Wieder stehen Franz und der Gefangene am Sichtschlitz. Der Gefangene bittet mit seinen Fingern durch die Lamellen: „Bitte! Gebt mir nur ein wenig Wasser. Wenigstens für die Kinder. Die sind halb tot vor Durst.“
Schwester: „Ausgeschlossen!“
Der Gefangene sieht einen deutschen Polizisten am Gleis stehen und bittet ihn: „Herr Schutzmann, schauen Sie hier, bitte helfen Sie uns! Nur ein wenig Wasser, die Schwestern wollen uns nichts geben.“
Er hat noch nicht zu Ende gesprochen, als eine Pistolenkugel des angesprochenen Polizisten vor ihm in die Ladewand knallt, um ihm den Mund zu stopfen. Der Zug dampft unter Pfeifen und Zischen aus dem Bahnhof heraus, und immer schneller donnert er über die Gleise, vorbei an ewigen Ebenen, dampfenden Mooren und schneebedeckten Weiten. An Ortsschildern wie: Priez Englau, Eytkau und Ragniff. Endlich kommt der Transport um 17 Uhr am darauffolgenden Tag am Bestimmungsort im winterlichen Kaunen an. Kein richtiger Bahnhof ist Ziel des Zuges, nein, in freiem Gelände markieren einige Bahngleise mit Rampen den Halt des Zuges. An der Rampe in Kaunen Schreie, unheimliches Bellen. Der Waggon wird aufgerissen und SS-Leute drängen mit ihren Schäferhunden die Menschen heraus und über allem schneidende, hysterische Laute durch deutsche Befehle und Hundegebell. Mit Gewehrkolbenschlägen, Bajonettstößen, Stockhieben und Hundebissen will man der Menschenmenge Herr werden. Diejenigen, die fallen und nicht mehr aufstehen können, werden von den Hunden zerrissen. Die Toten, die Sterbenden und alle diejenigen, die nicht mehr gehen können, werden auf einen Haufen geworfen. Gepäck und Pakete übereinandergestapelt. Über die letzten Menschen hinweg werden die Waggons bereits ausgespritzt mit eiskaltem Wasser. Manche der Kinder, die ein wenig Wasser abhaben wollen, werden sofort erschossen. Ein SS-Mann wirft ein Kind an den Füßen in die Luft, während ein anderer auf diese lebende Zielscheibe schießt: Als es wieder klatschend auf dem Steinboden aufkommt, ist es bereits tot. Etwas weiter reißt ein SS-Mann ein Baby aus den Armen seiner Mutter und zerreißt es in Stücke, indem er es an einem Bein zerrt und auf dem anderen mit seinem Fuß steht.
Ein Offizier schreit zur Begrüßung: „Alle müssen sich ausziehen!“
Ein anderer Offizier trennt die Frauen, Kinder, Greise und Männer an der Rampe. Er hat einen Zollstock und misst die kleinen Kinder durch. Die meisten stempelt er auf Brust oder Schenkel. Die Gefangenen ziehen unter Stockschlägen und Hundebissen nackt und einzeln an dem SS-Offizier vorbei. Mit einem Zeichen des Fingers gibt er die von ihnen einzuschlagende Richtung an. Nach links die Männer zwischen 15 und 45 Jahren und natürlich die jungen Frauen, das heißt die arbeitsfähigen und hübschen Menschen, nach rechts der ganze Rest des Transportes. Frauen und Kinder, Greise, Kranke, die Unnützen, die Unverwertbaren. Franz sieht nach kurzer Zeit, wie der Offizier bewertet, und macht sich größer und pumpt seinen Brustkorb auf. Glück gehabt! Links weg.
Vom Bahnhof zum eigentlichen Lager (etwa 5 Kilometer) werden die Selektierten unter Kolbenschlägen und Hundebissen zum Laufschritt getrieben. Der ganze Weg muss barfuß im Schnee und Schmutz zurückgelegt werden. Mit Faustschlägen auf den Kopf, in den Rücken und mit Fußtritten befehlen die SS-Männer zu laufen. Manche Menschen sind schon starr vor Schrecken und ihre Beine versagen ihren Dienst. Die, die umfallen, werden mit Kolbenschlägen niedergemacht oder erschossen. Und über allem das Heulen dieser verrückten Hunde.
Hinter der Kolonne folgen die Sammellastwagen, auf denen die Toten aufgehäuft werden. Niedere Dienstgrade oder Freiwillige werfen sie hoch wie verbogene alte Eisenstangen.
Bei ihrer Ankunft wird die Kolonne ausgerichtet und es wird ihnen verboten, sich zu setzen oder zu sprechen oder Schnee zu essen. Einige, darunter Franz, klauen trotzdem etwas Schnee. Von Zeit zu Zeit fällt einer um. Vor dem Eintritt ins Lager Prüfung der Häftlinge. Jeder Gefangene wird aufgerufen und muss seinen Namen angeben. Wer wegen Kälte und Frost an den Lippen undeutlich oder für die Deutschen in einer unverständlichen Sprache antwortet, beispielsweise Französisch, erhält einen Schlag mit dem Gummiknüppel. Die jungen Mädchen und Frauen müssen sich nach vorn bücken und werden ausgepeitscht. Sie erhalten 30 Peitschenhiebe auf das nackte Gesäß. Mittlerweile sind hinzugekommen der Lagerführer, ein Arzt und die Oberaufseherin. Vor dem Eingangstor zum eigentlichen Lager sind junge SS-Leute aufgestellt, die auf die Ankömmlinge einschlagen, sei es mit der Faust, mit dem Gewehrkolben, oder mit den Füßen nach ihnen treten. Wie immer und über allem das Gebrüll der Befehle auf Deutsch. Da das Lager bereits überfüllt ist, gibt es ein kleines, von Stacheldraht umzäuntes Geviert im Freien, in das die Gefangenen geprügelt werden. Dort verharren sie ohne Nahrung bei 12 °C unter null nackt im Schneefall.
KONZENTRATIONSLAGER KAUNEN
In der Nacht müssen die Menschen in Reihen zu dritt und im Laufschritt marschieren, um die etwa 1.000 Meter zu den Baracken zurückzulegen. Wenn einer nicht im Gleichschritt läuft oder den Kopf wendet, bekommt er einen Schlag mit dem Gewehrkolben oder einen Fußtritt. Gleich bei der Ankunft in der Baracke werden Tätowierungen auf dem linken Unterarm angebracht, aber nicht mit Tinte, sondern den Menschen werden Ziffern mit einem glühenden Eisen eingebrannt. Komischerweise sieht Franz sogar Babys und überlebende Kinder, die tätowiert werden.
In der Desinfektion werden alle Körperteile, Ohren, Gesäß etc. untersucht, ob auch nichts versteckt ist. Beine auseinander, bücken, Finger in den Anus, wenn da, Vorhaut zurück, Finger in die Vagina, alles ohne sich die Hände zu waschen, in Gegenwart der SS-Männer und ihrer Hunde, die auf die nackten Gefangenen springen, wenn sie sich zu nähern wagen. Nun beginnt ein vollständiges Rasieren aller Haare mit elektrischen Rasierapparaten oder der Schermaschine. Kein behaarter Teil des Körpers entgeht dem Rasiermesser. Franz nimmt wahr, dass nicht allen Frauen die Haare geschnitten werden.
Eine dralle, kurzbeinige Oberaufseherin mit ekelhafter, heller, schneidender Stimme. „Immer mit der Ruhe! Nun beruhigt Euch schon. Tierische Webstoffe sind wärmer als pflanzliche. Also beruhigt Euch, nichts geht verloren! Die deutsche Industrie verwertet alles. Mit euren Haaren werden wir Decken, Kleidungsstücke usw. machen. Die, die nichts anzuziehen haben, bekommen gleich ein paar SS-Decken. Wie sie auch unsere Hunde tragen. Diese sind aus euren Haaren gemacht.
Nicht drängeln, Ruhe und Ordnung!“
Franz‘ ungläubiger Blick fällt auf ein paar Schäferhunde, die tatsächlich Decken mit der Aufschrift „SS“ tragen.
Im zweiten Zimmer ist die Desinfektion untergebracht. Die Desinfektion sieht bei den Gefangenen ein Absprühen mit einer ekelerregenden Kotzhusten verursachenden weißen Melange vor, welche die Aufseher allerdings nur mit einem Atemgerät vornehmen.
Drittes Zimmer: Bekleidungszimmer. In der sogenannten Bekleidungskammer werden den Gefangenen Lumpen ausgehändigt von Toten oder Ermordeten mit Flecken, Blut, Fäkalresten und Löchern übersät. Nur Hose, Jacke und Hemd sind erlaubt. Pullover und Mäntel sind verboten. Holzsandalen, die nur aus einer Sohle aus Buchenholz bestehen, mit einem einfachen Band über dem Fußspann.
Wohnbaracke: Durch die Kälte wie gelähmt und selbstverständlich ohne Essen und Trinken müssen die Neuankömmlinge im Laufschritt in ihre Wohnbaracken eilen. Fünfzig Holzbaracken und zwanzig Zementbaracken für 16.000 Menschen eingerichtet, bilden das eigentliche Konzentrationslager. Franz kommt mit seinem Trupp in die Baracke. Der Stubendienstälteste, ein Berufsverbrecher, teilt die Ankömmlinge in die Schlafräume. Franz wird mit elf anderen in ein Gefach von 4 m Breite, 1,85 m Länge und 1,60 m Höhe eingepfercht. Etwa 900 Häftlinge liegen so. Das heißt, sie haben nicht genug Platz, um auf dem Rücken zu schlafen, der Kopf jedes Häftlings ruht auf den Füßen seines Vordermannes. Wenn sie sich umdrehen wollen, müssen sich ihre Nachbarn ebenfalls umdrehen. Nach einer Weile gibt Franz es auf, Schlaf zu suchen, er inspiziert lieber seine Decke. Es wimmelt nur so von Ungeziefer.
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