Eigentlich hatten wir einen sehr schönen Schulweg. Es gab viel zu sehen, zu hören und zu riechen: Ganz unterschiedliche Bäume standen am Wegesrand, und die Wiesen mit den vielen Blumen – das war im Frühling ein richtiges Blütenmeer. Und im Herbst stand auf den reifen Feldern der Hafer und die Gerste. Das Getreide war damals noch viel höher als heute. Wie die Ähren sich im Wind wiegten! Wie die Erde nach dem Regen duftete! Daran erinnere ich mich bis heute.
Im Frühjahr, Sommer und Herbst war der Weg ganz gut zu schaffen. Nur im Winter war es oft anstrengend. In Ostpreußen, wo ich aufgewachsen bin, da sind die Winter sehr hart. Meist war es klirrend kalt, und der Schnee lag so hoch, dass wir bis zu den Knien einsackten. Da war das Gehen natürlich doppelt anstrengend.
Deswegen hatten wir bei Schnee immer unsere Schlitten dabei. Die Ranzen wurden draufgeschnallt, und wenn es mal bergab ging, konnten wir einfach rodeln. Oft zogen die älteren Geschwister die jüngeren sogar ein Stück. Nur wenn der Schnee so hoch lag, dass wir gar nicht mehr gehen konnten, spannte einer der Väter morgens einen Pferdeschlitten an und kutschierte uns. Wir saßen dann ganz dicht beieinander auf dem Schlitten, dick in Decken eingekuschelt. Die Pferde dampften richtig! Überall lag der Schnee, und der Schlitten glitt auf seinen Kufen ganz leicht dahin. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, in so einem Schlitten zu sitzen. Wenn wir so unterwegs waren, habe ich den Weg zur Schule richtig genossen.
Gelegentlich hatte ich auf dem Schulweg auch etwas Angst. Denn in Ostpreußen gab es damals angeblich noch Wölfe. Wir haben aber niemals einen Wolf gesehen. Manchmal blieb Hans plötzlich stehen und lauschte. „Oha“, sagte er dann zu uns. „Ich hoffe ja, das ist kein Wolfsheulen gewesen, was ich da gerade gehört habe! Wenn einer kommt, dann müsst ihr sofort auf den nächsten Baum klettern!“ Aber wenn mein großer Bruder das mitbekam, dann schimpfte er mit Hans. „Du bist ein Tunichtgut!“, sagte er zu ihm, „mach den Kleinen keine Angst!“
„So war das in der alten Zeit“, hat meine Mutter dann oft gesagt. „Lang ist es her, und doch erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen!“
Biografische Fragen
Wo sind Sie aufgewachsen?
Waren die Winter dort auch so kalt?
Sind Sie als Kind oft Schlitten gefahren?
Sind Sie schon einmal auf einem Pferdeschlitten gefahren?
Dekorationsideen
Dies ist eine „Wintergeschichte“ und eignet sich deshalb auch besser für die kalte Jahreszeit: Dekorieren Sie winterlich, reichen Sie vielleicht heißen Kakao (ein Getränk, das viele mit „aufwärmen im Winter“ verbinden).
Suchen Sie (z. B. im Internet, noch besser aber aus den Fotoalben der ZuhörerInnen) alte Fotos von Schulkindern, und legen Sie diese auf den Tisch.
„In unserer Schule gab es nur zwei Klassen, eine Grundschulklasse und eine Hauptschulklasse“, hat meine Mutter oft erzählt. „Alle Kinder wurden in einem Raum unterrichtet. Wir waren ja auch nicht so viele. Rechts im Klassenzimmer saßen die Jungen, links saßen die Mädchen Die Jüngsten saßen immer ganz vorn, und jedes Jahr rückte man dann eine Reihe nach hinten. Nur Hans und Andrea saßen auch noch in der ersten Reihe, als sie schon zu den Älteren gehörten: Hans, weil er so viel Unsinn machte, und Andrea, weil sie so kurzsichtig war.
Biografische Fragen
Gab es in Ihrer Schule auch noch mehrere Klassen in einem Klassenraum?
Saßen Sie vorn oder hinten?
Sind Sie gern in die Schule gegangen?
Man könnte ja denken, dass man nicht so gut lernen kann, wenn man mit ganz unterschiedlichen Altersgruppen gemeinsam unterrichtet wird. Aber das war gar kein Problem. Während die einen unterrichtet wurden, bekamen die anderen meist eine Stillaufgabe. Ich saß immer neben Lenchen Kuhnert, das war meine beste Freundin. Wir waren richtige Schwatztanten, jedenfalls hat die Lehrerin das oft gesagt. „Lenchen und Anni, schwatzt nicht!“ hat sie dann gerufen. Und wenn wir nicht aufhörten, dann gab es Ärger. Unsere Lehrerin konnte vielleicht schimpfen! Und wenn wir es zu arg trieben, gab es auch schon mal was hinter die Ohren.
Aber wenn wir dagegen etwas richtig gut gemacht hatten, bekamen wir ein Fleißbildchen geschenkt. Das waren kleine Kärtchen mit Märchenbildern oder Tieren drauf. Wenn ich so ein Fleißkärtchen bekommen habe, war ich sehr stolz!
Biografische Fragen
Sind Sie während Ihrer Schulzeit bestraft worden?
Gab es bei Ihnen auch Belohnungen?
Rechen- und Schreibunterricht
In der Schule mochte ich den Rechenunterricht immer am liebsten. Besonders gut war ich im 1x1, das konnte ich ohne Probleme hersagen. Wenn die Lehrerin mich zum Beispiel fragte: „Wie viel ist 6 mal 8?“, konnte ich das ganz leicht beantworten: „48!“ Deshalb durfte ich auch oft mit den Kleinen das 1x1 üben. Dann stand ich vorn und sagte alle Zahlen auf, und die Kleinen sprachen sie mit mir. Und zwar so:
1x2 = 2
2x2 = 4
3x2 = 6
4x2 = 8
…
(evtl. gemeinsam mit den ZuhörerInnen sprechen)
Und immer so weiter. Da war ich stolz wie Oskar und kam mir selbst schon vor wie eine Lehrerin!
In der Zwischenzeit übte unsere Lehrerin, Fräulein Schneider hieß sie übrigens, dann irgendwas Schweres mit den ganz Großen, und die Mittleren mussten schreiben üben.
Schreibhefte hatte damals niemand. Stattdessen besaß jeder von uns eine Schultafel und einen Griffel. Daran hing ein Putzlappen. Und jeder hatte einen Tornister, in dem er die Schulsachen transportierte. Die Tafeln waren zerbrechlich und nicht gerade billig. Nicht jede Familie hatte genug Geld für eine richtige Schiefertafel. Deshalb hatten manche von uns auch nur eine Papp- oder Holzscheibe, die mit Tafelfarbe bemalt war.
Vorn im Klassenzimmer hing eine große Schiefertafel, und auf die schrieb Fräulein Schneider alle Aufgaben für die Klasse. Sie benutzte fast immer die weiße Kreide, weil die bunte Kreide zu wertvoll war. Aber wenn sie etwas zeichnete, zum Beispiel im Sachunterricht, dann nahm sie alle Farben, und das war dann etwas Besonderes für uns.
Biografische Fragen
Haben Sie das Schreiben auch noch auf Tafeln gelernt?
Hatten Sie mehr Freude am Schreiben oder am Rechnen?
Was war Ihr liebstes Schulfach?
Gab es ein Schulfach, das Sie gar nicht mochten?
Hatten Sie eine Lieblingslehrerin oder einen Lieblingslehrer?
Dekorationsideen
Meistens waren im Unterricht alle ruhig und konzentriert bei der Arbeit. Das lag auch daran, dass Fräulein Schneider ziemlich streng war: Wenn man nicht spurte, gab es sofort eine Strafe. Ich wurde nur sehr selten bestraft, aber Hans Meier bestimmt einmal in der Woche. Hans war ein richtiger Tunichtgut. Der konnte keine zehn Minuten still sitzen und hatte immer dumme Ideen. Häufig hat er mit der Gummizwille Papierkügelchen verschossen. Und einmal hat er sogar einen Frosch mit in die Klasse gebracht, der hat immer in seiner Tasche gequakt. Unsere Lehrerin hat das zuerst gar nicht bemerkt, und Hans hat immer wieder in seine Tasche hineingeflüstert: „Leise, Frosch! Sonst setzt es was!“ Aber der Frosch hat sich nicht drum gekümmert. Und plötzlich stand Fräulein Schneider hinter dem Hans und zog ihn am Ohr auf die Füße. „Hans Meier, was ist da schon wieder los?“
Читать дальше