Mary erinnerte sich, wie sie selbst damals den Passenden für sich gefunden hatte. Zunächst erschien er keineswegs allen ein guter Fang zu sein. Er war ein Mann aus dem Grenzland, ein Desperado, hauptsächlich damit beschäftigt, den jeweils folgenden Winter zu überleben.
Gezwungenermaßen verfügten solche Männer jedoch über ein sehr vielseitiges Können. Drew war Erfinder, Farmer, Politiker und Staatsmann, ein aufstrebender Hausarzt. Obgleich er manchmal müde und ausgezehrt wirkte, war er doch besessen von Idealen, die ihn antrieben, und von seiner Leidenschaft, Dinge ins rechte Lot zu bringen. Ein Jahr vor ihrer ersten Begegnung hatte ihn das Schicksal zum Witwer gemacht, der mit drei kleinen Kindern allein dastand. Intensiv suchte er nach einer besseren Art, zu leben, und nach einem besseren Weg, für Kranke zu sorgen. Meistens behandelte er Shawnees und seine Nachbarn, wobei er eine Mischung aus praktischer Medizin, Aderlass, Kräutermedizin und indianischen Praktiken verwendete.
Manche hielten Abstand von diesem feurigen, irgendwie wahnsinnigen Burschen. Mary dagegen hatte gefunden, dass er eine Stufe höher stand als seinesgleichen und dass er, angesichts der Schwierigkeit, mit kleinen Kindern an der Hand eine neue Familie zu gründen, Hilfe verdiente.
»Hallo, die Damen« , rief Drew als er die Gittertür aufstieß. Sie fiel hinter ihm ins Schloss.
»Hallo Pa« , erwiderte Blanche.
Still zog seinen Hut ab, als er eintrat, hängte seinen zerschlissenen Mantel an einen Haken hinter der Tür, stellte seinen Stock in die Ecke und zog seinen Stuhl heran, um sich an den Küchentisch zu setzen.
»Pa, du brauchst einen neuen Mantel!« , rief Mutter Still.
»Ja wirklich, Pa, du brauchst einen neuen Mantel! Der da entspricht nicht mehr der Mode, und auch nicht deiner Statur« , fügte Blanche hinzu.
»Meine Damen, meine Damen. Zum zweitausendsten Male: Er steht mir. Er erfüllt seinen Zweck und macht eine Aussage über Redlichkeit und Funktion, was für mich wichtiger ist als Mode oder Statur.«
»Wie auch immer, Pa, setzt dich erst gar nicht dorthin, das Essen ist fertig, komm rüber ins Esszimmer.«
»Okay, wenn du das sagst. Ihr Mädels seid so pünktlich wie die Eisenbahn. Ich könnte meine Uhr nach euch stellen. Das sieht aber gut aus. Es macht einen Mann stolz, sich einfach so zu einem solchen Essen setzen zu dürfen. Danke euch beiden.«
»So, Pa, wie war dein Morgen?« , fragte Mutter Still automatisch, aber doch interessiert, als sie die Speisen servierte.
»Wie gewöhnlich. Inzwischen hab ich so viel gute Unterstützung beim Unterrichten, dass ich nicht mehr selbst den ganzen Tag im Klassenraum stehen muss, wie ich es sonst getan habe – aber ich vermisse das fast ein bisschen, wisst ihr. Ein wenig Mitspracherecht möchte ich doch noch behalten. Ich werde mir heute Nachmittag den Anatomieunterricht anschauen und sehen, wie Dr. Bolles mit der neuen Klasse zurechtkommt. Ich glaube, sie vertritt Dr. Smith recht gut.«
Dann fiel Drew etwas ein. »Doch, ich hatte einen interessanten Fall heute Morgen in der Klinik. Eine komplizierte Verletzung, jetzt 40 Jahre alt. Ich weiß nicht, Mutter, ob du dich an die Freemans erinnerst, die da drüben bei Bucyrus gewohnt haben, in der Nähe des Pottawatomie Creek?«
»Nein, ich glaube nicht« , antwortete seine Frau, die sich mit der Hand gedankenverloren das Kinn rieb und dabei dennoch weiter auf dem Tisch herumfuhrwerkte.
»Die Freeman-Jungs haben ja damals, in diesen schrecklichen Tagen, für die andere Seite gekämpft. John Freeman war heut Morgen bei mir im Krankenhaus. Stell dir vor, er erzählte mir, dass er an dem Tag, wo ich mir mein Hinken zugezogen hab, ebenfalls am Little Blue gewesen ist. Und es war tatsächlich er, der auf mich geschossen hat.« In seiner typischen Art spielte Still den Vorfall herunter. Der Doktor fuhr damit fort, sein Essen methodisch und sorgfältig zu kauen, während Ma und Blanche begierig auf das nächste Wort warteten, sich aber bemühten, es sich nicht anmerken zu lassen. Ohne die Köpfe zu heben, tauschten sie verstohlene Blicke.
Mutter Still war immer noch traurig darüber, dass man Drew – mit der Begründung, er sei Mitglied einer freiwilligen militärischen Einheit und nicht Berufssoldat gewesen – für seine Verletzungen keine Kriegsversehrten-Rente zugestanden hatte.
Nachdem sie allen bereits mehrmals ihre Empfindungen in dieser Sache mitgeteilt hatte, hielt sie im Moment mit ihrer Meinung zurück. Doch sie würde fortfahren, an den Innenminister zu schreiben.
»Es war gut, sich die alten Tage wieder vor Augen zu rufen und sie dann wieder zu begraben« , fuhr der Alte Doktor fort. »Freemans Brüder sind damals alle den Kugeln erlegen. Dass wir noch hier sind, ist, glaube ich, einfach Glück oder vielleicht der Wille des Höheren.« Still aß weiter und hielt dann inne, um etwas Wasser zu trinken. »Ich habe versucht, seinen Körper und seinen Geist von den Nachwirkungen jener oder späterer Geschehnisse zu befreien. Es sollte ihm nun besser gehen. Ich werde Ende der Woche nach ihm sehen.«
Still saß da, machte eine lange Pause beim Reden und Essen und sah aus, als schaue er einen Moment lang zu einem entfernten Ort. »Die Hand des Allwissenden war damals über uns allen. Wir haben nur nicht verstanden.«
Gleich danach sagte er: »Prima Essen, die Damen, wie immer. Vielen Dank. Jetzt muss ich wieder zu meinen Pflichten zurück. – Ach ja, Mutter, ich denke, irgendwann in der nächsten Woche gehe ich noch mal rüber zu Sol Morris’ Farm, um weiter an diesem Buchprojekt zu arbeiten, wenn es dir nichts ausmacht. Mir sind da noch ein paar Dinge eingefallen, die ich einfügen möchte, und Ma Morris ist mir wirklich eine große Hilfe beim Zusammensetzen meiner Gedankenschnitzel.«
»Das ist in Ordnung, Pa. Mach nur. Ich weiß, wie wichtig das Buch ist und was es dir bedeutet. Also mach weiter.«
»Dann sehen wir uns zum Abendbrot.«
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