Ich stellte mich hin vor die Partner und Freunde, zuckendes Lid, weg alles, weg eure Darlehen.
Ich meldete Konkurs an, was den Apparatschiks Beine machte, die die Scherben zu verwalten hatten, Scherben, die nicht einmal dazu reichten, die Arbeit der Apparatschiks zu bezahlen: ich, der Konkursit, stand zur Verfügung.
Ich überlebte den Pranger, ich überlebte den Ruin meiner Freunde, weil ich den Gefühlshahn zugedreht hatte, oder die Gefühle waren einfach versiegt.
Ich meldete Privatkonkurs an, und weil es sieben Raben, sieben Geißlein, sieben Zwerge, sieben Laster, sieben freie Künste gibt, werden meine Einkünfte sieben Jahre lang abgeschöpft.
Sieben mal sieben ist feiner Sand, jeden Brocken, der im Sieb blieb, hielten sie gegen das Licht, die Gläubiger reichten Klage ein gegen mich.
Das rief man mir nach samt Unschuldsvermutung: Klaus K. MSc, erfolgreicher Unternehmensberater, zunehmend wirtschaftliche Schieflage durch dubiose Provisionsgeschäfte, bei denen Gläubiger wissentlich hinters Licht geführt wurden.
Was ich im Spiegel sah: Klaus, dünn, im Verhältnis zur Körpergröße kleiner Kopf, schüttere Haare, zwei Furchen über die Wangen.
Was in den Medien stand: Klaus K., Sohn des bekannten Radiologen Gery K., wurde angeklagt wegen Betrugs.
Kalt stand ich vor dem Richter, acht Monate bedingt wegen Darlehensbetrugs, kalt innen der schäbige Ritter.
Sein Fels sei seine Sache, ebenso ließe der absurde Mensch, wenn er seine Qual bedenke, alle Götzenbilder schweigen, geblähte Luft.
Ich zog mich auf den Ginthof zurück, ohne den Idealismus der Brüder und Schwestern zu teilen (ich konnte die Drecksarbeit nicht kathartisch finden und eingehängt in den Abend schlendern), ich musste, mittellos, einfach irgendwo unterkommen.
Quarz lag über Rippen aus Granit, die sich über den Bergrücken bis an die Piste zogen. Niedrige Sträucher wuchsen auf Hängen, Windpocken, sagte Liza auf dem Beifahrersitz, um mich ein wenig aufzuheitern, Nester, sagte ich und begann laut zu weinen. Zum Fahrer, der gegen das Weinen zum hundertsten Mal Om Mani Padme Hum spielte, sagte Liza auf dem Beifahrersitz, another song, please.
Ich hab dich lieb, ich hab dich lieb, Blutfäden aus der Nase, Blutfäden aus den Ohren. Groß die Kühlerhaube über uns. Herbert hatte sich hingehockt, Herbert hatte seine Hand gestreckt. Er durfte sie nicht berühren. Und Gott hab ich gedacht, Gott auch gesagt, hab dich lieb zu Maja – und dann gedacht, dass es ihn gar nicht gibt. Oder Gott hatte sich auf Gesichtsgröße zusammengezogen, auf Kindergesichtsgröße.
Das hatte sich ausgewachsen: dass alles unwirklich wird.
Mit der Hand musste ich über den Tisch, ob der Tisch der Tisch noch ist, oder ich musste mit der Hand ans Knie, ob das Knie das Knie noch ist. Nur Maja war da, Maja, die Herbert getötet hatte. Das habe ich nur einmal gesagt und er hat geweint, da habe ich überfahren gesagt, dass er sie überfahren hat.
Das war die Angst auch, die ich hatte: dass Maja gleich unwirklich würde wie alles andere. Nur noch selten konnte ich die Haut in Majas Gesicht spüren, samten, mit Härchen zu den Ohren hin, nur noch selten konnte ich Maja frisieren, den Scheitel ziehen durchs dunkle Haar und dabei verstohlen die Krone berühren, den Himmel, den mein Kind dort liegen hatte. Manchmal sah ich die Tür durchs Kind hindurch, manchmal sah ich den Baum, vor dem Maja stand, den Ast, der tiefer hing, wenn er im Herbst die Früchte trug. Riechen konnte ich Maja noch. Ich wusste, wie sie am Haaransatz roch und am Hals, ich wusste, wie Maja roch, wenn sie vom Sommer draußen kam und wenn sie Frühherbst in den Kleidern trug. Dann war es Abend und ich entkleidete Maja, die undeutlicher wurde, und roch die Achseln und den Bauch, nach Beeren roch Maja, wenn sie die Arme hob und über ihren Kopf das Hemdchen streifte, still roch sie um den Nabel, ganz leicht nach Tamarinde um die Scham.
Wolken fuhren über den Himmel – wie Krapfen, sagte ich zu Maja – fuhren als Schatten über den Rücken der Berge, verdeckten die Sonne, gaben sie frei, rechten das Licht, zogen es von einem Punkt aus in Streifen.
Der Jeep hielt an, wir stiegen aus. Der Fahrer stellte sich hinter den Wall am rechten Rand, wir hockten auf der anderen Seite hinter dem Damm. Schön, sagte Liza, die neben mir ein Feuchttuch aus der Tasche zog. Ja, schön, sagte ich und drehte mich weg und rief Maja, damit wir gemeinsam auf die Wälle gingen; erst raschelten die Gräser, erst wichen wir den Disteln aus, dann sahen wir Sand und Licht und Berge, die hinter den Wällen wie Tierleiber lagen; wir nannten sie Katzen- und Bärenberge, wir nannten sie Hundehügel und Elefantenrücken. Hinter den braungrünen Leibern gleißten Berge aus Schnee; das sind die Königinnen, sagte Maja. Ja, sagte ich und nahm sie an der Hand, damit sie nicht zu den Königinnen lief, weiß und schön, wie sie waren. Ich ging mit Maja zum Auto zurück, ich bettete sie im Auto neben mich und machte die Augen zu, damit ich nicht reden musste.
Ich spürte Lizas Hand auf meinem Oberarm, wir hatten angehalten, die vorderen Türen standen offen. Ich stieg aus, ging durch das Tor, betrachtete die Gebetsmühlen, ging um den Schrein, ging ein zweites und ein drittes Mal - Maja kam nicht mit auf den Platz, Maja trat nicht durch das Tor, ich sah nur den Fahrer und die Frau und ein paar Fremde, die auf den Stufen vor dem Tempel saßen, das Rad aus Gold stand still zwischen den Gazellen über ihnen, darunter das rotbraune Band aus Stroh, die nach außen laufenden Mauern. Eine Frau warf sich hin, streckte die Arme nach vor, stand auf, führte die Arme über dem Kopf zusammen, winkelte sie, berührte mit den Daumenballen die Stirne, das Kinn, die Brustmitte, kniete sich hin, glitt wieder nach vorn, lag gestreckt im Staub; einen Plastikschurz trug die Frau und Lappen hatte sie an den Händen. Nach jeder Umrundung sah ich ein anderes Bild, die Frau war dem Tempel um zwei Körperlängen näher gekommen oder der Fahrer hatte sich eine Zigarette angezündet, Liza, die neben dem Fahrer gestanden war, stand zwei Stufen höher, hatte die Sonnenbrille abgenommen und die Kamera auf die Frau im Staub gerichtet, ein Vogel kreiste über ihnen. Ein Vogel kreiste nicht mehr über ihnen.
Wir warten, rief Liza zu mir herüber. Ihre Stimme war deutlich, hatte sich nicht verloren, als stünde ich in einem Haus aus Plastikfolie, Glas und abgeblühten Rosen. Als hätte Maja wie früher vom Garten her gerufen. Sandkuchen, Ketten aus Löwenzahn, Zitronenfalter, Kreidebilder, Blumensträußchen, Birkenrinde waren in der Stimme. Vielleicht, weil sie sanft war, ohne Anflug von Ungeduld, vielleicht, weil die Frau im Staub lag und der Vogel wieder kreiste.
Als ich mich bückte, um die Schuhe auszuziehen, sah ich den Hof leer und hart ausgeleuchtet; die anderen hatten den Vorhang zur Seite geschoben und waren in den Tempel getreten, die Frau mit dem Plastikschurz warf sich neben mir nieder, Maja kam nicht, obwohl ich sie rief. Ich schob den Vorhang ein wenig zur Seite und sah, wie die anderen Geld zu Geld legten. Überall Scheine, in Schalen auf Getreidekörnern, zwischen Vitrinenscheiben, vor Bildern, die reinkarnierte Lamas zeigten.
Weinrot lagen die Mäntel der Mönche, zwölf Filzmäntel in jeder Reihe. Von oben fiel ein wenig Tageslicht herein, das die Farben grell machte, die weiter hinten im Raum von den Butterlampen gedämpft waren, besänftigt. Wie das Bettzeug, das am Abend lindgrün wurde, wie meine Stimme, die feiner wurde, wenn ich im lindgrünen Bettzeug vorzulesen begann. Liza legte mir ihre Hand an den Rücken und schob mich zu einer anderen Statue hin. Tausend Arme, sagte Liza, und Augen in den Händen. Ich rückte von ihr und zündete Butterlampen an, zeigte Maja die Statue und bat sie, dass sie bei mir bleiben möge.
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