Mikesch würgt, kann aber seinen Brechanfall unterdrücken. Franz droht umzukippen, reißt sich aber doch zusammen, um nicht von den grölenden und rülpsenden Deutschen um ihn herum ebenfalls auf den Haufen befördert zu werden.
Die Augen der besoffenen und vom Frauenblut berauschten SS-Männer treten schier aus den Höhlen. Sie kippen literweise Alkohol, der sie ihre Verbrechen scheinbar vergessen lässt.
Da der Kommandant seinerseits schon so besoffen ist, dass er mit seiner Dienstpistole Löcher in die Luft schießt, lösen andere hohe SS-Offiziere das Beethoven-Trio ab und unsere drei Musikanten müssen wieder ran.
SS-Offizier: „Jetzt wollen wir mal Stimmung haben, hier. Miesepeter kann ich nicht leiden.“
Er springt auf die Bühne: „Also kennt ihr ‚Jawoll meine Herrn‘ von Heinz Rühmann?“
Die drei nicken.
„Also: eins, zwei, drei! Trällelelelelai“, und beginnt das Lied zu grölen.
Die Stimmung bewegt sich auf den Höhepunkt zu. Große Schäferhunde, die entsprechend dressiert sind, werden auf ausgesuchte junge Mädchen losgelassen und versuchen, sie zu bespringen. Diesen Mädchen wird, wenn sie sich wehren, der Kopf mit einem Beil abgeschlagen. Zu der lustigen Rühmann-Musik sehen wir groß das Gesicht des singenden SS-Offiziers. Er ist im siebten Himmel.
Andere SS-Männer holen Bajonette und spießen die Schädel der geköpften Frauen auf ihre Gewehrläufe und paradieren in einer Art Polonaise umher. Manche vergewaltigen noch, manche trinken, manche krakeelen, manche Hunde lecken Blut und fressen Knochenreste.
Ein SS-Mann keucht hinter den mit Holzpantinen bekleideten Buben her über den zugeschneiten Weg.
SS-Mann: „Lasst euch dette bloß nie wegnehmen, wa? Fresst es bloß alleene.“
Angekommen in Block I salutiert der Kapo: „Melde gehorsamst, Unterscharführer…“
SS-Mann: „Iss ja jut, Männecken, is ja jut. Die Jungs dürfen noch zu Ende essen. Dass mir keine Klagen nicht kommen, wa?“ Er verschwindet im Laufschritt, das Gewehr hinter sich herbaumelnd.
In der Ferne hört man noch: „Verfluchte Kälte! Verdammt noch mal! Det jibt es doch jar nischte!“
Franz weint. Mikesch beißt erst einmal in eine Wurst. Gefangene meckern im Halbschlaf: „Eh! Man kann ja nicht schlafen! Seid doch mal still!“
Andere: „Wir müssen morgen wieder früh raus! Schnauze!“ Mikesch: „Ist ja gut, ja ja gut Mensch!“ flüstert jetzt aber doch lieber, „fragst dich, wieso ich essen kann? Du musst essen, sonst verreckst du hier. Und ich will hier raus. Und eins musst du dir sowieso mal merken: Ob man gut oder schlecht arbeitet, ob wir gut oder schlecht spielen, wir werden sowieso getötet. Ich habe heute gehört, wie der Unterdirektor vom Flughafen gesagt hat, dass die Juden für den Krieg verantwortlich sind. ‚Euch Juden werden wir hier alle umbringen‘! Du musst wissen, die sind hier alle verrückt, die SS genauso wie die Häftlinge. Die sind alle irregeworden hier. Wir müssen hier raus, das ist die Hölle.“
Franz: „Aber wie denn? Wir sind doch noch so jung, das haben doch schon ganz andere versucht.“
Mikesch hört entrüstet auf zu kauen und unterbricht: „Ja, genau! Und jetzt ruf nach deiner Memme! Mann! Gerade weil wir jung sind, schaffen wir es. Wir sind jünger, härter, widerstandsfähiger, gerissener und gemeiner als alle anderen. „Außerdem“, er beißt selbstbewusst wieder in seine Wurst, „sind wir besser dran und machen weniger Appelle, die sind besonders scheiße.“
Der Wurstrest verschwindet in seinem Mund.
„Wir müssen schauen, dass wir so viele Appelle wie möglich ausfallen lassen. Lass mich nur machen und halt dich immer an mich, Kleiner!“
Die Blockhäftlinge murren.
„Du weißt schon, was ich meine. Schlaf gut, kleines Jiddele.“ Andere Gefangene: „Schnauze! Wir können nicht schlafen bei eurem Gebrabbel!“
Andere: „Mensch! Schlaft und haltet die Fresse! Schluss jetzt.“
Um halb vier Uhr morgens schneiden die Trillerpfeifen der Kapos. Der Blockälteste bellt: „Wachappell! Zack, zack! Aufstehen! Aber zack zack, Morgenappell.“
Mit einem Eisenstab schlägt der Blockälteste einen dumpf monotonen Rhythmus am rostigen Rahmen des ersten Bettes im Gang. So ein Blockältester ist gemeinhin ein Verbrecher, der für seine Taten acht bis zwölf Jahre Gefängnisstrafe abzusitzen hat und der, da der Straflosigkeit sicher, über Leben und Tod der Gefangenen entscheidet.
Von der SS für rigoroses Durchgreifen und Aufrechterhaltung der Disziplin beglückwünscht, konnte so ein Kapo (Kameradschaftspolizist) durch das Töten von 30.000 (!) Häftlingen seine eigene Befreiung erlangen und in die Leibstandarte Adolf Hitler aufgenommen werden.
Ununterbrochen hämmert der Blockälteste mit dem Eisen.
„Zum Frühsport! Alles ausziehen bis auf Kappe! Alles ausziehen bis auf Kappe.“
Alle Gefangenen eilen nach draußen in die schnarrende Kälte. Es schneit leicht. Als die Reihe sich korrekt gebildet hat, beginnt der Zählappell. Bei Nummern, also Menschen, die fehlen, eilen unter der Aufsicht der SS-Kapos in die Baracken, um die Toten oder die Sterbenden ordentlich in die Appellreihen zu bringen.
Als so das Gleichmaß der Reihen wiederhergestellt ist, raunt ein grüner Häftling, also ein Verbrecher: „Tschuldigung, Sturmführer. Die stören doch nur das Gleichmaß unserer Reihe.“
SS-Sturmführer: „Hier gehen auch die Sterbenden zum Appell. Tot oder lebendig, jeder muss da rein. Appell ist Appell! Alles andere wäre eine Disziplinlosigkeit! Und was wäre Disziplinlosigkeit?“
Alle Gefangenen unisono aus 16.000 Kehlen: „Gefährlich für das Großreich!“
SS-Sturmführer: „Hm. Da wir alle so schön versammelt sind, Sport für alle. Frisch fromm fröhlich frei! Und Kommando.“ Die Blockältesten und Kapos geben die Kommandos weiter: „Und zugleich.“
Nur mit der Mütze auf müssen die Häftlinge rhythmische Sportgymnastik machen. Alle, die nicht synchron mithalten können, werden gnadenlos aussortiert.
Kapos: „Du! Raus!“
Kontrollierende Kapos zwischen den hüpfenden Gefangenenreihen.
„Du! Raus! Alle, die aussortiert wurden, drei Schritte vor.“ Alle Aussortierten drei Schritte vor.
Kapos: „Kopf runter, Arme auf die Oberschenkel!“
Alle Aussortierten beugen sich nach vorn und stützen ihre Arme auf. Nun schlagen die Kapos synchron mit ihren Knüppeln auf die Hinterköpfe oder Nacken der Wehrlosen, die sofort tot zusammensacken. Natürlich bemühen sich die anderen Gefangenen, möglichst gute Gymnastik bei minus 20 °C zu zeigen.
SS-Sturmführer: „Wie viel Abfall?“
Oberkapo: „480!“
SS-Sturmführer: „Weil ihr so brav wart, Frühstück fassen. Im Laufschritt ein zwei, ein zwei…“
Diesen Morgen geht ein erheblicher Teil des schwarzen Wassers, vulgo Kaffee, verloren, da die Häftlinge heute den verschiedenen Wächtern ausweichen müssen, die den etwa 150 m langen Weg zur Suppenausgabe verteilt stehen und Kolbenschläge oder Knüppelschläge versetzen. Die jungen Leute sind beweglich genug und können den Schlägen noch einigermaßen ausweichen. Sie verlieren halt nur ihren Suppenkaffee. Aber Alte und Verletzte? Auf diese Unglücklichen entlädt sich die ganze Bestialität dieser Horde.
Mikesch und Franz dampfatmend an den Latrinen.
„Fast nichts mehr in unseren Essgefäßen!“
Zur gleichen Zeit ertönt über Lautsprecher das Kommando: „Anziehen in einer Minute! Zu spätes Einreihen zum Strammstehen wird strengstens bestraft.“
Nun beginnt ein heilloses Durcheinander, da niemand der Tausenden von Häftlingen zu spät kommen und womöglich wegen Disziplinlosigkeit sein Leben verlieren will.
Lautsprecher: „Arbeitskommandos stillgestanden!“
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