„Ich habe gearbeitet. Ich habe Arbeit, weißt du.“ Sie machte größere Schritte. „Ich hatte aber auch nicht das Gefühl, dass du dir ein Bein ausgerissen hättest, um nach Hause zu kommen.“
„Du hast im Rib Shack gearbeitet.“ Er machte eine wilde, einarmige Bewegung in Richtung des Restaurants. „Du hättest dir jederzeit freinehmen können.“
Sie atmete aus und hielt an. „Wenn du mit mir Schluss machen willst, dann tu’s. Aber gib mir nicht die Schuld.“
„Ich gebe niemandem Schuld. Ich mache nur Beobachtungen. Du weißt doch, dass ich recht habe. Wir sind nicht die große Liebe des anderen. Wir sind eine High School-Romanze, die uns irgendwie davongerannt ist.“
„Davongerannt ist? Wer plant denn eine Hochzeit so?“ Susanna presste ihren Handballen an die Stirn und wandte sich dem Atlantik zu, wo die Ebbe langsam von der Abendflut abgelöst wurde. Mit jedem Wellengang, der schaumgekrönt über den Sand spülte, schwappte ihr die Erkenntnis entgegen. Wie konnte sie es nicht gesehen haben! Die Wahrheit erwachte in ihren Gedanken, ihrem Herzen und ihren Sinnen.
„Wir hatten es beide bequem. Unsere Beziehung war gut. Sicher. Wir mögen uns doch, Suz. Sehr sogar.“
Sie schaute ihn an.
„Ich bin 29, Adam. Ich will heiraten. Du bist der einzige Mann, mit dem ich ausgegangen bin, seitdem ich beim Herbstball in der siebten Klasse mit Bob Conway Stehblues getanzt habe.“ Sie breitete die Arme aus. „Und jetzt? Du bist fertig mit deinen Einsätzen, bist bereit, dich hier in den Staaten niederzulassen, und jetzt bin ich plötzlich nicht die Richtige?“
Sie kaute noch einmal durch, was ihr Herz bereits wusste, weil das einfach ihre Art war, Dinge zu verarbeiten. Sie kämpfte, um ihre Würde zu bewahren. Aber so leidenschaftlich sie kämpfen wollte, es klang doch irgendwie lahm.
„Willst du mich wirklich heiraten?“ Er schaute ungläubig und klang beinahe erschrocken.
„Ja, Adam. Ja. Ich will.“
Ihr innerer Kampf kollidierte mit ihrer Entschlossenheit. Zwölf gemeinsame Jahre würde sie ganz bestimmt nicht einfach mit einem „Okay, hast ja recht, mir geht es genauso. Nett, dass wir darüber gesprochen haben. Hab noch ein schönes Leben“ aufgeben.
„Das meinst du nicht so.“
„Wir haben, ich liebe dich‘ gesagt. Wir haben eine gemeinsame Zukunft geplant.“
Sie stieß ihm den Zeigefinger in die Brust, während auf einmal Donner grollte. Ihre Seele tobte. „Wir. Hatten. Eine. Abmachung.“
Adam hielt ihren Finger fest. „Ich liebe Sheree. Ich habe erst wieder Kontakt mit ihr, seitdem ich weiß, dass du und ich, dass wir uns nicht lieben, wie ein Ehepaar sich lieben sollte. Wenn du den Richtigen getroffen hättest und ich nach Hause gekommen wäre und dir einen Antrag gemacht hätte, dann wärst du diejenige gewesen, die mir gesagt hätte, dass der Ring richtig sei, aber ich ganz verkehrt. Dann würdest du wissen, dass du mich nicht so liebst, wie eine Frau den Mann lieben sollte, den sie heiraten wird.“
„Hör auf, mir zu sagen, wie ich mich fühle.“ Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Es war typisch für ihn, dass er am laufenden Band Befehle erteilte. Untergebenen Männern, Susannas Gefühlen. Diese Gewohnheit hatte stets für Konflikte gesorgt.
„Dann schau mich an.“ Er zeigte mit zwei Fingern erst auf sie, dann auf seine klaren, ruhigen Augen. „Schau her. Sag mir, dass du mich liebst, wie eine Frau den Mann liebt, den sie heiraten will.“
„Ich weiß noch nicht einmal, was das heißen soll. Liebe ist Liebe.“
„Ich könnte Liebeslieder über Sheree singen.“
„Ha, singen. Hat sie dich denn schon singen gehört?“
„Ja, und sie lässt mich singen.“
Susanna seufzte. Jegliche Abwehr, die sie in sich suchte, schmolz in ihrem Herzen. „Aber für mich willst du keine Lieder singen.“
„Nein, will ich nicht. Tut mir leid.“ Sein ganzer Blick signalisierte Bedauern.
„Tja, ja, mir tut es auch leid.“ Sie ging die Dünen hinauf zum Rib Shack. Mama, ihre kleine Schwester Avery, alle warteten auf Neuigkeiten.
Verlobungsneuigkeiten.
„Suz?“
Über die Schulter sah sie nach Adam. „Mir geht‘s gut.“ Sie wartete nicht auf seine Antwort, sondern ging um den Seehafen herum über den Holzsteg auf die Terrasse. Sie zog ihre Flipflops an, mied die Küche samt der geballten Erwartungen und ging zum Parkplatz.
Sie war nie ein Typ für Romanzen gewesen, für Märchen, Ritter in glänzender Rüstung oder hübsche Prinzen, die herangeritten kamen, um den Tag zu retten. Alles, was sie wollte, war ein „glücklich bis an ihr Lebensende“ mit ihrem starken Soldaten. Und wie sah der Plan für ihr Leben jetzt aus?
„Ich gehe aus.“ Nathaniel warf einen suchenden Blick auf den Esszimmertisch. Er dachte, Liam hätte den Schlüssel für den gemieteten Geländewagen dort deponiert, nachdem er von seinem täglichen Frühstücksrundgang wiedergekommen war.
„Wohin?“ Jonathan, Nathaniels persönlicher Berater, kam mit dem iPad in der Hand durchs Wohnzimmer und runzelte die Stirn.
„Nirgendwohin. Nur raus.“ Wo waren die verflixten Schlüssel? Nathaniel hob die Zeitung an, die Liam gelesen hatte. Aha …
„Liam ist Joggen gegangen.“ Jonathan konzentrierte sich wieder auf sein iPad, tippte, wischte, scrollte wahrscheinlich durch seine Emails. „Warte, bis er zurück ist.“
„Ich brauche Liam nicht.“
Die Aufmerksamkeit war zurück. „Du gehst nicht alleine aus.“
„Ich brauche keinen Leibwächter auf dieser kleinen Insel. Die Leute hier wissen nicht einmal, dass ich hier bin.“
„Mrs. Butler weiß, dass du hier bist.“
„Ja, aber ich bin der Überraschungsgast bei ihrer Benefiz-Veranstaltung, also wird sie es sicher nicht vor der Zeit herumerzählen. Außerdem lieben die Amerikaner die britischen Prinzen. Wir Jungs aus Brighton laufen unerkannt nebenher.“
„Die Krone wird meinen Kopf verlangen, wenn dir irgendetwas passiert.“
„Soll ich ihnen eine Nachricht schicken, dass ich mich entschieden habe, alleine herumzustrolchen, um dich deiner Verantwortung zu entheben?“
„Jetzt bist du gönnerhaft.“
„Und du machst dir zu viele Sorgen, Jonathan.“ Nathaniel drehte sich um. Das Gespräch war beendet. Er ging aus – alleine.
Obwohl er bereits drei Tage im Sommerhaus seiner Familie auf der Insel verbracht hatte, hatte Nathaniel noch nicht viel von ihr gesehen. Den Strand, der zugegebenermaßen sehr schön war, die besorgte Miene seines persönlichen Assistenten und die ernsten Blicke seines Sicherheitsoffiziers. Beide gute Freunde, aber eben nicht so besonders schön waren … das war’s.
Drei erwachsene Männer im Urlaub, die in einem hundert Jahre alten Sommerhaus Filme schauten und ein uraltes Brighton‘sches Kartenspiel spielten. Nathaniel wurde langsam unruhig.
Gut, im Grunde war er auf einer Geschäftsreise in Amerika, nicht für einen Erholungsurlaub. In königlicher Angelegenheit, um genau zu sein. Aber eigentlich schuldete ihm das Königreich Brighton einen echten Urlaub. Einen mit Sonne, Strand und Wellen und vielleicht der Gesellschaft einer hübschen Dame, mit der er essen gehen konnte.
So gesehen könnten ihm sein Berater und seine geliebte Nation ruhig einmal eine oder zwei Stunden für sich gönnen.
„Weißt du, wohin du fährst?“ Jonathan eilte um das Sofa herum, um Nathaniel im Foyer aufzuhalten.
„Zum Glück nicht.“ Nathaniel trat hinaus in die Sonne und die Freiheit. Er liebte sein Land. Liebte Brightons wolkenverhangene Tage mit einem Hauch Frost in der Luft. Aber die Sonne, die Hitze und den endlosen blauen Himmel Georgias liebte er auch. „Es ist eine kleine Insel. Ich bin sicher, ich werde mich zurechtfinden.“ Er lächelte Jonathan zu, der so ernst und angestrengt war. Der Mann nahm seine Pflichten als Berater des Kronprinzen von Brighton sehr genau.
Читать дальше