Von der Annäherung der beiden Koreas profitieren vor allem die seit Jahrzehnten getrennten Tausenden Familien in Nord und Süd. Wer zu Familienbegegnungen nicht nach Pjöngjang reisen darf, erhält vom Roten Kreuz die Möglichkeit von Videokonferenzen. Das Erste, was dabei auffällt, sind die großen Schachteln mit Papiertaschentüchern zum Tränentrocknen auf jedem Tisch.
Der 95-jährige Lie kommt mit seinen Söhnen in die mit Kamera und TV-Schirm ausgestattete Kabine im Rot-Kreuz-Gebäude von Seoul. Die beiden älteren Kinder von Herrn Lie blieben während der Kriegswirren in Nordkorea zurück. Als die beiden ihren Vater sehen, verbeugen sie sich. „Seid ihr meine Kinder?“, fragt er in die Kamera. „Ja, Vater, grüß dich!“, antwortet die Tochter. „Es ist alles meine Schuld, ich bitte um Vergebung, dass ich euch nicht rechtzeitig geholt habe“, sagt Lie. Dann reden sie über die Familie: Wer ist gestorben? Wer geboren? – und als die zwei Stunden Gesprächszeit um sind, gehen Vater in Süd- und die Kinder in Nordkorea winkend auseinander. Für die Zukunft sind sie optimistisch – so wie der 65-jährige Nordkoreaner Park Un-Jin, der zu seiner 85-jährigen Mutter aus dem Süden sagte: „Du musst bis zur Wiedervereinigung leben, damit wir wieder zusammen sein können.“
Republik China (Taiwan)
Die Republik China war UN-Gründungsmitglied; 1971 verlor sie die Mitgliedschaft an die Volksrepublik China. Noch 17 Staaten, in Europa nur der Vatikan, erkennen das Land offziell an.
Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die Stöckelschuh- oder Aschenputtel-Kirche ist eine beliebte Hochzeitskirche. Der Bau aus blauem Glas erinnert an die Opfer der Schwarzfuß-Krankheit in den 1950er-Jahren, den Betroffenen mussten oft die Füße amputiert werden.
Fläche: |
36.179 Quadratkilometer, halb so groß wie Irland |
Einwohner: |
23.574.274, fünfmal so viele wie Irland |
Taiwan ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die wieder die Schönschrift schätzen lernen und ihre kalligrafischen Kunstwerke in den sozialen Medien verbreiten. Dass ausgerechnet ein Web-Trend via Smartphone und Computer zu einem Boom in Taiwans Schreibwarenhandel führt, erscheint auf den ersten Blick als Anachronismus. Doch im ganzen Land gäbe es einen steilen Anstieg im Verkauf von Füllern, Tintenpatronen und -fässern, schreibt Taiwan-Korrespondentin Yu-Tzu Chiu. Handgeschriebene Briefe oder Karten erzeugten mehr Wärme in der Kälte des digitalen Zeitalters, in dem sich die Kommunikation oft gehetzt anfühle, lautet eine Motivation dahinter. „Mit dem Füller gute Gedichte, Zitate oder buddhistische Lehrsätze abzuschreiben, ist für mich nicht nur eine Gelegenheit, meine Handschrift zu verbessern, sondern auch, Achtsamkeit oder Meditation zu üben“, zitierte Chiu einen Schönschreiber. Im Schreibwarengeschäft von TY Lee im Zentrum Taipehs kann man seine Handschrift verbessern. Schönschrift sei wie passende Kleidung, ist Lees Überzeugung. Mit ein paar Tipps könne sich jeder zu seinem Vorteil verändern. Chinesisch schreiben ist nicht leicht: „Für den täglichen Umgang brauchen wir rund 3000 traditionelle chinesische Schriftzeichen – sowohl einfache als auch komplexere.“ Besonders leid tun Lee hochrangige Funktionäre, die bei den traditionellen Feiern zum Beginn des Mondjahres öffentlich Reime aufschreiben müssten und dabei durch ihre mangelhafte Schreibfähigkeit auffielen.
Aschenputtel-Kirche in Taiwan
Taiwan, das zu den größten Wirtschaftsnationen weltweit zählt, besticht gleichzeitig auch als Kulturnation. Die Insel hat ein lebendiges Theater. Das weltweit größte Zentrum für darstellende Künste wurde unlängst in der südtaiwanesischen Hafenstadt Kaohsiung eröffnet. Und „Taiwan hat als einziger demokratischer Staat in der chinesischsprachigen Welt einen Wert an sich“, betonte Ketty Chen von der „Taiwan Foundation for Democracy“ in einem Interview mit der Wiener „Presse am Sonntag“. Der Druck „von unserem Nachbarn“ ist für alle Taiwanesen deutlich spürbar, beschrieb Chen das Verhältnis zur Volksrepublik: Seien es die Versuche Pekings, die letzten 17 diplomatischen Alliierten abzuwerben, Taiwans Aktivitäten in internationalen Organisationen und Sportwettbewerben einzuschränken, Taiwans Tourismus mit Reisebeschränkungen zu torpedieren oder offene militärische und politische Einschüchterungsversuche. „Wenn du nicht tust, was Pekings politische Führung will, dann wirst du wirtschaftlich bestraft“, nennen das andere: „Sie stecken Politiker auf der ganzen Welt in den ökonomischen Schraubstock. Sie tun dies schon seit Jahren, und es funktioniert.“ Auch Chen kenne keinen Taiwanesen, sagte sie, der keine guten wirtschaftlichen Beziehungen zum Festland wolle. Aber für einen Großteil gebe es eine rote Linie: „Sie wollen ihre demokratische Lebensweise wahren.“ Eine schöne Linie, eine Art kalligrafische Politiklinie.
Taiwanesische Kalligrafie
Republik der Philippinen
Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Man nennt sie die „Treppe zum Himmel“ – die Reisterrassen der Ifugao im Bergland der Hauptinsel Luzon. Vor 2000 Jahren angelegt, sind sie heute in Gefahr zu verwaisen und auszutrocknen.
Fläche: |
343.448 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Deutschland |
Einwohner: |
106.512.000, über 20 Millionen mehr als Deutschland |
Die Philippinen sind ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die sich im Krieg befinden. Es wird nicht gegen ein anderes Land gekämpft, nein, seit dem Amtsantritt von Präsident Rodrigo Duterte 2016 befinden sich die Philippinen im Bürgerkrieg. Der Präsident nennt es Drogenkrieg – das Ergebnis ist jedoch das Gleiche: Je nach Quelle beläuft sich die Zahl der Toten zwischen 5000 und 25.000. Innerhalb von einem halben Jahr wollte Duterte „seinen“ Krieg gewinnen. Mittlerweile verlängerte er die Mobilmachung ohne Rücksicht auf Verluste auf seine sechsjährige Präsidentschaft. Gern prahlt Duterte damit, als Bürgermeister der Großstadt Davao selbst „etwa drei“ mutmaßliche Drogenkriminelle erschossen zu haben. In einem Amnesty-Bericht ist von einer regelrechten „Mordindustrie“ die Rede. Polizisten würden aus einer schwarzen Kasse für „Begegnungen“ bezahlt – ein Begriff zur Vertuschung von Tötungen ohne jede juristische Grundlage.
Treppe zum Himmel
International wird Duterte wegen dieses kompromisslosen Kurses kritisiert. Auf den Philippinen ist die Kritik noch verhalten. Lediglich die Mütter der Opfer, Menschenrechtsorganisationen und Kirchenvertreter wagen es, dem Präsidenten Paroli zu bieten. Eine breite Mehrheit steht nach wie vor hinter Duterte – obwohl sein Krieg weder Drogenhandel noch Drogenkonsum spürbar beikommen konnte.
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