Die Nubierin riss den Vorhang beiseite und breitete ihr Mahl auf dem Tisch neben dem Fenster aus. Abdi-ashirta schob angewidert den Brotfladen weg und griff nach einem Flügel. Der Priester warf die Haut aus dem Fenster und zog mit den Zähnen das Fleisch von einem der üblichen Holzstäbe. Sein Blick ging zum großen Tisch im Mittelraum, auf dem eine Karte lag, die Libyen zeigte. Ein Schiff war eingezeichnet, das den Bug nach Süden richtete, in eine Welt, die keine Umrisse aufwies. Eine Schabe kroch über das Gefährt nach Süden, setzte die Beine nur wenige Augenblicke und machte kehrt. Kerifer-Neith jagte seinen Spieß durch das Tier. „Kakerlaken!«, schrie er, »Kakerlaken wie im Palast. Nie gehen die kraftvoll zu einem Ziel!«
Die dritte Woche lagen nun die Schiffe auf dem Lazurwasser, ein gewohnter Anblick für die Bewohner der Siedlung, die auch jetzt noch keinen Namen trug. Die Vogelschwärme, die der Wind am Beginn der Arbeiten nach Süden geweht hatte, waren längst zurückgekehrt und über Zor in das nördliche Haus geflogen. Lange hatte der Admiral ihnen nachgesehen und sich an die Tage seiner Kindheit erinnert, als er mit Talaya in die Berge gelaufen war, um ihnen näher zu sein. Neue Kolonnen hatten in Bast Schiffe aus Gebal entladen und die in Sidon gefertigten weiteren Schiffsteile auf dem Kanalweg zur Werft getragen. Kam er an den Schlafhallen vorbei, glaubte er noch heute das Stöhnen der erschöpften Männer zu hören.
Die namenlose Siedlung musste keinen so heftigen Regen erleben, dass ihm die dünnen Lehmwände der notdürftig errichteten Wohnstätten nicht widerstanden hätten. Die Häuser der Höheren waren aus Steinquadern gesetzt, die in den Anfangsdekaden Trupps von Männern aus den Brüchen am Hapi herbeischafften. Darin lebten auch Handwerker, denen der Hof eine Zukunft am Lazurwasser aufgezeigt hatte und dessen Verkünder die Siedlung als künftige bedeutsame Hafenstadt sahen. Zu den Zimmerern, Bäckern und Kleinhändlern gesellten sich bald auch Huren, die ein gutes Gespür für die Bedeutung einer wachsenden Siedlung hatten.
Der Admiral sah auf das Meer. In der ruhigen Zeit war Neferheres oft zum Lazurwasser gekommen. Er hatte ihr auf dem ersten Markt, der abgehalten wurde, eine kleine Katze gekauft, die er Taimhotep nannte, weil in diesem kemetischen Namen das Wort Frieden vorkam, den er für sich und die Tochter des Nomarchen wünschte. Sothur fühlte er zu dieser Zeit nicht als Bedrohung für das Leben mit ihr nach dem Ende der Reise. Sie hatte das Tier in der Siedlung gelassen, für ihn, als Zeichen ihres Bundes. So sagte sie.
In der zweiten Hälfte der Bauzeit war der Admiral einige Male in Menfe gewesen, um dem Pharao vom Fortgang der Arbeiten zu berichten Die Villa am Hapi hatte er jedes Mal nur zögernd betretent, als wollte er seinen inneren Frieden nicht durch eine unglückliche Begegnung gefährden.
Nachdem die Tage in der Werftsiedlung unruhiger wurden, die ersten Freiwilligen für die Schiffe eintrafen, neue Spelunken öffneten und auch nachts die Gassen nicht still wurden, waren die Besuche der Frau noch seltener geworden. Sie erklärte es ihm mit der Umgebung, in der er lebte.
Lärm tötete die Melodie der Wellen. Abdi-ashirta wandte sich um und lief in sein Haus. Er wusste, was die nächsten Stunden brachten. In dieser Nacht endete für ihn die ruhige Zeit am Lazurwasser, und die Götterlinie jenes Abends in Zor wurde zur Wirklichkeit.
»Ho!Ho! Das ist der Admiral? Sieht aus wie ein Edler! So einen Schiffsführer hab ich nie gesehen!« Soldaten rissen das grinsende Gesicht aus der Fensteröffnung. »Verzeih, Herr! Wir peitschen ihn!«, riefen sie in das Haus.
»Wartet!« Abdi-ashirta trat das Schutztor auf. Die Nacht der langsamen Schritte hatte begonnen. Brüllende Soldaten trieben die Ruderer zum Ufer. »Wer bist du?«
»Janhamu. Schlagruderer der Kemet . Jetzt werde ich gepeitscht. So ist das.«
»Ich bestimme hier! Lasst ihn los! Nimm!« Abdi-ashirta warf dem Mann ein Stück Bratfleisch vor die Brust. »Hab Dank für deinen Gruß!«
Mit offenem Mund starrte der Ruderer seinem Befehlshaber nach, der hinter sich die Tür zuschlug, dass der Lehm aus der Einfassung bröckelte. »Was für ein seltsamer Mann!«
Durch das Fenstergeviert drang Staub, aufgewühlt von hunderten Füßen. Das Geschrei der Bewacher holte die Werftsiedlung aus dem Schlaf. Die Sitten sidonischer Häfen ließen auch diesen Platz nicht aus, der fernab der bewohnten Welt lag. Die Schultern der Männer widersetzten sich den fordernden Fäusten der Begleitmannschaften, ein gespielter Protest auf dem Weg in eine unbekannte Zukunft. Die bandagierten Füße stemmten sich gegen die befohlene Richtung. Die Peitschen der Wachen mieden die Freien, ihre Schläge trafen Sklaven, die unter Schmerzen vorwärts drängten und so die anderen mitzogen. Ihre Ketten klirrten, die Flüche galten allen, die zu dieser Fahrt die Kommandos gaben. Wer abseits der Gruppen lief, blieb unbehelligt. Das waren jene, die den kemetischen Werbern freiwillig gefolgt waren.
Der Admiral entzündete eine dritte Öllampe. Er drehte die Feder in den Händen. Vor der Tür sprachen seine syrischen Wachen leise miteinander. Am offenen Fensterleinen zogen noch immer Leiber vorbei. Die Köpfe blieben hinter der Mauer verborgen. Männer ohne Gesicht – sidonische Umschreibung für Ruderer, da deren Tugend allein die Kraft ihrer Muskeln war. Der Admiral schlug seine Hand auf die Papyri. »Bei Hathor! Wer läuft hier! Die haben noch nie in den Bänken gesessen! Wie sollen solche Arme die Schiffe treiben! Die Könige erlesen ihren Weg in die andere Welt aus dem Totenbuch. Ich schreibe meines selbst.« An den Häusern gegenüber brannten die Fackeln, leuchteten auf die vorbeigetriebenen Leiber, dass deren Schatten über die Wände des Raums zogen.
Abdi-ashirta erinnerte sich jenes stürmischen Abends in Zor, als die im Libanonwind flackernden Öllampen die Gesichter der Ratsherren veränderten. Vor dem Fenster wurden die Rufe drohender. Männer drängten vorbei, die das Possenspiel der langsamen Schritte verweigerten. Sie hatten die Leiber geübter Ruderer, wehrten sich gegen die Aufseher und waren durch ihre Fußfesseln als Gefangene gekennzeichnet. Schultern streiften das Haus.
»He, Ormas! Reiß den Palast des Herren nicht ein!« Die Kumpane lachten, syrische Gardisten stachen ihnen die Dolchspitzen in die Haut und rammten sie beiseite. Fluchend zogen die Ruderer zum Meer. Das Gejohle der künftigen Schiffsleute mischte sich mit den Rufen der Bewohner als tobe eine Schlacht durch die Gassen.
Vor dem Registrierhaus hatten Soldaten einen Kreis gebildet. Die Ruderer lagerten im Sand und sortierten die Bündel mit den Habseligkeiten, die ihnen schlecht gelaunte Beamte ausgehändigt hatten. Ein jeder fand, was der Hof in Menfe für notwendig erachtete, um für mehrere Jahre auf fremden Meeren zu fahren. Die Wachen schlugen mit Pechfackeln nach allen, die sich ihnen mehr als drei Schritte näherten. Es war die letzte Nacht der Männer an einem Strand, den sie kannten.
Abdi-ashirta setzte sich an seinen Tisch, öffnete einen Papyrus und erlebte noch einmal die ersten Tage in Menfe. Erinnerungen drängten in das Geschriebene. Er sah sich in der Kammer von Amasis Herberge, die er kaum verlassen hatte, da er die Schmähungen des Pöbels fürchtete, der unter seinem Fenster zum Vorstadtmarkt zog. Die Untätigkeit dieser Stunden hatte ihn bereit für alles gemacht, das den Aufenthalt in diesem Haus am Hapi beendete.
Erneut drang Lärm aus den Gassen in den Raum. Peitschenleder klatschte auf die Leiber, Gardisten vertrieben grölende Zimmerleute, die in einer Bierschenke das Ende ihrer Arbeit gefeiert hatten.
Abdi-ashirta strich mit dem Daumennagel über eine Stelle des Papyrus. Das Wort Ift-ar war größer gesetzt als die anderen. Er hatte die kemetischen Zeichen verwendet. Die Stunden auf dem Landgut waren der Beginn eines Traums gewesen, sie löschten an vielen Tagen die Zweifel in seiner Seele. Er legte sich auf seine Bettstatt und zog die Knie an, der Leib schmerzte. Der Schlaf war geflohen, das Haus schien auf den Lidern zu lasten, er dachte an die morgige Begegnung mit Kerifer-Neith. Die Bilder vorbeziehender Ruderer verließen ihn nicht. Er schuf sich die ruhigen Wasser des Hapi, doch die Fackeln der Straße und die marschierenden Männer verwischten die friedvolle Landschaft.
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