»Diesmal bist du zu weit gegangen, Gonzalez«, rief der Hüne mit braunem Haar und boxte seinem Gegner in die Magengegend.
Alejandro Gonzalez zahlte es seinem Angreifer heim, indem er ihm direkt ins Gesicht schlug und einen Tritt gegen das Schienbein verpasste.
»Komm runter, Alter. Ich habe deine Freundin nicht angefasst«, verteidigte der Schwarzhaarige sich und wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte ich gelacht.
Alejandro fickte jede, die sich ihm anbot. Er war ein Casanova, der alles vögelte, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Die Frauen lagen ihm zu Füßen, rannten ihm regelrecht hinterher, denn sie fanden ihn atemberaubend. Auch ich musste zugeben, dass der Latino mit den braunen Augen, die an flüssige Schokolade erinnerten, nicht zu verachten war, wenn man seinen miesen Charakter außer acht ließ.
Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag hatte ich mich Hals über Kopf in ihn verliebt. Naiv wie ich damals war, hatte ich ihm sogar meinen ersten Kuss geschenkt. Am Tag danach hatte er kaum ein Wort mit mir gesprochen. Ich war am Boden zerstört gewesen.
Natürlich hatte ich versucht, mit ihm zu reden, aber ab diesem Tag hatte er mich geschnitten und sich für immer verändert. Er fing an, sich zu prügeln, zu rauchen und jeden Tag eine andere Schnalle abzuschleppen. Lange hatte ich dabei zugesehen und mir gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können, weil ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Doch irgendwann hatte ich die Hoffnung aufgegeben und mein Leben weitergelebt. Na gut, nicht irgendwann, sondern nachdem Alejandro beschlossen hatte, so gut wie jedes Mädchen auf der Schule zu vögeln und anschließend wegzuwerfen. Seitdem hatte ich nur noch negative Gefühle in Bezug auf Alejandro, die leider manchmal mit mir durchgingen, wenn wir aneinandergerieten.
Wieder prügelte Alejo auf das Gesicht seines Gegners ein, der einfach nicht aufhörte, ihn zu beleidigen. Ein widerwärtiges Geräusch war zu hören, als die Nase des Hünen brach und Blut aus seinen Nasenlöchern spritzte. Die umstehende Masse riss schockiert die Augen auf, außer ein paar Anfeuerungsrufen schritt jedoch niemand ein, um den Kampf zu beenden. Das Blut des Verletzten verteilte sich auf den Kontrahenten und immer wieder knallte einer von ihnen auf den harten Boden.
Allein vom Zusehen hatte ich schon Schmerzen. Wie mussten sich die Kämpfenden erst fühlen?
Ein weiteres Knacken erklang, aber ich konnte nicht erkennen, welcher Knochen in Mitleidenschaft gezogen oder welcher der beiden verletzt wurde. Fäuste flogen durch die Luft, Kinnhaken wurden ausgetauscht und zur Krönung trat Alejo seinem Angreifer in den Schritt. Der Hüne fluchte und verzog schmerzhaft das Gesicht, bevor er sich erneut brüllend auf Alejo stürzte, der unfaire Mittel nutzte, um schnellstmöglich aus dem Kampf herauszukommen. Sicher nicht, um in den Unterricht zu gehen, wahrscheinlicher war eher, dass er sich die nächste halb nackte Schülerin suchen würde, deren Freund ihm morgen eins aufs Maul hauen wollte.
»Hört sofort auf mit dem Schwachsinn oder ich hole die Rektorin«, schrie ich, als der Hüne nun seinerseits anfing die Nase von Alejo zu bearbeiten, der seine Arme erhoben hatte, um sein kantiges Gesicht zu schützen.
Sein Kinn war bereits rot verfärbt. Bestimmt würde die Stelle anschwellen.
Verärgert starrten mich die Schaulustigen an, doch ich hatte nur Augen für die Streitenden, die ihre Zurschaustellung von Muskelkraft unterbrochen hatten.
»Was mischst du dich überhaupt ein, Streberin?«, zischte Alejandro und tastete seine Rippen auf Verletzungen ab.
»Wenn zwei testosterongesteuerte Halbwüchsige ihre primitiven Konfliktlösungsversuche vor der ganzen Schule austragen, kann ich als Schulsprecherin nicht wegsehen. Stellt euch vor, jemand schaut sich euer inkompetentes Verhalten ab und wird auch zum Vollpfosten!«, verteidigte ich mich und setzte ein selbstbewusstes Grinsen auf, obwohl ich mich alles andere als das fühlte.
Alejandros Blick ließ meine Knie weich werden und ich spürte, wie mein Mund trocken wurde. Seine Augen strahlten mich an und seine geröteten Wangen ließen ihn verboten gut aussehen. Obwohl mein Verstand Alejo abgrundtief hasste, schien mein Herz das noch nicht begriffen zu haben. Es pochte in meiner Brust und ich verdankte es der Kälte, dass niemand sich fragte, warum ich plötzlich rot anlief.
»Entschuldigen Sie bitte, Eure Königliche Hoheit, dass wir keinen roten Teppich ausgerollt haben, als Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehrt haben«, konterte er und deutete eine Verbeugung an, die ihn wie einen Butler aus dem achtzehnten Jahrhundert wirken ließ. Fehlten nur noch der Anzug und die weißen Handschuhe.
Sein Gegner war schon längst im Hintergrund verschwunden und wieder mal hieß es Alejandro gegen Isabella. Auch wenn ich peinlichst darauf achtete, mich nicht in Alejos Nähe aufzuhalten, kam es zwischendurch immer wieder zu Auseinandersetzungen der unangenehmen Art. Selbst wenn ein Gespräch normal startete, endete es, wie gerade eben, in einer Katastrophe.
»Eure Hoheit?«, wiederholte ich angesäuert und bahnte mir einen Weg durch die Schüler, die mir bereitwillig Platz machten.
Sie erwarteten eine große Show und leider bekamen sie diese meist geliefert, wenn der Schulcasanova und ich uns gegenüberstanden. Das Lächeln auf meinen Lippen war verrutscht und nun zierte eine ausdruckslose Maske mein Gesicht, während es in meinem Hirn ratterte.
»Tut mir leid, dass nicht jeder wie ein Bauer spricht und Kleidung trägt, die mehr Löcher hat als ein Sieb. Wenigstens weiß ich, dass man seine Probleme auch ohne Mord und Totschlag beseitigen kann. Doch davon verstehst du sicherlich nichts.«
Meine Stimme klang schrill in meinen Ohren und meine Hände waren zu Fäusten geballt. Alejos Verhalten regte mich auf, noch schlimmer war jedoch, dass ich mich schon wieder auf eine Diskussion mit ihm eingelassen hatte. Wann würde ich endlich aus meinen Fehlern lernen? Das endete nie gut!
»Ich würde lieber nackt zur Schule kommen als in den Fetzen, die du Kleidung nennst, aber dann würdest du wahrscheinlich spontan erblinden, ungebumste Ziege«, schrie er und lachte zum Schluss lauthals, als er mein Zusammenzucken bemerkte.
In der Umgebung konnte ich einige Mädchen hinter vorgehaltener Hand kichern hören. Ich spürte einen Stich in meiner Brust und mein Herz setzte einen Schlag lang aus, bevor ich mich wieder gefasst hatte. Ich war achtzehn Jahre alt und noch Jungfrau. In der heutigen Gesellschaft ein Makel, aber es hatte sich einfach nie ergeben. Nichtsdestotrotz war das ein Punkt, der mich verletzen konnte, weil es mir aus Gründen, die ich selbst nicht verstand, unangenehm war. Alejo benutzte diesen Fakt immer wieder gegen mich, obwohl mir nicht klar war, woher er von meiner Jungfräulichkeit wusste. Hatte ich es irgendwem erzählt? Oder hatte ich mich mit meinen Reaktionen auf seine Angriffe selbst verraten?
Kapitel 3
Die Glocke, die den Beginn der ersten Stunde ankündigte, bewahrte mich davor, mein Gesicht zu verlieren und noch etwas sagen zu müssen. Schnell begab ich mich mit Emilia im Schlepptau auf direktem Weg ins Klassenzimmer, wobei ich den Blicken meiner Mitschüler gekonnt auswich. Wir hatten gleich zum Start eine Doppelstunde Englisch, in der wir heute die Arbeiten für unsere Präsentationen begannen, die über sechzig Prozent der Jahresnote ausmachen würden.
»Guten Morgen. Ich hoffe, Sie hatten ein angenehmes Wochenende«, startete Mrs. Bigelow die Stunde.
Sie war eine gute Lehrerin, auch wenn sie teilweise seltsam war. Nicht auf die Weise wie die anderen Lehrer. Sie war besonders seltsam. Als wären ihre langen, spitzen Fingernägel und die bunten Outfits noch nicht Grund genug, sie anzustarren, hatte sie dazu eine Tätowierung auf der Wange, die an einen Halbmond erinnerte. Neben Englisch unterrichtete sie noch Kunst und erklärte immer, dass ihr Körper eine Leinwand wäre, weshalb mich ihr schräges Auftreten nicht mehr wundern sollte. Sie schaffte es allerdings täglich, mich zu überraschen. So auch heute. Sie trug gelbe Schuhe, rosa Strümpfe, eine Jeanshose mit grünen Farbflecken und eine rote Bluse mit blauen Knöpfen. Ihr Outfit war ein modisches Desaster und hätte bei einem Epileptiker wahrscheinlich einen Anfall ausgelöst. Doch für sie schienen das Starren und die geflüsterten Beleidigungen vollkommen in Ordnung zu sein. Mit einem strahlenden Lächeln stand sie vor der Klasse und zog ihren Unterricht durch, ohne auf die Kommentare meiner Mitschüler einzugehen.
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