Was hat er da gesagt?!
Ich half John also, sich nach innen zu wenden, und bat ihn dann, mir zu erzählen, was er sah, fühlte und hörte. Er beschrieb, wie er vor einem Friseurladen auf einer gepflasterten Straße stand. Die Straßenlaternen hatten Lampenschirme. Er trug einen Anzug – braune Hosen, eine Weste und ein gestreiftes Hemd, eine braune Jacke und dazu elegante Schuhe und, wie er beschrieb, eine Art »Zeitungsjungenmütze«. Er war Anfang 30; auch in diesem Leben hieß er John (in anderen Leben, in die ich ihn zurückführte, trug er zwar andere Namen, aber ich werde ihn der Einfachheit halber John nennen).
Ich machte mit der Sitzung weiter und stellte John Fragen über sein Leben. Er erzählte mir, wie sich sein Leben entwickelte, und nannte dabei auch Namen und Daten. Er lebte als erfolgreicher Banker in Brooklyn, New York, und hatte mit seiner Frau Katherine einen Sohn und eine Tochter. Wir erlebten die Geburt seines Sohnes im Jahr 1940 und die Hochzeit seiner Tochter 1963, und wir entdeckten, dass sein Sohn bei einem Autounfall 1957 ums Leben kam. Wie John sich erinnerte, dachte er am Hochzeitstag seiner Tochter, sie hätte einen besseren Mann finden können.
Er und seine Tochter verloren im Lauf der Jahre den Kontakt zueinander, und nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1971 wurde er sehr einsam. Jahrelang fühlte er sich vom Rest der Welt abgeschnitten; aufgrund schlechter Investitionsentscheidungen hatte er sein Vermögen verloren. 1978 beging John Suizid.
In diesem früheren Leben musste John vor allem etwas über Einsamkeit und die Konsequenzen eines Suizids lernen (darauf gehen wir in Kapitel 6 viel ausführlicher ein). Johns Seele verließ seinen Körper, und er traf auf der anderen Seite seinen Geistführer. Sie sprachen über die Notwendigkeit einer Wiedergeburt, um sich das Thema »Einsamkeit«, das er in diesem abrupt beendeten Leben nicht ertragen konnte, noch einmal anzuschauen. Er wurde sehr schnell wiedergeboren – wie er sagte, im Jahr 1950.
Was hat er da gesagt?! Die Frage hallte laut in meinem Kopf wider. Oh Gott!
Ich wurde von Panik und Unglauben überschwemmt. John lag auf der Liege vor mir, ich saß daneben auf einem Stuhl und versuchte, ihm nicht zu zeigen, wie schockiert ich war. Wir hatten gerade sein Leben als Mensch durchlebt, in dem er Anfang des 20. Jahrhundert auf die Welt gekommen war und 1978 starb – und jetzt erzählte er mir, in seinem nächsten Leben sei er im Jahr 1950 geboren worden!
Mein Verstand protestierte. Nein, nein, nein, das ist unmöglich! So funktioniert die Zeit doch nicht. Und auch Reinkarnation funktioniert nicht so! Zeit verläuft linear. Eine Seele muss erst einmal ein Leben zu Ende bringen, bevor sie ein anderes Leben führen kann. Das ergibt doch alles keinen Sinn!
Ich war geschockt, versuchte, nicht mehr zu atmen und im Stuhl zu verschwinden. Ich fürchtete, mein Atem würde mich verraten, er würde meine Panik spüren, und meine rasenden Gedanken würden ihn beeinflussen und die Szenen, die vor seinem geistigen Auge abliefen, unterbrechen.
Das Schweigen schien sich ewig hinzuziehen. Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Johns Worte hallten in meinem Kopf wider, und ich dachte: Was soll ich bloß machen? Was kann ich sagen?
Warte einfach ab, sagte eine innere Stimme. Lass ihn das Wort ergreifen.
Ich wartete also. Meine Lungen schmerzten wegen des Luftmangels. Ich versuchte, so leise wie noch nie einzuatmen.
Zum Glück brach John das Schweigen. »Sie gibt mit mir vor ihren Freundinnen an«, sagte er. »So viele Frauen …, zu viel Parfum, zu viel Make-up. Ich weine. Ich mag das alles überhaupt nicht … «
Ich atmete tief ein und war erleichtert, dass er mit dem Erzählen fortfuhr. Wie John sagte, war er in diesem zweiten Leben ein gemischtrassiges Kind im Süden und von einer reichen weißen Familie adoptiert worden. Seine Eltern hatten eine Zeit lang versucht, selbst ein Kind zu bekommen, sich dann aber zu einer Adoption entschlossen. Johns Vater konnte nie akzeptieren, einen Sohn mit einer dunkleren Haut zu haben. Sie kamen sich nie wirklich nahe, und John hatte immer Angst vor ihm.
Eines Tages, John war vier Jahre alt, kam er mit einem blauen Auge nach Hause. Er war in der Schule von anderen Kindern zusammengeschlagen worden; sie hatten sich wegen der Adoption über ihn lustig gemacht. Seine Eltern gerieten darüber in Streit, sein Vater sagte immer wieder, sie hätten ihn nie adoptieren sollen. Das entwickelte sich zu einem fortwährenden Konfliktpunkt, und die Eltern ließen sich schließlich scheiden, als John 13 Jahre alt war.
John und seine Mutter zogen nach New York City. Er freundete sich mit anderen Jungen an, die eine noch dunklere Haut hatten als er; sie gründeten eine Doo-Wop-Gruppe und sangen an der Ecke vor dem örtlichen Süßwarenladen.
John wollte nicht studieren. Er wurde Bauarbeiter; er war einer Gruppe aus lauter weißen Bauarbeitern zugeteilt. Er mochte ein Mädchen namens Suzanne, das ihn heiraten und mit ihm eine Familie gründen wollte. Doch John fühlte sich mit nicht einmal 30 noch zu jung zum Heiraten. Er reiste nach Los Angeles und kam nie nach New York zurück.
John erlebte in diesem Leben Unglaubliches, doch nichts schien ihn emotional zu berühren. An vielem schien er gar kein Interesse zu haben. Wie mir auffiel, interessierte er sich nicht wirklich für Bürgerrechte, seine Adoption, die Streitereien seiner Eltern oder den Schulbesuch.
In Kalifornien führte John ein einfaches Leben. Er arbeitete, aß, schlief und war insgesamt recht zufrieden. Doch sein ganzes Leben lang schmerzte ihn der Gedanke, Suzanne nicht geheiratet zu haben. Als er die letzten Tage seines Lebens an sich vorüberziehen ließ, sagte er zu mir: »Ich bin wirklich alt, über neunzig Jahre. Ich lebe in einem Pflegeheim in Kalifornien, sitze die meiste Zeit einfach rum und starre aus dem Fenster. Verschwendete Zeit …«
Aus unserer heutigen Sicht erlebte John sowohl ein vergangenes als auch ein zukünftiges Leben. In diesem Leben war er 1950 auf die Welt gekommen, sah sich aber als 90-Jährigen in einem Pflegeheim; das musste sich also irgendwann in den 2040er-Jahren abspielen. Dass John – die Person, die er heute ist – Mitte der 1980-er Jahre geboren wurde, machte alles noch verwirrender.
Er erlebte weitere vier Leben auf dieser zeitlosen Abenteuerreise, alle innerhalb derselben 130 Jahre, irgendwann zwischen 1910 und 2040.
Johns Pläne für andere Leben
Nachdem John sich in ein zweites Leben hatte zurückführen lassen, erkannte er, dass er in diesem einfachen Leben nichts dazugelernt hatte. Die Zeit, die er in dieser Reinkarnation verbrachte, fühlte sich verschwendet an, und er beschloss, als Nächstes ein Leben zu erleben, in dem er lernte zu lieben.
In diesem dritten Leben wurde er am 3. Juli 1946 geboren (das Datum behielt ich im Kopf und wunderte mich nach wie vor, wie er diese sich überlappenden Leben leben konnte). John hatte eine große Familie, aber ganz besonders nahe stand er seiner Zwillingsschwester Jan. Sie war ein Wildfang, ein burschikoses Mädchen, er dagegen war schüchtern, emotional, sehr fleißig und wissbegierig. Jan war eines der hübschesten Mädchen an der Schule. John beschrieb sie als ein bisschen trottelig, aber wegen seiner Schwester wurde er nicht schikaniert. Die Hälfte der Jungs mochten sie, und die andere Hälfte hatte Angst vor ihr.
Als die beiden dann aufs College gingen, lebten sie zum ersten Mal getrennt voneinander. John ging ans Massachusetts Institute of Technology (MIT), Jan auf die University of California, Los Angeles (UCLA). Im zweiten Schuljahr erfuhr John, dass seine Schwester von einem Mann aus ihrem College vergewaltigt worden war. Für John stand außer Frage, was er zu tun hatte; er gab die Schule auf und zog nach Los Angeles, um sich um Jan zu kümmern. Er war glücklich, für sie da sein zu können.
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