Bewusst werden
Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass wir alle Schwachstellen und Schattenanteile haben und dass wir dazu tendieren, diese auf andere zu projizieren. So funktionieren wir eben. Um dieser Vorgangsweise entgegenzuwirken, müssen wir bewusst nach innen schauen und uns den ungelösten inneren Anteilen, die wir dort vorfinden, zuwenden. Wenn wir uns unserer Traurigkeit und Angst zuwenden, stärkt das unsere Fähigkeit, präsent zu bleiben, auch dem gegenüber, was unangenehm ist. Introspektion ermöglicht uns, zu erkennen, was in uns vorgeht, und unser Herz für unser ganzes Selbst zu öffnen, selbst wenn das schmerzhaft ist.
Wenn wir bei unseren eigenen Schwachstellen präsent bleiben, dann gelingt uns das auch bei den Schwachstellen anderer Menschen besser. Wenn wir unsere eigene Traurigkeit akzeptieren, sind wir empathischer und verständnisvoller, wenn unsere Schülerinnen traurig sind. Wenn eine Klasse wegen eines bevorstehenden Tests sehr angespannt ist, dann spüren auch wir diese Anspannung in der Regel. Wenn wir dann achtsam in die Anspannung, die wir in unserem Körper spüren, hinein atmen und uns entspannen, dann sind wir ein Rettungsanker, an dem die Kinder sich festhalten können. Sie sehen, dass wir Anspannung, Angst, Traurigkeit und andere intensiven Emotionen zulassen können, ohne uns völlig in dieser Erfahrung zu verlieren. Wir zeigen Ihnen, dass wir eine reife Beziehung zu unseren Gefühlen haben. Wenn wir das Schiff unseres Bewusstseins in den Sturm unserer Gefühle steuern, befahren wir die Meere des Lebens und sind ein Beispiel für mutige Authentizität, dem die Schüler folgen können.
Vorbild sein
Man lehrt Achtsamkeit in erster Linie, indem man selbst achtsam ist. Indem wir versuchen zumindest ein empathisches Auge offen zu halten, auch wenn unsere Schülerinnen uns gerade in den Wahnsinn treiben. Indem wir lernen uns auf unsere Schüler und die bevorstehenden Aufgaben zu konzentrieren, selbst wenn es reichlich Ablenkung gibt. Wir spüren unsere Unsicherheit und unsere aufgewühlten Emotionen und entwickeln Selbst-Fürsorge, sind liebevoll zu uns selbst und zeigen vor, wie man authentisch und stark ist. Statt die Kinder dazu anzuhalten, aufmerksam, empathisch und selbstreguliert zu sein, lernen sie von uns, weil wir uns selbst so verhalten.
Kinder tendieren in der Regel dazu, das zu tun, was wir tun, und nicht das, was wir sagen. Meist ist es wesentlich wirkungsvoller, diese Eigenschaften zu verkörpern, ohne darüber zu sprechen, als ihnen immer wieder zu sagen, wie sie sich verhalten sollen. Wissenschaftlerinnen haben untersucht, wie man gesunde Essgewohnheiten bei Kindern fördern kann, und haben Neunjährige in drei Gruppen geteilt, um zu sehen, wie die Kinder am leichtesten zu beeinflussen sind. Die erste Gruppe war eine Kontrollgruppe ohne irgendwelche Interventionen. Die zweite wurde regelmäßig belehrt, dass Kinder mehr frisches Obst essen sollten. Bei der dritten Gruppe sagten die Lehrenden kein Wort über gesunde Ernährung, sondern hatten einfach Obst im Klassenzimmer und führten gesunde Ernährung vor, indem sie selbst regelmäßig Äpfel aßen.
Die Untersuchung zeigte, dass sowohl die Klasse, die belehrt wurde, als auch die, in der gesunde Ernährung vorgelebt wurde, gesündere Ernährungsgewohnheiten entwickelte, als die Kontrollgruppe. Nach sechs Monaten war die belehrte Gruppe jedoch in die alten Gewohnheiten zurückgefallen, während die Gruppe, in der die Lehrende mit gutem Beispiel vorangegangen war, den neuen, gesunden Lebensstil beibehalten hatte (Perikkou et al., 2013).
Wie wir uns verhalten hat immense Auswirkungen. Wenn wir den Schülerinnen sagen, sie sollen aufmerksam sein, aber selbst ständig auf unser Telefon starren, dann erhalten die Schüler eine Übung in Ablenkung. Wenn wir sie anschnauzen, sie sollen sich entspannen, dann lernen sie Aggression und nicht Regulation. Wir sind die Lehrenden, doch wir sind auch das Lehrstück.
Arbeitsblatt:
Unsere eigenen Lehrer werden
Wir alle haben unsere weisen Worte für unsere Schülern. Wenn wir selbst diesen weisen Sprüchen zuhören, klingen wir ganz wie ein Motivationsredner. Ich höre Grundschullehrerinnen gebetsmühlenartig: „Sei lieb zu dir selbst und anderen“ sagen. Lehrer der Mittelstufe predigen: „Vergleicht euch nicht mit anderen. Ihr seid perfekt, genau so, wie ihr seid.“ Oberstufenlehrerinnen mahnen: „Du selbst hast die Kontrolle über dein Leben“.
Unsere eigenen Lehrer werden
Wenn wir diese Affirmationen nach innen richten und sie zu uns selbst sagen, dann merken wir, dass wir sie genauso sehr brauchen, wie die Schülerinnen. Versuchen wir Folgendes: Schreiben Sie unten einige der weisen Ratschläge auf, die Sie Ihren Schülern immer wieder geben.
Lesen Sie die Liste langsam durch, halten Sie nach jedem Satz inne, schließen Sie Ihre Augen und spüren Sie nach, ob Sie diesen Worten vertrauen können. Wenn der Rat lautet: „sei liebevoll zu dir selbst”, fragen Sie sich, wie liebevoll Sie tatsächlich sich selbst gegenüber sind? Atmen Sie bei jedem Satz einige Male ein und aus, lassen Sie ihn ganz bewusst wirken und vertrauen Sie der Wahrheit, die in den Worten liegt.
II
Mit Achtsamkeit bekannt machen
Ressourcen und Empfehlungen
Wir brauchen alle dringend Gelegenheiten, um innezuhalten und uns beruhigen zu können, besonders diejenigen von uns, die in traumatisierten Gemeinschaften leben und unterrichten. Achtsamkeit bietet mir (wenn ich mich daran erinnere) die Möglichkeit, eine Pause einzulegen, kurz bevor ich die Nerven verliere. Vor meinen Schülern Achtsamkeit zu praktizieren – selbst wenn nur ich alleine sie praktiziere – zeigt den Kindern, dass auch Erwachsene manchmal eine Pause brauchen und verletzlich sind und dass sie durchaus bereit sind, das auch zuzugeben. Wenn ich die Kinder einlade, mit mir zu praktizieren, dann gelingt es ihnen vielleicht einen kurzen Augenblick lang Frieden zu spüren, ihre innere Abwehr fallen zu lassen und zur Ruhe zu kommen. Sobald sie das einmal gespürt haben, können sie darum bitten, wenn sie es brauchen und mich daran erinnern, mir selbst diese Zeit zu nehmen, wenn sie den Eindruck haben, dass ich es brauche. Für uns ist das ein Weg, zusammen wahrhaftig zu sein und auf Augenhöhe zu agieren, auf eine Art und Weise, die im öffentlichen Schulwesen selten zu finden ist.
DIANE BLOCH, MITTELSCHULLEHRERIN, KALIFORNIEN
Bis jetzt haben wir Achtsamkeit als innere Kunstform und als Weg, um mit der Welt in Beziehung zu treten, erkundet. In diesem Abschnitt geht es darum, wie wir diese innere Kunst für unsere Schülerinnen zugänglich machen können. Alle Fächer sind wichtig, Achtsamkeit im Unterricht jedoch lädt die Schüler auf einen Weg der Selbstentdeckung ein. Wie man Achtsamkeitsübungen gestaltet, die einzelnen Punkte vorstellt und die Schülerinnen zum Mitmachen motiviert, ist eine Kunstform für sich.
Strukturen wie Noten, Prüfungen und Auswendiglernen eignen sich nicht für Achtsamkeitsübungen. Das unterscheidet sie grundlegend von der Art und Weise, wie andere Fächer unterrichtet werden. Achtsamkeit sollte als eine spezielle Zeit ausgewiesen sein, in der es nicht darum geht, vorgegebene Konzepte zu übernehmen, sondern in der die Schüler und Schülerinnen initiativ und für sich selbst lernen. Bei der Achtsamkeit sind wir mehr Mitlernende als Lehrende. Wir stellen ein Lern-Laboratorium zur Verfügung und unterstützen die Schülerinnen und Schüler dabei, ihren Geist, ihr Herz und ihre Beziehungen zu erforschen.
In diesem Abschnitt geht es um die Bedingungen, unter denen Kinder sich von Achtsamkeit angesprochen fühlen und dafür begeistern können. Der Achtsamkeitsunterricht darf nicht langweilig sein und die Schülerinnen sollen sich nicht bedrängt fühlen. Die Schüler ohne weitere Erklärung zehn Minuten lang mit geschlossenen Augen ihren Atem beobachten zu lassen, wird zwangsläufig zu einer frustrierenden Angelegenheit und ihr Gehirn verbindet Achtsamkeit mit der Erfahrung, zehn Minuten lang genervt herumzusitzen.
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