt ihr wohl nichts anderes übrig, als ihn so oft wie möglich zu besuchen und ihm zuzuhören. vielleicht verrät er sich ja irgendwann und sie erfährt so die wahrheit, wie auch immer sie aussehen mag.
Die Schnittwunden auf meiner Stirn verheilten rasch. Bereits nach drei Tagen wurden die Fäden gezogen. Endlich war ich den Verband los, der mir bis über die Nasenwurzel und die Augen gereicht hatte. Doch nun stellte sich heraus, dass ich unter Sehstörungen litt. Ich sah alles verschwommen und leicht verzerrt, manchmal sogar doppelt. Wie durch geriffeltes Milchglas. Deshalb musste ich noch zwei Wochen im Krankenhaus bleiben, zur Beobachtung, wie es hieß, und für weitere Untersuchungen. Man untersuchte mich in der Augenklinik, man machte eine Computertomographie von meinem Kopf und eine Hirnstrommessung, alles ohne Befund. Aber nach einiger Zeit, um es vorweg zu nehmen, begann sich mein Zustand von selbst zu normalisieren und die Symptome verschwanden.
Bis ich wieder klar sehen konnte, lebte ich allerdings in einer gespenstischen Welt. Besonders der Anblick meines Bruders erschreckte mich jedes Mal auf Neue. Täuschten mich nur meine Augen, oder war aus ihm in den letzten beiden Jahren, während der wir einander nicht gesehen hatten, tatsächlich dieser aufgedunsene, stoppelglatzige, ziegenbärtige Gnom geworden, der da neben meinem Bett hockte und mir mit seinen Vergeltungsschwüren für Tanjas angebliche Vergewaltigung in den Ohren lag? Der immer wieder dieselben haarsträubenden, hasserfüllten Behauptungen absonderte und mich zum Komplizen seiner Rache machen wollte? Ich wusste, dass ich mit ihm darüber nicht diskutieren konnte, und außerdem war ich zu müde, zu schwach für eine Auseinandersetzung. Meine einziger Ausweg war, ihn zu ignorieren. Sollte dieser hässliche Freak doch daherquatschen, was er wollte, ich hörte einfach nicht mehr hin.
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