Groß fällt unser Blick auf eine Mettwurst, die ein Messer durchteilt.
Franz, Mikesch und die Frau an einem mit einem blau-weiß karierten Tischtuch gedeckten Tisch.
SS-Mann: „Hier! Esst, so viel ihr wollt. Ihr dürft nur nichts mitnehmen. In einer Viertelstunde ist Abmarsch.“
Er geht ab und durch eine Schwingtür in den Nebenraum.
Franz tippt Mikesch an, er zuckt nur die Schultern und schnappt sich eine dicke Scheibe mit Wurst und Käse und beißt herzhaft hinein. Franz tut es ihm gleich. Nur die Frau trinkt Kaffee. Nach einer kurzen Weile kommt der SS-Mann wieder herein, packt die Frau am Kragen und sagt: „Komm! Die Arbeit ruft.“
Die Buben erheben sich kauend.
SS-Mann: „Ihr nicht“ und nimmt die Frau mit sich fort. Plötzlich geht die Haupttür der Kaserne auf und eine Gruppe von 10 bis 15 hübschen Frauen und Mädchen, allesamt nackt, wird von bewaffneten SS-Leuten durchs Zimmer geführt, hinter die Schwingtür, wo schon der SS-Mann mit dem Mädchen verschwunden ist. Schweigend mampfen Franz und Mikesch noch eine Schnitte und trinken echten Bohnenkaffee mit guter Milch, als die Drehtür schon wieder aufgeht und der SS-Mann erscheint.
SS-Mann: „Abmarsch! Im Laufschritt. Eins und eins und eins.“ Franz und Mikesch traben noch kauend vor die Kaserne. Dort auf dem Appell-Hofplatz traben, jetzt wieder angezogen, ihre Blockhäftlinge bereits auf der Stelle. Die Erde vibriert und dröhnt unter dem rhythmischen Trampeln von 900 Mann.
Ein anderer SS-Mann ruft bellend: „Arbeitsdienst, Abmarsch.“ Und die Kolonne setzt sich im Zuckeltrab in Bewegung.
Der andere SS-Mann befiehlt Franz und Mikesch: „Einreihen! Marsch, marsch.“
Und unter teuflischem Lachen schlagen die den Zug begleitenden Kapos jeden Vorbeikommenden, den sie treffen können.
Auf einer großen Lichtung sind schon andere Häftlinge eines Blocks dabei, ein Gelände für einen geplanten Flugplatz einzuebnen. Aber nicht mit Maschinen, Planierraupen, ja nicht einmal mit Spaten und Hacken. Nein, mit ihren Füßen stampfen die Gefangenen das grobe Gelände ein und müssen Wurzeln und Stämme mit bloßen Händen aus dem Boden reißen.
SS-Mann mit Megafon: „Block B, Baracke I, stillgestanden!“
Automatisch hören 900 Arme und Beine auf zu arbeiten. In der Totenstille zwischen Anrücken des neuen und Abrücken des alten Blocks hört man nur vereinzelt Krähen schreien oder Sterbende, vor Erschöpfung Umfallende. Diese unwirkliche Szenerie wird untermalt von MP-Salven.
Die, die vor Erschöpfung hinfallen, werden sofort erschossen und von Trägern auf Lastwagen geworfen.
SS-Mann: „Block B, Baracke II in Reih und Glied!“
Die Überlebenden formieren sich militärisch.
SS-Mann: „Arbeitsschuhe aus, damit sie nicht abnützen.“
Alle Block B-Häftlinge ziehen ihre Schuhe aus und nehmen sie an den Senkeln über die Schulter.
SS-Mann: „Ein Lied! Wir sind die Moorsoldaten. Zwo, drei, vier.“
Das Lied beginnt aus traurigen Kehlen zu erklingen. Der SS-Mann geht drüber mit der Lautstärke seines Megafons.
„Also vorwärts, im Militärschritt und mit dem linken Fuß antreten. Im Laufschritt, Abmarsch, eins und eins und eins.“
Der Abmarsch erfolgt in Reihen zu dritt und wird von SS-Leuten mit Maschinengewehren und Kapos mit Knüppeln flankiert. Der Zug der Unglücklichen mit dem Lied auf den Lippen beginnt sich zu entfernen.
SS-Mann: „Block A, Baracke I, stillgestanden! Arbeitsschuhe anziehen. Gelände einstampfen. Vorwärts marsch im Gleichschritt.“
Und unsere beiden Buben inmitten ihrer Mitgefangenen stampfen mit holzbeschuhten Füßen das Gelände ein. Wieder andere ziehen wie Pferde große Wagen mit Wurzelholz und Baumstrünken, die vorher wieder andere dem Boden entrissen und aufgeladen haben. Die Arbeit wird beim einsetzenden Schneefall weiter ausgeführt. Feuer werden angezündet, an denen sich Kapos und SSler wärmen, aber die Arbeiter natürlich kein Recht dazu haben.
Ein lustiger SS-Mann liest von einem Thermometer, das an einer großen Fichte angebracht ist: „Minus 25 °C Öchsle. Das wird ein guter Wein dies Jahr, Eiswein sogar.“
Groß schauen wir auf das rotgesoffene, lachende Gesicht des SS-Mannes.
Wir sehen dasselbe Rotgesicht, nur ohne Winterkleidung, in seiner Festtagsuniform auf einem Tanzabend. Lachend und inmitten grölender Gesinnungsgenossen schüttet er sich einen großen Pokal Rotwein in den Hals.
Lustiger SS-Mann: „Frage ans Reichssicherheitshauptamt: Wie viel Juden gehen in einen Volkswagen? Antwort aus Berlin: 20: Fünf auf die Sitze und 15 in den Aschenbecher.“ Gesinnungsfreunde johlen.
Wir schauen uns auf der Tanzveranstaltung der SS einmal um: Auf der Bühne unsere drei bekannten Musikanten, wobei die Frau jetzt eine Wunde an der Lippe aufweist, die gerade „Flieger, grüß mir die Sonne“ intonieren, 20 bis 25 nackte Frauen, teils geschoren, teils mit Haaren, aber alle unschwer aufgrund ihrer Tätowierungen als Gefangene auszumachen, inmitten des Tanzgetümmels oder auf Sesseln und Couchen den anwesenden circa 50 SS-Leuten zu Diensten. Wahllos durcheinandergewürfelt vergehen sich die SS-Leute an den armen Mädchen, bis sie halb tot sind. Sie werden geschlagen und geohrfeigt oder kriegen Fußtritte in den Bauch oder wenn sie zusammenbrechen, peitscht man sie zwischen die Beine und tritt mit genagelten Stiefeln in die Schamgegend, bis sie eine blutige Spur hinterlassen. Über allem Gläsergeklirr, dröhnendes Gelächter und Hans-Albers-Musik. Die, die nicht mehr können, werden sofort erschossen. Als sich verständlicherweise nach einiger Zeit ein Blutsee bildet, rutschen die ersten Besoffenen aus und schlagen lang hin. Der bis dahin angeregt parlierende Lagerkommandant wendet sich nun, in seiner Ästhetik angeekelt, an seine SS-Leute.
Kommandant über die Musik hinweg: „Ich will hier keine enge Berührung mit schauderhafter, gefährlicher, ekelhafter Gesellschaft. Ich will keine Frauen sehen, die sich wie in einem epileptischen Anfall in Dreck und Schmutz wälzen.“ Nun beginnt er zu schreien: „Schafft mir die hier raus und macht das woanders! Wir sind angetreten, das Krebsgeschwür des Blutes und des Drecks auszumerzen, auszuschneiden aus dem deutschen Volkskörper und nicht, um uns damit zu beflecken. Hinaus!“
Und während SS-Leute dienstbeflissen die halb toten oder toten Frauen aus dem Raum packen: „Und ihr da! Verschwindet! Ich kann eure seichte Musik nicht ertragen!“
Jetzt schreit er wieder: „Holt mein Beethoven-Trio, aber sofort!“
SS-Sturmführer: „Los! Ab!“
Zur Frau: „Du kannst wieder an die Arbeit gehen. Ihr helft mit, den Abfall aufräumen, zack, zack!“
Die Häftlinge wischen jetzt das Blut auf, Scherben, Gläser und Reste werden zusammengekehrt. Neue, unbefleckte Frauen hereingeholt, das Beethoven-Trio auf die Bühne gebracht und während die ersten Instrumente gestimmt werden, schleppen Franz und Mikesch schon mit unteren SS-Rängen tote oder gerade sterbende Frauen fort.
Franz und Mikesch kommen schleppend auf dem Hof dieses Blockes an. Es bietet sich ihnen folgendes Schauspiel: Ein Leichenhaufen weiblicher Körper von mehr als zwei Metern Höhe liegt dort aufgeschichtet wie ein Haufen frisch geschlagenen Holzes. Wie tote weiße Möwen liegen die Frauen, von leicht fallendem Schnee bedeckt. Die Leichen sind in typisch ordentlicher deutscher Manier immer zum Viererkarree übereinandergeschichtet, dass das Blut auch in die den Hof umlaufenden Rillen ablaufen kann wie bei einer Art Drainage.
Aber das Blut wird immer mehr und kann nicht ablaufen. Und schon wieder bringt man neue Leichen heran, so bildet sich langsam ein Blutsee und Franz und Mikesch und die SS-Männer stehen knöcheltief im Blut.
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