• Ich lebe auf einer Farm. In der Nähe meiner Tiere zu sein, bringt mich in den gegenwärtigen Moment.
• Wenn ich ein Gebäude betrete, nehme ich bewusst wahr, wo ich mich befinde und ich bin aufmerksam. Ich nehme den Übergang von draußen nach drinnen wahr. Das tue ich jeden Morgen, wenn ich in die Schule komme. Dann wieder, am Ende meines Arbeitstages. Ich trete ins Freie und nehme den Unterschied wahr. Bei jedem Übergang, halte ich einen Augenblick lang inne, um zu sein, wo ich bin.
• Ich habe Freude daran, wie sich mein Körper anfühlt, wenn ich morgens aufwache. Ich nehme die Vibrationen wahr, ich strecke mich langsam und nehme mir Zeit, um in meinem Körper anzukommen.
• Wenn ich nach Hause komme, sitze ich einige Minuten lang im Auto, ich nehme einige tiefe Atemzüge und denke über meinen Tag nach … und das erdet mich, bevor ich meinen Tag beschließe.
Die Kunst der Introspektion
Im folgenden lade ich Sie ein, die Kunst der Introspektion zu erlernen, um Ihren Schülern und Schülerinnen durch Ihre eigene emotionale Reife ein gutes Beispiel zu sein. Wenn ich mit den Kindern über emotionale Intelligenz spreche, frage ich sie oft: „Habt ihr je etwas getan, was ihr später bereut habt?“ Alle Kinder heben die Hand, denn wir alle müssen diese Frage bejahen. Uns wohnen Kräfte inne, die manchmal außer Kontrolle geraten. Ob wir wütend sind und etwas sagen, das uns später leid tut, oder einem Suchtmuster erliegen, alle von uns fallen manchmal vom Pferd.
Der einzige Weg, um emotionale Reife zu entwickeln, besteht darin, die Tür zu unseren Emotionen zu öffnen und eine respektvolle Beziehung zu diesen immensen Kräften in uns zu entwickeln. Angst, Scham, Eifersucht – diese Gefühle können überwältigend sein und unseren Blick auf die Welt trüben. Selbst wenn es einigen abwegig erscheint, der Versuch, diese Gefühle unter Kontrolle zu bekommen oder wegzuschieben, macht sie nur noch unbeherrschbarer. Nicht zu unrecht heißt es: Du musst es fühlen, um es zu heilen („You have to feel it, to heal it.“). Wenn wir uns für unsere Gefühle öffnen und sie würdigen, lernen wir irgendwann, auf den Wellen der Freude und des Kummers zu reiten.
Introspektion
Wir verbringen jeden Tag in unserem Körper und unserem Geist. Obwohl das keine Offenbarung ist, würde man meinen, dass wir die Betriebsanleitung unseres Inneren wirklich gründlich studiert haben, da wir doch soviel Zeit dort zubringen. Was könnte wichtiger sein? Selbstbeobachtung bedeutet, nach innen zu blicken und unsere Gefühle, Gedanken, Persönlichkeitsstrukturen und alle anderen Erfahrungen näher zu betrachten. Wir öffnen die Motorhaube und basteln am Motor herum, erfahren, wie er funktioniert und optimieren – so hoffen wir – unsere innere Mechanik.
Achtsamkeit ist ein direkter Weg zur Introspektion. Wir nutzen Achtsamkeit, um wie durch einen Spiegel auf unseren Geist zu blicken. Wir beruhigen unsere hektischen Gedanken und beobachten die Dynamik, die in uns wirkt. Achtsamkeit ist eine Praxis der Erkundung unseres Geistes. Die zugrundeliegende Frage ist: „Wer bin ich? Sind wir unsere Gedanken? Sind wir unser Körper? Sind wir unsere Gefühle? Auf diese Fragen gibt es keine präzisen Antworten. Wenn wir unseren forschenden Blick nach innen richten, vertiefen wir die Beziehung zu uns selbst. Wir schließen Freundschaft mit uns.
Die Teile des Selbst
Bei unserer Innenschau erwarten jeden von uns eigene Entdeckungen, wir erfahren mehr über unsere Persönlichkeit und unsere psychologischen Strategien. Auch einigen universalen menschlichen Erfahrungen werden wir begegnen. Gewisse Emotionen, wie Wut, Freude, Angst und Traurigkeit scheinen uns allen gemeinsam zu sein. Das ist so, als ob wir im Auto sitzen und all diese verschiedenen Anteile von uns streiten sich um das Lenkrad. Wir haben Kleinkind-Anteile, Perfektionisten-Anteile, Friedensstifter-Anteile und begeisterte Cheerleader-Anteile. Leider ist es oft das ängstliche Kind in uns, das hinter dem Steuer landet, statt gut gesichert auf dem Rücksitz.
Das Ziel von Introspektion ist es, unsere innere Welt auf gesunde Weise organisieren zu lernen. Jeder Anteil ist aus gutem Grund da und kann nicht einfach vertrieben werden. Wut ist das Bedürfnis, wertgeschätzt und respektiert zu werden. Traurigkeit ist die Notwendigkeit, Kummer und Verlust authentisch zu fühlen. Angst ist unser Beschützer, sie will uns vor Gefahren bewahren. Durch Achtsamkeit können wir lernen, uns nicht so sehr in Gefühle der Scham oder Angst verstricken zu lassen, sondern diese Teile von uns mit Präsenz und Zuwendung zu beobachten. Unsere Intention ist nicht, die Gefühle loszuwerden, sondern sie zu erfahren, ohne uns in ihnen zu verlieren. Wenn uns das gelingt, können wir enorm viel von unseren Emotionen lernen.
Verletzlichkeit
Introspektion macht uns offenkundig sehr verletzlich. Wenn wir nach innen blicken, sehen wir Aspekte von uns, die schmerzhaft sind. Wir haben psychologische Schutzmechanismen, Strategien und Abwehrmaßnahmen, damit wir uns in einer manchmal tragischen Welt sicher fühlen können. Wenn wir unser Tempo drosseln und nach Innen blicken, sind wir gezwungen, einige der Belastungen und der Gefühle, die wir abgewehrt oder verschoben haben, zu fühlen. Es macht uns verletzbar, den imperfekten, noch in Arbeit befindlichen Teilen unser selbst bewusst zu begegnen. Doch genau das sind wir – schöne und gebrochene, noch unfertige Werke. Je mehr wir uns akzeptieren, so wie wir sind und unsere Verletzlichkeit zulassen, desto authentischer sind wir und desto weniger müssen wir verstecken.
Wenn wir unsere Verletzlichkeit zu lange unterdrücken, kann das problematisch werden. Einige Menschen sind in Familien groß geworden, in denen es inakzeptabel war, seine Traurigkeit zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht sagten die Eltern Dinge wie: „Sei ein großes Mädchen und weine nicht.“ In solch einer Umgebung aufzuwachsen, bringt uns manchmal dazu, Traurigkeit generell zu unterdrücken und wegzuschließen. Dann setzen wir vielleicht ein glückliches Gesicht auf, doch tief in unserem Inneren sitzt da diese authentische Traurigkeit, die sich mit der Zeit zu einer Depression wandeln oder andere Probleme verursachen kann. Authentische Emotionen kann man nicht einfach auslöschen und wenn man ihnen keinen Raum gibt, können sie eine verstörende Wirkung entfalten. Traurigkeit ist nur ein Beispiel; einige von uns sperren ihre Wut weg, ja sogar ihre Fröhlichkeit, wenn wir von unserer Familie gehört haben, dass wir nicht so albern, sondern lieber ernsthaft sein sollen.
Projektion
Um zu verstehen, was Projektionen bewirken, denken Sie einmal an Tage, an denen Sie sich wirklich gut fühlen. Alle Leute scheinen Ihnen zuzulächeln und die ganze Welt erstrahlt in besonderem Glanz. An anderen Tagen, an denen Sie sich niedergeschlagen fühlen, sehen alle Menschen bedrohlich aus und die ganze Welt scheint düster und unerfreulich. Natürlich hat sich die Welt nicht verändert, sondern es ist unser innerer Zustand, den wir darauf projizieren.
In der Arbeit mit unseren Schülerinnen, ist es unglaublich wichtig, sich seiner Projektionen bewusst zu sein. Vielleicht hatten wir morgens Streit mit unserem Lebenspartner und sind gereizt. Im Unterricht merken wir dann, dass wir uns ständig ärgern und uns von jeder Kleinigkeit aus der Fassung bringen lassen. Wenn wir daran denken können, introspektiv zu sein, dann merken wir vielleicht, dass wir unsere eigenen Emotionen auf die Schüler übertragen. Ein anderes Beispiel: Wenn es uns unangenehm ist Traurigkeit ausdrücken und ein Kind in unserer Klasse zu weinen beginnt, dann kann uns das nervös machen und unser Instinkt sagt uns, dass wir etwas tun müssen, damit dieses Kind aufhört zu weinen. Wir projizieren unsere Schattenanteile auf die Menschen um uns, und bürden ihnen dadurch unbewusst unsere eigenen Ängste und Frustrationen auf. Durch Achtsamkeit erkennen wir, dass wir projizieren, und sind in der Lage, uns selbst auf frischer Tat zu ertappen.
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