✧
Gegen Westen fuhren wir. Als Gespinst lag Licht in den Blättern der Pappeln und Weiden, die ihre Wurzeln halb unter Wasser hatten, verhalten lag das Licht auf Säulen, die Zäune übers Hochtal zogen und gleißend lag es auf Sand, auf Stegen aus Kies, auf Bergen, die sich dahinter erhoben. Es war ohne Anspruch. Es hob die Dinge und haarbreit den Raum über uns. Diesseits des Flusses lag im Reif momentlang das Licht und jenseits des Flusses im Dorf, in den Scheiben und Metallleisten dort. Das Licht badete, hüpfte, splitterte, fing sich, legte sich in Arme, Ärmchen. Zog Bänder.
Fuhren Wolken über den Himmel, kämmten das Licht: über das Schwemmland, über die Wälle, die Berge, über den Rücken der Schafe, die in Herden zusammenstanden. Fuhr das Licht in den Jeep, fuhr das Licht über die Figur, die der Fahrer berührte, fuhr es dem Fahrer über den Arm und Liza, die neben dem Fahrer saß, über die Wange.
Durch Maja sah ich hindurch, sah die graue Polsterung, sah Nähte, die im rechten Winkel auseinanderstrebten, abgewetzte Stellen. Ich konnte sie nicht beim Namen rufen, ganz fein war mein Kind, eine Wolke, die neben mir lag. Ich spürte, wie grob ich war, ich spürte, wie mein Kind verstillte. Maja, sagte ich leise, Maja, du darfst gehen, sagte ich immer wieder, bis mein Herz weit und aus dem Herzen eine Wiege wurde.
Als wir ausstiegen, nahm ich Maja an der Hand, und sagte, bald, bald kannst du gehen. Maja wehrte sich nicht, Maja hatte ihren Körper wieder und ging mit mir ins Zimmer, das schmutzig war, Haare überall, Plastiksäcke, Essensreste. Ich richtete das Bett für Maja, die still auf dem Sessel saß und durchscheinend zu werden begann. Ich hob Maja ganz sacht ins Bett und setzte mich zu ihr; ich konnte Maja wiegen, mein Herz war weit genug. Die Spannung ging aus den Kiefern, den Knien, ich hatte keine Angst jetzt um sie. Dann ging Maja durch den Raum zur Tür: Ich sah sie verschwinden und folgte ihr, um nachzusehen, wo sie sei. Vor dem Haus kniete Liza und wusch ihr Haar in einen Eimer. Zwei Frauen saßen daneben auf einer Bank; Amulette, Silberplättchen hatten sie um den Hals, an den Ohren; ihre Hände waren schmutzig und aufgequollen, schwarz und eingerissen die Fingernägel, Schafwolle war auf Planen neben sie gebreitet, Kräuter lagen in tiefen Körben zum Trocknen, in flacheren Körben lagen Chili und dunkle Schoten. Der Fahrer wusch Staub von der Scheibe; unterschiedslos war alles in goldgelbes Licht getaucht: der Fahrer, die Frauen, die Häuser, die Hunde, der Dreck, der an den Kanten und Ecken sich sammelte, die dürren Pflanzen.
Ich ging hinters Haus, Kuhfladen klebten zum Trocknen an Wänden, Kuhfladen waren zu Haufen geschichtet; ich folgte einem Pfad, der an Schreinen vorbei auf einen Hügel führte. Ein Hund kam und strich mir um die Waden, ich strich dem Hund übers Fell, obwohl mir grauste vor den kahlen, schrundigen Stellen; der Hund, würde ich zu Maja sagen, ist semmelfarben wie Winnie gewesen, nur dünner, viel dünner, wir sollten ihm die kranken Stellen mit Salbe bestreichen. Wo ist Winnie, würde Maja fragen, und ich würde sagen, drüben ist Winnie, drüben und läuft über Wiesen und freut sich und hat keine Geschwüre und hat ein glänzendes Fell.
Ich hob den Kopf und schaute über die braungelben Flechten und Gräser, über die Schreine nach Westen, wo die Sonne hell im Dunst aus Aubergine und Grau am Himmel stand. Der Hund erhob sich, gähnte und machte sich auf den Weg ins Dorf zurück, vom Bellen dort gerufen.
Ich blieb stehen, hielt meine Zehen still. Die Stille konnte in die Fersen gehen, in die Knie. Die Stille konnte sich unter meinen Nabel legen. Ich rollte langsam über die Fersen und Ballen ab, die Spannung ging aus dem Körper, ich spürte die Haut zu den Achseln hin. Die Sonne berührte den Grat, die Sonne sank hinter ihn. Ähnlich würde Maja dann gehen, ähnlich schnell. Licht schickte die Sonne von drüben, Lichtgrüße, die Wolken: eine Herde rosa Lämmer.
Ich sehnte mich nach Händen und dachte an den Hund, lachte kurz. Die nassen Haare fielen mir ein, Liza, die vor dem Eimer gekniet war. Ich schaute nach Osten, sah Schreine, Häuser, Berge als dunkle Schemen und drehte mich zurück: Der Widerschein war verschwunden, grau war der Dunst und größer die rosa Herde. Ich ging schnell ins Dorf hinunter, Licht brannte in den Häusern, Liza trat mit nassem Haar aus der Tür, Abendessen, sagte sie und trat zurück, um sich das Haar am Ofen zu trocknen. Neben ihr hob eine Frau mit rotem Garn in den Zöpfen Fladen aus einem Korb in den Ofen, holte dann Schalen, die sie auf den Tisch neben die Thermoskanne stellte. In der Suppe, die die Frau dann brachte, schwammen Nudeln und Kohlblätter. Ich würde eine Schale voll für Maja mit aufs Zimmer nehmen.
Ich setzte mich zu Liza an den Ofen, so nah, dass ich sie berührte. Wir saßen nebeneinander und schwiegen, schauten über den gestampften Boden, über den niederen Metallofen, der zu glühen begann, zu den Bänken, auf denen Männer unter groß geblumten Kunststoffdecken lagen. Es tat gut, Liza so warm zu spüren. Liza legte mir den Arm um die Schulter.
In der Früh war der Himmel sehr klar. Bright sky, sagte der Fahrer und wischte der Gottheit, die am Armaturenbrett befestigt war, über die Brust mit dem Finger. Men seem to like her, sagte Liza neben ihm. Der Fahrer nickte, women also und spielte Om Mani Padme Hum wieder.
Wir stiegen aus, gingen langsam durchs karge Tal, die Klarheit hob die Herzen, die Schritte. Die Zeit verschwamm im Raum. So klar war der Raum, dass wir ihm nichts beilegen mussten. Zärtlichkeit entspann sich zwischen uns. Married, fragte der Fahrer, als wir ins Auto stiegen, no, sagten Liza und ich. Me, married, sagte der Fahrer und zog sich Handschuhe an und wischte der Figur wieder über die Brust. Children, fragte der Fahrer. No, sagte Liza. One child, sagte ich, where, fragte der Fahrer. Abroad, sagte ich. Dort würde Maja dann sein. Die Hand würde ich Maja auf die Schulter legen, den Scheitel würde ich berühren und geh zu ihr sagen, geh, Maja.
Alle mussten im gleichen Raum schlafen. Alle lagen auf dreckigen Betten, alle hatten ähnliche Kunststoffdecken. Alle hockten sich hinter die Mauer zum Kacken, die aus dem Westen mit Lampen, ohne Lampen die, die heimisch waren. Ich breitete den Schlafsack aus. Maja würde draußen bleiben, Maja würde nicht kalt sein unterm blühenden Himmel.
Wir sahen die Schneeberge jenseits der Wälle wieder, ich streichelte Maja. Das Gepäck war auf die Rücken von Tragtieren geschnallt. Ich trug nur Maja. Ich trug sie in einem Tuch, das mir um die Brust und über den Rücken lief. Liza berührte mich, sagte schau. Schau, wie die Berge im See sich spiegeln, oder schau, wie viele Esel am Hang dort grasen. Meistens ging Liza weit vorne, ich sah Lizas Kopf sich auf und ab bewegen.
Am Abend bauten wir ein Zelt aus blauem Kunststoff auf. Ich ging auf den Hügel, sah mich um und winkte, summte für Maja, die im Tuch an meinem Rücken lag. Wir sahen scharf gezogen Grate, wir sahen Brüche, Schöße, Kaskaden. Wir sahen türkis den See und am Ufer das Zelt, wir hörten ein Glöckchen, wenn der Wind in unsere Richtung wehte. Laufen wollte Maja dann. Ich sah Maja als Schemen, wenn sie vor den Felsen stand, dann verschwand Maja und ich sah sie als Gespinst. Ich musste schnell gehen, um sie nicht ganz zu verlieren, manchmal musste ich die Hand an die Augen legen, weil sie weit vorne über mir im Gegenlicht schwebte. Nach Osten in den Schatten führte der Weg an Felsen vorbei, Papier, leere Flaschen, Folienstückchen lagen verstreut auf dem steinigen Grund. Maja ging unbeirrt weiter, und ich war froh darüber, der Weg führte steil in einer Kehre nach Westen auf den Gipfel des Hügels. Dort blieb Maja stehen. Sie ließ sich nicht an der Hand nehmen.
✧
Breit war der Weg am Ufer entlang, lehmig und feucht, dann wieder trocken und steinig, schmal; kleine Polsterpflanzen wuchsen dort, über die ich immer wieder mit dem Finger strich. Ich bückte mich leicht, weil ohne Maja mir das Tuch nur lose jetzt am Rücken lag.
Читать дальше