Wobei das mit der Freiheit generell und besonders in Südkorea so eine Sache ist. Nehmen wir an, Jong schafft es ins Justizministerium. Dann wird er bei Sommerhitze von der Stadtverwaltung aufgefordert in kurzen Hosen zur Arbeit zu kommen, damit die Klimaanlagen weniger Strom fressen. Im Winter ist es umgekehrt: Da wird zum Stromsparen die Standardtemperatur in Verwaltungsgebäuden auf 18 Grad gedrosselt. Der jeweilige Staatspräsident geht dann mit gutem Beispiel voran und animiert Jong dazu, warme Unterwäsche zu tragen. Und dieser denkt an seine Schulzeit und lächelt milde über das lebenslange „Du musst!“
Demokratische Republik Timor-Leste
Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Ursprünglich gehörten die steilen und hohen Dächer zu den traditionellen Reliquienhäusern, Uma Lulik genannt. Doch der Baustil der Fataluku ist zum Nationalsymbol und Vorbild für moderne Gebäude wie den Präsidentenpalast geworden.
Fläche: |
14.918 Quadratkilometer |
Einwohner: |
1.183.643 |
Osttimor ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die auch der UNO zu einer ihrer größten und weiteren kleinen Erfolgsgeschichten verholfen haben. Letzter Anlass zu Stolz und Freude bei den Vereinten Nationen lieferte 2018 die Beilegung eines jahrzehntelangen Streits zwischen Australien und Osttimor über den Verlauf ihrer Seegrenze. „Dieses Ereignis ist historisch“, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres bei der Unterzeichnungszeremonie des Vertrags. Die Einigung sieht vor, dass die Einnahmen aus dem Gasfeld Greater Sunrise, immerhin geschätzte vierzig bis fünfzig Milliarden Dollar, zwischen den beiden Staaten geteilt werden. Für Osttimor, eines der ärmsten Länder Asiens, eine willkommene Budgetspritze, um die das Land lange kämpfen musste. Noch länger dauerte der Kampf der ehemaligen portugiesischen Kolonie um die Unabhängigkeit vom Besatzer Indonesien. 2002 wurde dieses Ziel mithilfe eines UN-Mandats und unter dem Schutz von UN-Friedenstruppen erreicht.
Die Schlüsselfigur für den Freiheitskampf als auch für die Beilegung des Konflikts und die Demokratisierung des Landes ist Xanana Gusmao, der „Nelson Mandela Osttimors“. 1981 übernahm er die militärische Führung der Rebellenorganisation Falintil. Seine Entschlossenheit, seine List und sein Organisationstalent verschafften ihm den Ruf eines „Robin Hood“-gleichen Heldens. „Die Menschen beten ihn als Führungspersönlichkeit an, als ein Symbol der nationalen Einheit“, sagt ein damaliger Wegbegleiter. 1992 wurde er verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Obwohl ihn die indonesische Führung als kaltblütigen Mörder abstempelte, wurde er zu Indonesiens populärstem politischen Gefangenen. Er nutzte die Zeit, um malen zu lernen, Gedichte zu schreiben und mindestens vier Sprachen zu lernen, darunter Indonesisch und Englisch. Als 1997 Südafrikas Präsident Nelson Mandela Indonesien besuchte, traf er sich in einem Aufsehen erregenden Schritt mit Gusmao und forderte dessen Freilassung. 1999 kehrte Gusmao im Triumph in seine Heimat zurück.
So entschlossen er als Rebell war, so zögerlich gab er sich als Präsidentschaftskandidat. Mehrfach beteuerte er, lieber Kürbisbauer oder Fotojournalist zu werden. Schuld daran sei ein Schwur, den er als Guerilla-Anführer geleistet habe, erklärte Osttimors Friedensnobelpreisträger, Premier und Präsident José Ramos Horta: „Er versprach seinen Leuten, dass er niemals Präsident werden würde.“ Damit wollte er den Verdacht im Keim ersticken, dass die blutigen Kämpfe, in die er seine Männer führte, eigenen Ambitionen dienten. Seine Zögerlichkeit half nichts, Gusmao wurde erster Präsident von Timor-Leste. Danach übernahm er während eines weiteren Aufruhrs im Land das Amt des Krisenmanagers und Premierministers. Und auch wenn er nicht selbst kandidiert, ist Gusmao nach wie vor der Königsmacher, sagt Tomas Pinto von Osttimors Nationaluniversität: „Wen auch immer Herr Xanana unterstützt, wird gewählt. Alle anderen sind nur zur Unterhaltung da.“
Friedensnobelpreisträger: Xanana Gusmao
Uma Lulik: traditionelle Reliquienhäuser
Demokratische Volksrepublik Korea
Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die Arirang-Spiele sind von über 100.000 Menschen aufgeführte Massentänze im Stadion „Erster Mai“ in Pjöngjang. Präzise choreografiert, werden dabei Episoden aus der revolutionären Vergangenheit und tollen Gegenwart gezeigt.
Fläche: |
120.538 Quadratkilometer, halb so groß wie Großbritannien |
Einwohner: |
24.052.231, ein gutes Drittel von Großbritannien |
Nordkorea ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die durch einen Eisernen Vorhang von ihren südkoreanischen Geschwistern getrennt sind. Deswegen diente im Grenzort Panmunjom am 38. Breitengrad ein Fernglas nicht dazu, in die Ferne zu schauen, sondern die Nähe auf Distanz zu halten. Ein US-Begleitoffizier deutete mit seinem Zeigefinger an die Stirn, als der nordkoreanische Grenzsoldat, drei Meter vom südkoreanischen Visavis und zehn Meter von der Besuchergruppe entfernt, ein Binokel an seine Augen führte. Was er von den Nordkoreanern hält, fasste der Amerikaner in einem Wort zusammen: „Crazy!“ Am nächsten Tag bei einem Pressegespräch im Außenministerium in Seoul sah man das Verhältnis zum nördlichen Nachbarn differenzierter: „Nordkoreas Situation ist außergewöhnlich, die stecken in einer existenziellen Krise, da kann man nicht erwarten, dass sie sich normal verhalten.“
Grenzübergang zwischen Nord- und Südkorea
Verrückt? Normal? Irgendwo dazwischen spielte sich auch die Visite im vier Kilometer breiten Niemandsland zwischen Nord-und Südkorea ab: Rund 170.000 Besucher reisen pro Jahr eine gute Autostunde von Seoul an, um zwischen Panzerabwehr-Wällen, Minenfeldern und Sicherheitszäunen einen Blick auf die „Achse des Bösen“ zu werfen. Ein Falke, der über den Reisfeldern kreiste, war der einzige, den die Infrastruktur dieser institutionalisierten Feindschaft nicht tangierte – ihm schmeckten die Mäuse und Hasen hüben und drüben der Demarkationslinie. Mit dieser Haltung kommt er der Wahrheit dieser Grenze wohl näher als alle Besucher, die der Grusel-Ästethik auf dem Leim gehen und sich gerne einen Konflikt vorspielen lassen, den es trotz regelmäßiger Drohgebärden des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un so nicht mehr gibt.
Massentänze während der Arirang-Spiele
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