Auf jeden Fall scheint Tina während Westons Abwesenheit nur wenig Zeit für die künstlerische Fotografie gehabt zu haben. Das beweist auch der Brief, den sie Edward Weston am 7. Juli 1925 schrieb:
»Ich war nicht sehr kreativ, Edward: Weniger als ein Abzug im Monat – das ist schrecklich! Und doch ist es nicht so sehr mangelhaftes Interesse als vielmehr mangelnde Disziplin, mangelnder Wille. Ich bin jetzt davon überzeugt, dass Frauen, was das Schöpferische angeht (abgesehen von der Schöpfung der Spezies), uneffizient sind. Sie sind zu unbedeutend und es fehlen ihnen die Konzentrationskraft und die Fähigkeit, sich ganz von einer Sache absorbieren zu lassen. (…) Und da ich von mir persönlich spreche: Ich kann nicht, wie Du es mir einmal geraten hast, das Problem des Lebens lösen, indem ich mich im Problem der Kunst verliere – nicht nur, dass ich es nicht kann; ich fühle sogar, dass das Leben die Kunst beeinträchtigt. (…) In meinem Falle kämpft das Leben ständig darum, die Oberhand zu gewinnen, worunter die Kunst natürlich leidet. Mit Kunst meine ich Schöpfung jeder Art. (…) Ich kann das Leben nicht akzeptieren, wie es ist – allzu chaotisch, allzu unbewusst –, daher mein Widerstand dagegen, mein Kampf mit ihm. Ich strebe ständig danach, das Leben meinem Temperament und meinen Bedürfnissen anzupassen, mit anderen Worten, ich lege zu viel Kunst, allzu viel Energie in mein Leben und habe infolgedessen nichts mehr übrig, um es der Kunst zu geben…«
Dass Tinas Kontakt zur sowjetischen Botschaft in diesen Monaten enger wurde, belegen ihre Porträtaufnahmen des ersten Botschafters Pestkowski und ihre Aufnahmen verschiedener Besucher von Empfängen und Feierlichkeiten. Im Juli 1925 begegnete sie auch dem sowjetischen Dichter Wladimir Majakowski, den sie ebenfalls fotografierte. Neben einem Foto Majakowskis mit dem mexikanischen Kommunisten Moreno, das sich im Besitz von Morenos Tochter Francisca befindet, konnten im Herbst 1993 im Moskauer Majakowski-Museum noch vier weitere Aufnahmen als Arbeiten Tina Modottis identifiziert werden.
Ans Krankenbett ihrer Mutter gerufen, reiste Tina Anfang Dezember 1925 ihrerseits für einige Monate in die USA. Sie fand einen erwachsen gewordenen, politisch interessierten und in der antifaschistischen und kommunistischen Bewegung engagierten Benvenuto vor, mit dem sie die Entwicklung in Italien und in den USA, aber auch ihre mexikanischen Erfahrungen diskutieren konnte. Seltsamerweise ist ihr erster Brief an den mittlerweile wieder in Mexiko lebenden Weston im Januar 1926 datiert. Dass sie ihm erst einen Monat nach ihrer Abreise schrieb, mag an der zunehmenden Entfremdung zwischen beiden gelegen haben. Möglich ist aber auch, dass sie von ihren mexikanischen Freunden zur Teilnahme am Gründungskongress der nordamerikanischen Sektion der IRH delegiert worden war, der im Dezember 1925 stattfand. Das Exekutivkomitee der IRH in Moskau hatte enge Verbindungen zwischen der nordamerikanischen und der mexikanischen Sektion gefordert und es gab konkrete Pläne, von Mexiko aus die Bildung der Roten Hilfe in den Ländern Mittelamerikas und der Karibik zu koordinieren.
Die von Robert D’Attilio erwähnte Tatsache, dass Tinas Name noch 1927 unter der Adresse ihres Bruders Benvenuto im Telefonbuch von San Francisco erschien, deutet ebenfalls darauf hin, dass die Beziehungen zwischen den Geschwistern nicht nur privater Art waren. Wahrscheinlich erleichterten sie auch den Kontakt zwischen kommunistischen Organisationen Kaliforniens und Mexikos. Das beweisen auch die Briefe, die Benvenuto um die Jahreswende 1928/29 an seine Schwester schrieb und in denen aktuelle politische Ereignisse sowie Probleme konspirativer und organisatorischer Art behandelt wurden. So gelangten beispielsweise die Nummern einer Zeitschrift, die im Jahre 1928 aus Mexiko nach Kuba geschickt und dort illegal verteilt wurden, auf dem Umweg über Benvenuto Modotti an ihren Bestimmungsort.
Tina musste bei ihrem Aufenthalt in den USA feststellen, dass sich ihre früheren Freunde kaum für ihre Arbeiten interessierten. Ihr Brief an Weston vom 9. Februar 1926 – es war der vierte Todestag von Robo – lässt darauf schließen, dass sie in diesen Wochen intensiv über ihre Zukunft nachdachte:
»Den ganzen Morgen bin ich durch meine alten Sachen gegangen, die hier in Koffern liegen, habe vieles vernichtet. Von nun an wird mein ganzer Besitz nur mit Fotografie zu tun haben. Den Rest, selbst Dinge, die ich liebe, konkrete Dinge, werde ich durch eine Metamorphose geleiten – sie von konkreten in abstrakte Dinge verwandeln, um sie so für immer im Herzen besitzen zu können«.
Nach ihrer Rückkehr nach Mexiko im März 1926 lebten und arbeiteten Tina und Weston nur noch wenige Monate zusammen. Die Arbeit verband sie jetzt mehr als die Liebesbeziehung. Tinas zunehmendes Engagement in kommunistischen Organisationen vertiefte die Entfremdung von Weston so sehr, dass dieser Anfang November bei seiner endgültigen Rückkehr in die USA in sein Tagebuch schrieb:
»Diesmal, Mexiko, ist es ein Lebewohl für immer. Und du, Tina? Ich spüre, dass auch dies ein Abschied für immer zu sein hat«.
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