„Das kann man wohl sagen, Herr Kaptän“, meldete der junge Oberleutnant und zog einen Briefumschlag aus der Innentasche seines Bordjacketts. „Dieses stammt aus der Jacke des Funkers.“ Der Kommandant nahm den Umschlag entgegen und betrachtete ihn zunächst von beiden Seiten. Gerichtet war der Brief an einen Edward Simmons, Funkoffizier, MS Jolante, Liverpool.
„Der Absender“, platzte Semmler heraus, um sich sofort zu entschuldigen, „Verzeihung Herr Kaptän, der Absender erscheint mir sehr interessant.“ Waldau wendete den Brief und staunte ehrlich.
„Sir Walter Hawkens, Rear-Admiral, London“, las er zu seiner Überraschung und widmete sich nunmehr mit größtem Interesse dem Brief selbst.
Dieser trug ebenfalls den Kopf des Rear-Admirals, der neben vielen persönlichen Floskeln in diesem Schreiben seinen Neffen, um diesen handelte es sich nämlich bei dem Funkoffizier der aufgebrachten Jolante, wissen ließ, dass er ein Kreuzergeschwader im Südatlantik übernehmen werde und seinen geliebten Neffen aufforderte, sich unmittelbar nach Beendigung der Fahrt als Reserveoffizier der Royal-Navy zur Verfügung zu stellen und ihn sofort über die Admiralität in London zu informieren, damit er ihn, seinen Neffen, für eines seiner Schiffe anfordern könne.
„Das ist ja wirklich interessant“, versetzte Waldau, „leider hilft es uns wenig weiter, wir werden aber entsprechende Mitteilung über die zu erwartenden Operationen eines Kreuzergeschwaders im Südatlantik per FT an die SLK senden. Gibt es sonst noch irgendetwas von Bedeutung unter den Habseligkeiten der Männer?“
„Nein, Herr Kaptän“, antwortete der IIO. „In Ordnung, Semmler“, versetzte Waldau, „dann veranlassen Sie, dass den Leuten ihre persönlichen Sachen zurückgegeben werden. Im Übrigen möchte ich Sie dann bitten, sich neben Ihren Aufgaben als II WO auch als „Gefangenenoffizier“ zu betrachten und sich um Sorgen und Probleme der Gefangenen zu kümmern. Sprechen Sie mit den Leuten, kümmern Sie sich auch um persönliche Wünsche und Bedürfnisse und sorgen Sie vor allem dafür, dass alle nur denkbaren Erleichterungen gewährt werden können. Versuchen Sie hierbei auch weitere für uns interessante Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Kurzum, versuchen Sie, für die Gefangenen nicht der böse Hunne zu sein, sondern bemühen Sie sich – soweit möglich selbstverständlich – auch um einen kameradschaftlichen Ton.“
Damit entließ der Kommandant seinen IIO.
Am folgenden Morgen – Waldau saß gerade mit seinen Offizieren – mit Ausnahme des IIO, der als diensthabender Offizier zur Zeit den Hilfskreuzer fuhr – in der Offiziersmesse nach dem zweiten Frühstück zusammen und erörterte die Lage – als eine erneute Sichtmeldung erfolgte. Waldau und Terra stürzten auf die Brücke.
„Rauchfahne Backbord querab, Herr Kaptän“, meldete Oberleutnant Semmler als wachhabender Offizier. Waldau und Terra hoben die schweren Marinegläser an die Augen und starrten angestrengt in die angegebene Richtung. Endlich, nach dem Nachjustieren der Gläser, erkannte der IO, Graf Terra, den feinen verwischten Strich an der Kimm und bedeutete dem Kommandanten die genaue Richtung. Jetzt sah es dieser auch. „Verdammt gute Sicht, also verdammt weit weg“, brummte Waldau. „Was meinen Sie, IO, wollen wir das Flugzeug erstmals aussetzen?“ „Wäre sicherlich empfehlenswert, Herr Kaptän.“ „Gut, veranlassen Sie das IO.“
Kurz darauf meldete sich der Fliegeroffizier, Leutnant Elmar Spaß mit dem Flugzeugführer, Feldwebel Gottfried Schütze, bei dem Kommandanten. Beide erklärten, es bestehen keine Bedenken gegen den Einsatz des Bordflugzeuges, das kurz darauf gestartet wurde.
Kommandant und IO, sowie alle Mann, soweit es ihnen möglich war, blickten dem startenden Bordflugzeug nach, dass sich ohne Schwierigkeiten von der glatten See erhob, noch eine Ehrenrunde über den Hilfskreuzer drehte und dann Kurs auf die gesichtete Rauchfahne nahm.
„Na, nun heißt es abwarten“, brummte der IO und grinste den Kommandanten an.
Die Arado stieg schnell auf etwa 600 Meter Höhe und nahm Kurs auf das gesichtete Schiff. Nach wenigen Minuten bereits war von Leutnant Spaß klar auszumachen, dass es sich bei der erhofften zweiten Beute des „Chamäleons“ um einen tief im Wasser liegenden, also bis zur Halskrause vollgelutschten, Tanker von etwa 7.000 BRT handelte.
Das Schiff war eindeutig anhand der britischen Handelsflagge als Gegner zu identifizieren.
„Lohnenswerte Beute“, bedeutete der Fliegeroffizier seinem Flugzeugführer. Feldwebel Schütze, der gerade die Maschine in eine leichte Linkskurve legte, um das Ziel in etwa 500 Meter Höhe zu umrunden, nickte, „hoffentlich funkt er nicht gleich.“
„Wollen wir unser Glück versuchen“, bedeutete der Leutnant und griff zum zwischen seinen Füßen befindlichen Leinenbeutel, in dem sich eine vorbereitete Mitteilung befand, die – selbstverständlich durch das nötige Gewicht beschwert – auf Deck eines gegnerischen Schiffes abgeworfen werden sollte. Diese Meldung besagte, dass ein britisches Kriegsschiff – in diesem Fall der britische Kreuzer Dorsetshire – in der Nähe stand und aufgrund des Kriegsausbruches wichtige Befehle für den eigenen Frachter habe. Dieser möge nicht funken, um den Standort britischer Einheiten dem deutschen Gegner nicht zu verraten. Das Kriegsschiff werde näher kommen und ein Boot aussenden, um weitere Befehle zu übermitteln.
Zwischenzeitlich hatten die britischen Seeleute auf dem Tanker selbstverständlich das Flugzeug bemerkt und hielten dieses erkennbar für das Bordflugzeug eines eigenen Kriegsschiffes. Wie anders wäre das Winken der auf Oberdeck gekommenen Seeleute sonst zu erklären?
„Scheint zu klappen“, meinte der Flugzeugführer und legte die Maschine in eine neue Kurve, um erheblich tiefer den Tanker erneut zu überfliegen. Leutnant Spaß bereitete sich vor, den Beutel so abzuwerfen, dass dieser wirklich auf dem Vordeck des Handelsschiffes auftreffen möge.
Die Maschine verringerte deutlich Ihre Flughöhe. In ca. 40 Metern Höhe flog die Arado 196 von hinten an. Von achtern aufkommend hielt Leutnant Spaß – die Windrichtung wohlberechnend – den Beutel vor sich und warf diesen ab, als das Flugzeug etwa die achtere Heckreling des Tankers in etwa 40 bis 50 Meter Höhe überflog.
Erwartungsgemäß schlug der Leinenbeutel auf dem Vordeck des Schiffes – zwischen den verschiedenen Tanks- auf.
„Wollen sehen, was jetzt passiert“, schrie Spaß seinem Flugkollegen, Feldwebel Schütze, zu. Dieser nickte lediglich, obwohl er aufgrund des erheblichen Fluglärms, verbunden mit den starken Windgeräuschen, wohl kaum genau verstanden haben dürfte.
Die Maschine ging auf ca. 100 Meter Höhe und umkreiste den Tanker.
Bei der dritten oder vierten Runde bemerkten sowohl Spaß als auch Schütze, dass ihre Nachricht ohne Argwohn aufgenommen wurde. Der Leinenbeutel war auf die Brücke gebracht und einer der Schiffsoffiziere, an der Kopfbedeckung erkennbar, winkte dem Flugzeug zu.
Gleichzeitig ging das Flaggengensignal für „verstanden“ hoch und das Gegnerschiff verlangsamte deutlich erkennbar seine Fahrt.
Die Arado umkreiste noch mehrere Male den gegnerischen Tanker, bei der letzten Runde wurde mit leichtem Wackeln der Tragflächen angedeutet, dass das Aufnehmen und Befolgen der Nachricht verstanden war und nahm dann wieder Kurs auf den Hilfskreuzer.
Währenddessen auf „Chamäleon.“
Auf der Brücke standen die Offiziere zusammen und diskutierten, ob wohl der Einsatz des Flugzeuges den gewünschten Erfolg bringen möge? „Wird schon klappen“, äußerte sich Graf von Terra und verbreitete wohltuenden Optimismus. Anders der Kommandant, der – nach außen hin vollkommen ruhig und beherrscht, innerlich aber völlig aufgewühlt – an einen derartigen leichten Erfolg noch nicht glauben wollte. „Glaube ich kaum, wir haben wohl einen klassischen Fehler begangen.“ Alle schauten den Kommandanten bestürzt an. „Wieso, Herr Kaptän“, fasste sich Graf von Terra als erster.
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