Kurze Zeit nach der Sprengung klingelte in unserem Büro das Telefon, und man rief mich an den Apparat. Die Stimme des Geschäftsführers in einem benachbarten Kalkwerk, der mein Schulkamerad gewesen war, klang mir vorwurfsvoll entgegen:
›Höre mal, Robert — heute hast du mit deinem Meisterschuss sogar den alten Wilhelm Tell übertroffen.‹
›Wieso, Oskar?‹, fragte ich erstaunt zurück. ›Wie meinst du das?‹
›Na, wenn du gerade mal Zeit hast, komm doch rüber und sieh dir die Bescherung bei uns einmal an. Da wirst du staunen!‹
Neugierig geworden, machte ich mich gleich auf den kurzen Weg in die Nachbarschaft. Da war alles in heller Aufregung. Ein Steinbrocken von erheblicher Größe war über 300 Meter weit durch die Luft geflogen, hatte das gläserne Oberlichtdach des Kontors durchschlagen und den friedlich über ihren Kontobüchern sitzenden Angestellten einen ganz gehörigen Schrecken eingejagt. Aber auch hier war außer dem zertrümmerten Glasdach und einem zerbrochenen Aktenständer zum Glück kein Schaden angerichtet worden. Die Reparaturkosten konnten wir durch eine Steinlieferung ausgleichen.
Ein anderes Mal kam ich selbst bei der Vorbereitung einer Sprengung weit weniger glücklich davon.
Es war an einem bitterkalten Wintertag. Der strenge Frost von 20 Grad zwang uns zu Sprengungen am Gestein. Ich hatte mit zwei Mann als Zuschlägern das Bohrloch fast fertig ausgelegt und sagte nun zu den Leuten:
›Halt — Männer, setzt mal eure Hämmer in Ruhe!‹
Nun hatten die beiden sich wegen der schneidenden Kälte die Köpfe dick vermummt und der eine von ihnen mochte deshalb meinen Zuruf nicht verstanden haben. Ich hockte vor dem Bohrloch und stützte mich, um besseren Halt zu haben, mit der rechten Hand auf den Kopf des Bohrers, als plötzlich der zwanzig Pfund schwere Hammer des Zuschlägers haarscharf an meinem Kopf vorbeisauste und auf meine Hand herunterschmetterte. Ihr könnt euch denken, dass mir Sterne vor den Augen tanzten und ich die Engel im Himmel pfeifen hörte, als ich aus der Tiefe des Steinbruchs an die Erde hinaufstieg. Das war buchstäblich ein schwerer Schlag für mich gewesen, denn die Hand blieb für immer verstümmelt. So wurde ich mit 29 Jahren schon zu einem halben Invaliden. Immerhin hatte dieses Unglück für mich auch wieder eine gute Seite: Ich fand nun mehr Zeit, mich eifriger als bisher um die prähistorischen Funde in unserer Ehringsdorfer Heimaterde zu kümmern.
Aber davon erzähle ich euch morgen weiter, denn heute ist es zu spät dazu geworden, und es heißt jetzt für euch: Marsch, ins Bett!«
Die Jungen maulten ein wenig, denn sie hätten gern noch etwas mehr gehört. Aber Klaus wusste, dass der Großvater unerbittlich auf Ordnung im Hause hielt und keinen Widerspruch gegen seine Entscheidungen duldete. Da war also nichts zu machen. Rudi warf einen scheuen Blick auf die verkrüppelte rechte Hand des alten Mannes, und ein fröstelndes Gefühl lief ihm den Rücken hinunter, als er an die schlichten Worte dachte, mit denen der Erzähler von seinem Unfall berichtet hatte. Ohne sich recht klar darüber zu sein, empfand er etwas von dem Heldenmut eines harten und schweren Arbeiterlebens, das in stiller Selbstverständlichkeit abläuft und nicht viel Aufhebens macht von den Bedrohungen und Gefahren, die täglich über seinem Wege hängen.
Nachdenklich machte er sich auf den Heimweg.
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