Zur Schule hatten wir den gleichen Weg, ich lehrte, Maja lernte; rutschte auch in der Schule aus der Schnürung, was gebunden war und driftete, ich hörte mich Selbstbestimmtheit, Empathie und Geist den Schülern sagen, sah mich Wendigkeit, Verfügbarkeit und Effizienz verlangen; ich sah, dass Herbert ohne Freude war im Grunde seines Herzens und den Grund deshalb versiegelt hielt; auch Maja spürte es, obwohl er dauernd sagte, wie erfolgreich und gefordert er denn sei und sich am Leben spüre, Maja aber blieb ihm nah, Maja schmiegte sich an ihn und schenkt’ ihm Zeichnungen mit Bäumen, Tieren, weiten Himmeln, schenkte Blätter ihm und Steine, Federn, Wurzeln und die Buchstaben aus der Schule.
Wir lernten Georg kennen, seine Frau und seine Kinder; Georg: Softie, Loser, ausgebrannter Wirtschaftsguru; Herbert fand ihn unerträglich – er, nicht das System, sei krank, der Loser, der nichts auf die Reihe bringt und plötzlich von Bescheidung spricht.
Ich mochte ihn, den Loser, mochte, was in ihm zu gehen lernte, sich nach Flügeln sehnte, ich mochte seine Zuversicht, dass er, der Loser, auf dem Lande anders leben würde. Der Unterhaltungskünstler Herbert mimte Georg, den Romantiker – mistete aus, stach Schweine ab und setzte Bohnen zwischen Gartenzwerge und Salat und alle hielten sich den Bauch; ich geh aufs Land mit diesem Loser, sagte ich, und nehme Maja mit. Ich wurde fremd, erzählte Maja von dem Haus am Land, in dem die Menschen gut zusammen lebten, achtsam seien, anders dächten, grün sei alles um das Haus und glücklich, blühe. Gerne lebte ich mit ihr in diesem Haus und Herbert käme uns besuchen; Herbert, komm mit uns ins Haus, dann hast du eine Zeit. Maja ließ ne Pause, eine … Zeit und deutete das Nicht-Zerhackte, Ganze an.
Sein Atem sei zu schnell und treibe Maja an – er drauf immer, Maja leide deshalb, weil die Mutter esoterisch, egoistisch sei, und manchmal sagte er schuld, dass ich an Majas Schwermut schuld sei; er sei schuld, entgegnete ich, er, der alles bloß vernutze, nicht den kleinsten Spalt frei ließe, er sei schuld, weil alles Zweck sei, aber auch schon alles, und stritten wir, bis wir einander fremd und müde wurden.
Ein Jahr vereinbarten wir und nannten es Versuch, Scheiß-Spinnerei und Schmonzes sagte Herbert, die Traurigkeit versiegelt’ er, dass sie nicht hochstieg und das Denken infizierte; Sonnenschein, nannte er Maja, und, lieb, sagt’ er, ich hab dich sehr, sehr lieb - am Abend würd’ er immer an sie denken, wenn er aufwacht in der Früh: sie müsse wiederkommen, bitte, wiederkommen, ja, versprechen bitte muss sie, dass sie wiederkommen wird; die Bitte schmeckte nach der Traurigkeit, die er versiegelt hielt, ja, sie würde wiederkommen, sagte Maja, schmiegte sich an ihn; Herbert winkte lang, als wir mit Sack und Pack ins Auto stiegen; sehr bescheiden waren Sack und Pack, nur wenig mehr als Fluchtgepäck.
Anarchisch war die Achtsamkeit, am Anfang galt nur sie, der Glaube dran, und wenig Regelwerk, kaum Hierarchie: Wir wollten anders denken, wollten, dass unser Denken anders sich erfinde; die vom Ginthof waren wir, die Ginthof-Leut’, wir regten auf; ein rotes Tuch, ein Dorn im Aug warn wir den Heimischen, auch schmeckte Glück ganz anders als gedacht, erschreckten die kaputten Ziegel, feuchten Flecken, das Gerümpel und der Putz, der arg gebröckelt ist; erschreckte uns der Matsch ums Haus; erschreckte uns das Teilen: Zimmer, Küche, Kasten, Betten, Bürsten teilten wir, auch Ablehnung erschreckte uns: Wir warn die Zugereisten, ohne Glauben oder mit dem falschen Glauben, die sich alles unter ihre schwarzen Nägel reißen wollten.
Glück, wir sagten: Freude, war in Zwischenräumen, in der Stille, in den Spielen mit den Kindern, Glück lag in der Gegenwart; wir hoben Fersen, winkelten die Knie und rollten über Ballen, warn im Heben, Winkeln, Rollen, warn in der Bewegung und nicht in der nächsten und nicht in der übernächsten. Bild-, lichtgängig warn die Grenzen, lose Fügungen, Hannah Arendt, Wiesen, Roland Barthes, der Nachbar, ich; der Petermichl lieh mir seine Unschuld, ich ihm Wörter: eine Möglichkeit im Glück, auch Mira und Holunderblüten und Maja lachend auf die Buchenblätter, die zur Welt wie grüne Kälber kamen, zeigend, aufgehoben alles, wir in allem aufgehoben Augenblicke lang – dann schrie ein Vogel, fiel ein Blatt zu Boden, ein Gedanke ein, wurd’ eine krank, erhängt’ sich einer, doch das Leid, es schmeckte anders, etwas blieb vom Glück in ihm.
Maja hat sich wohl gefühlt von Anfang an, es war genügend Zeit in ihrer Zeit, um zu verweilen, das Kalb zu bürsten, Küken, Ferkel in den Arm zu nehmen, Wessely, den Ginthof-Hund, zu streicheln, es war genügend Zeit in ihrer Zeit, um Blätter, Hölzchen, Steine, Nadeln aufzulesen; schwebend leise war der Atem, nicht mehr scharf gezogen – über Brücken und durch Kammern strich er, richtete Gedanken, Maja konnte Georgs Hand in ihre nehmen und die Nester anschaun, die die Sonne auf den Boden legte oder auf dem Traktor neben Mira sitzen, um mit ihr zu singen, Maja konnte Theater spielen mit den Zwillingen, Maja konnte Glück vom Himmel und vom Grund des Herzens pflücken: Glücklich-Sein war Majas himmlisches Talent; sie kämmte Haare, pflückte Blumen, nahm mich an der Hand und zeigte mir die neugebornen Kätzchen, schmiegte sich an mich.
Wir hielten Wort und fuhrn zu Herbert in die Stadt, extrem konträr warn die Entwürfe: cut, nein, unbedingt versuchen, ja und doch und nein und Herbert war erregt und sprang ins Auto, startete und reversierte, Maja rannte, rannte ihm ins Auto.
KLAUS
Ich musste irgendwo unterkommen, #lebenohnetwitter
Alles sollte mager sein, Alltag, Ego, Wiese, Klo, freilich sagten wir nicht, mager, wir sagten BESCHEIDEN, BESCHEIDEN, nannten mager nur die Wiese, die wunderbunt blühte und zur Matrix im Vergleiche-Himmel avancierte.
Spätgeborne, erdachten wir ein Gesellschaftsideal (wieder einmal): Jeder nimmt so viel vom Raum, den Nährstoffen, vom Licht, wie er braucht, nicht mehr (und ohne Wauwau), weil er ja glücklich ist, wenn alle glücklich sind.
Gesindel, hießen wir, Zugereiste, Spinner, Brut, Kommunen-Pack, den falschen Glauben hatten wir (hatten SIE: im Unterschied zu den Brüdern und Schwestern begann ich das Leben 900 Meter über dem Meeresspiegel agnostisch).
Ganz zu Beginn hatte ich noch lässig geredet, kann ich in eurer bescheidenen Utopie wohnen und so, das hatten sie mir bald abgewöhnt, auch gab es kein Handy, kaum vorzustellen im Nachhinein.
Wir, nein, sie: die Brüder und Schwestern versuchten als Kommune zu blühen, waren empathisch (zartelten), um das Denken aus den Bahnen zu wiegen, die ums Ego sich geschliffen hätten.
Die Brüder und Schwestern wollten die Suppen, die eingebrockt waren, nicht weiter auslöffeln (teils waren sie eingebrockt, teils hatten sie sie selber eingebrockt, auch so ein Thema).
Unter den Erdvernarrten kamen meine Bonmots nicht besonders an, ich kann nicht direkt vor dem Wind schneller als der Wind segeln, aber ich kann schneller als der Wind segeln, ein Beispiel.
Sie: die Brüder und Schwestern drängten zum Du, und Du war auch die Glockenblume und die Kuh.
Die Hiesigen wollten wir ans Herz nehmen, um gemeinsam Mimosenland zu bestellen, die Hiesigen aber verwehrten sich gegen uns Zugereiste, weil wir auf die Rohheit, die Teil ihrer Ordnung war, und auf die Kirche zeigten.
Man kam nicht mit Überheblichkeit, man kam mit Entwürfen, die wie Bannsprüche in die Plastikfenster-Ästhetik, die Lagerhaus-Romantik, das Mode-Zalando der Bauern spazierten (was eine Störung bewährter Sinnausgabestellen bedeutete).
Man könne keine neuen Ozeane entdecken, wenn man nicht den Mut habe, die Küste aus den Augen zu verlieren: eines meiner Bonmots, traf auf offene Ohren, weil die Brüder und Schwestern Ozean mit ozeanischem Gefühl gleichsetzten.
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