Steine, über die zwei Linien liefen, hob ich auf und wischte sie an der Hose ab, die davon schon braune Streifen an der Seite hatte. Ich hielt einen Stein in der Hand, bis ich einen anderen aufhob, der mir schöner erschien. Dann verglich ich die Steine und legte den schöneren auf eine Polsterpflanze. Mit dem Handrücken fuhr ich über die Wangen, die Tränen abzuwischen und hob den unteren Rand der Sonnenbrille. Liza legte mir ihren Arm um die Schulter, zog mich leicht an ihren Körper, drückte mich sacht. Nach vergorenen Zwetschgen roch Liza, süß, ganz anders als Maja roch sie. Oder sie berührte mich sacht am Arm.
Da war der Himmel, gleich gültig, ob er wolkenlos war oder Wolken über ihn zogen, die weißen Riesen entlang oder als Fahnen über die Bergkämme flogen; da war der Himmel, gleich gültig, ob Wolkenlinsen über ihn fuhren, Walzen über den Gipfeln standen oder ein Schleier über ihm lag, der sich auflöste bis Mittag, ausdünnte über den Bergen im Westen schon früher.
Der Himmel war immer gleich gültig, und manchmal erschien er mir gütig darüber. Mit jedem Blick anders erschien mir das Wasser, immer anders die Kräusel, die zitternd sich hoben und hüpften und tanzten, und manchmal weit draußen, wenn der Wind drüberstrich, Krönchen zu tragen schienen; immer anders die Wellen, die ans Ufer schlugen und Rüschen aus Schaum über die Steinchen legten, immer anders die Kreise, die verliefen, wenn Fische aufschwammen und abtauchten.
Wenn ich tagsüber den Himmel sah, der strahlend und hell über mir lag, war mir leichter.
Weinen musste ich, wenn ich Steinchen auf die grünen Kissen legte. Den klaren Himmel liebte ich, er bedeutete, dass Maja dort war. Immer aber musste ich die Steinchen auflesen und anschauen und ablegen oder ins Wasser starren: sehen, wie mein Kind verschlupfte, ich konnte dann kaum atmen. Es wird anders, sagte Liza, die mich streichelte, die mich hielt, es wird leichter. Ich konnte dann wieder in den Himmel schauen, musste nicht die Steinchen auf die grünen Kissen legen.
Im Zelt lagen wir nebeneinander. Ich dachte, Liza könnte ein Engel sein, was Gutes floss von ihr auf mich. Ich konnte den Arm strecken und Liza berühren. Sie rückte dann zu mir, legte ihren Arm um mich. Der Wind strich meist ums Zelt, und ich lag still neben ihr; wenn wir die Bahnen nicht straff genug gespannt hatten, flatterten sie.
In der Früh kroch ich vor Liza aus dem Zelt, sah den Horizont hell. Mir war, als würden die Füße den Boden nicht berühren oder kaum.
GEORG
Ich musste Irene wiedersehen
Sie stand vor dem Schalter für verlorenes Zeug und trug die große Ledertasche umgehängt, die ich von Kreta kannte; sie streckte mir die Hand entgegen, wie denn der Flug war und ließ meine Hand, wie es mir gehe, welche Pläne und so weiter und ließ Pausen – Wörter, Satzfragmente, Summen, Rauschen. Ihr Haar hatte sie unter eine Mütze geschoben, hübsch war sie, dünner, ein wenig fahrig, als sei sie auf dem Sprung – vielleicht waren es die Sneakers, vielleicht war es die Mütze, vielleicht auch schlug der Freudeengel seine Flügel; sie öffnete ihren Beutel und holte zwei Tickets für die Schnellbahn heraus, eingeladen sei ich, eingeladen; was ich da bitte mit mir schleppe, sie taxierte meinen Koffer, der mich so smart, first class begleitet hatte im andern Leben, dann im Atelier herumgestanden war. Sind Bücher drin, und Laptop, Tusche, Pinsel, Kram – ich will ja hier nicht Urlaub machen. Die gleichen Piercings trug sie wie auf Kreta, vamos, sagte sie wie auf Kreta; das Anarchisten-A am Hals gleich unterm Ohr war neu.
Immer weiter hätte ich fahren können und die Bewegung ihrer Schulter spüren an meiner, diesen Ruck, den sie mir weitergab, beim Anfahren und beim Bremsen oder wenn sie ihren Arm hob, mir Thissio auf dem Plan zu zeigen, Thissio, wo wir aussteigen würden. Sie kniete vor mir, steif, mein Schwanz war steif, den sie in ihren Mund und auf und ab der Lippenring und Häuser, Kleinbetriebe samt Gerümpel, Gärten, Brachen flogen vorüber und leckte das Zungentier, he, musst ihm dein Ticket zeigen, musst dein Ticket zeigen, sagte sie und deutete zum Mann, der vor mir stand. Ja, sorry, gleich, ich versuchte meinen Fahrschein aus der Hosentasche zu ziehen, steif, musste aufstehen, halbsteif und bot einer Rabenfrau, die zustieg, meinen Platz an, schwarzes Kopftuch, schwarze Bluse, schwarzer Rock. Die Leute redeten, ich starrte meinen Koffer an und heiß, Irene, geil – wie peinlich, angeregt, Irene unterhielt sich angeregt und ich verstand kein Wort und schaute aus dem Fenster.
Leute stiegen zu, den Spalt mit Obacht überschreitend zwischen Bahnsteigkante und Waggon, gemächlich waren die Leute hier, als wären sie entschleunigt oder depressiv verstimmt, auf jeden Fall ein wenig antriebslos. Ein Hagerer stieg zu, begann zu deklamieren, laut und monoton und sammelte mit offener Hand den Lohn für die Performance ein; ich schaute an dem Hageren vorbei und musterte Touristen, die in khakifarbenen Shirts und khakifarbenen Hosen mir gegenüber saßen, als seien sie Abenteurer und durchquerten ne Gefahrenzone: Ihre Trolleys hielten sie wie scharfe Hunde an gestreckter Hand. Ich sah den Hageren nicht an, der wieder deklamierte und nach Pisse stank und Alkohol, die andern schauten wie ich an ihm vorbei, nur die Rabenfrau legte 50 Cent in seine geschwollene Hand und mir war es peinlich, auch das schmierige Getue des Performers, seine schleimigen Bezeugungen.
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Thissio, sagt Irene, die aus dem Waggon sprang, sorry, sagte ich, sorry, mit dem Koffer an die Leute stoßend; grüne Linien liefen über die Waggons, ich blieb kurz stehen, ein Hindernis, an dem vorbei die Leute drängten.
Draußen stellte ich den Koffer ab, Himmel, wie heiter. Just for tourists, sagte Irene, und ich mit meinem smarten first class Koffer an der Hand, nein, dieses Licht scheint auch auf uns. Athanasios-Kirche, sagte Irene und zeigte auf den Kuppelbau, wie Augenbrauen, sagte ich und deutete auf die gemauerten Bögen – jetzt grinste auch sie. Frauen und Kinder lagerten auf dem Rasen vor der Kirche inmitten von Müll und zerschlissenen Kinderwagen, Roma, sagte Irene, von vielen angefeindet.
Ich musste meinen Koffer tragen – zu viele Kanten, zu viele Sprünge – und spürte sein Gewicht, besonders, wenn ich ihn vor meinen Körper schwenkte, um die Leute passieren zu lassen auf den schmalen Trottoirs, Junge in Sneakers und Jeans, Alte in schwarzen Trevira-Hosen und Schoßen bis unters Knie, auch pendelte die Tasche, schlug an den Schenkel, als verlangte sie Einlass, als ermahnte sie mich. Irene ging vor mir den Fassaden entlang, zweistöckig die Häuser, bescheiden, ärmlich; im Parterre boten Läden Möbel und Kleinzeug feil; Stöße von Sesseln, Töpfen, Münzen, Pfannen, Krimskrams stapelten sich neben den Türen, keine Sau kauft etwas, sagte Irene und wich einem Paar aus – dann sprangen Lücken auf: Läden, die geschlossen waren, die Eingänge vernagelt, von Graffitis überzogen und Obdachlose davor auf übereinander gelegten Kartons. Schau, sagte Irene, wie die Frau dort drüben ihre Tasche berührt, das machen Obdachlose oft, weil sie nicht glauben können, dass sie auf der Straße sitzen, manchmal nehmen sie die Taschen und fahren zum Hafen oder sie mischen sich unter Touristen.
Wir bogen ab und gingen einem Zaun entlang, ich musste kurz stehenbleiben, aufs Gras zu schauen, das wie Flaum um die Zypressen wuchs und an den freigelegten Fundamenten dichter wurde, lichtgrüne Säume bildend in den Fugen, lichtgrüne Inseln zwischen den Quadern; weiß und rosa blühten Kräuter zwischen den Stümpfen, dürre Blätter hingen an Platanen wie wackelnde Kinderzähne, ach Jakob, ach Elena. Irene blieb stehn am Ende des Zaunes und beobachtete mich, der alte Friedhof, sagte sie. Ich nickte, erzählte von Maja. Dem Vater ins Auto gerannt. Dem Vater einfach ins Auto gerannt. Das muss man sich vorstellen.
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