Los Angeles heute
1941
BAHNHOF WEINSTEIN
NACH LITAUEN
AUSSENLAGER KAUNEN
KONZENTRATIONSLAGER KAUNEN
IN DEN WÄLDERN LITAUENS
SS FEIERT
KZ-CHAUSSEE
KZ-ALLTAG
SS-KASERNE
KOMMANDANTUR
KREMATORIUM
KZ-ALLTAG
KREMATORIUM
SS-KASERNE
AUF LEICHENBERGEN
LAGERALLTAG
VORHOF KOMMANDANTUR
BLOCK 11
SONDERKOMMANDO UNTERKUNFT
KZ-ALLTAG
KRANKENSTATION
ARZTZIMMER
SONDERKOMMANDO UNTERKUNFT
KOMMANDANTUR, VILLA
APPELLHOFPLATZ
SONDERKOMMANDO, WERKZEUGHALLE
KOMMANDANTUR, VILLA
SONDERKOMMANDO UNTERKUNFT
TAG DES GROSSEN FESTES
DIE FLUCHT BEGINNT
LITAUEN LANDSTRASSE
TUNDRA
EIN BÖSER TRAUM
DURCH DEN WILDEN OSTEN
HAFEN VON MYKOLAIV 1942
KINDERGEFÄNGNIS
ERNEUTE FLUCHT
RUSSISCHE TIEFEBENE
UNTER WOLFSKINDERN
BÄRENJAGD
DIE WEISSE HÖLLE
IN DEN SCHLUCHTEN DES KAUKASUS
MARSEILLE
AM RHONEGLETSCHER
FLUCHT NACH SPANIEN
DURCH DIE PYRENÄEN
PORTUGAL
AN BORD
TOD AUS DER TIEFE
be‘esrAt ha‘schEmm (MIT GOTTES HILFE)
LOS ANGELES HEUTE
Quellen
Presserotationsmaschinen spucken immer neue Titelschlagzeilen aus: „I confess!“ „We are killers!“ „Yes, we did it!“ „Murderers?“.
Auf sämtlichen Titeln: die Bosse der amerikanischen Filmindustrie Frank Finkel und Big Miles Miller. Pressekonferenz im Academy Theatre in L.A. Der Andrang der Journalisten, der Printmedien und der TV-Stationen hat etwas Unwirkliches, Hysterisches, Utriertes und erinnert an inszenierte Presseshows während des Balkan-Krieges oder des Clinton/Lewinsky-Skandals. Teilweise rempeln sich konkurrierende Kameraleute und Tonleute unsanft an. Big Miles und Frank Finkel auf dem Podium, flankiert von Anwälten und PR-Beratern. Als die ersten Blitzlichtgewitter vorübergezogen sind und nur noch vereinzelt ein Flash aufzuckt, klopft Big Miles zum Test auf die Mikros vor ihm auf dem Pult. Finkel trinkt betont cool aus einem Evian-Plastikbecher. Big Miles: „Meine Damen und Herren! Kommen wir gleich zur Sache! Ja, wir haben getötet! Ja, wir haben Menschen ermordet. Ja, wir haben es getan!“
Kameras surren, Mikrofone geben Rückkopplung, die Menge raunt, Blitzlichter zucken. Tumult, plärrende Zwischenfragen, heilloses Durcheinander. Frank Finkel tupft sich die Lippen ab und spricht: „Schauen Sie, wir haben alles aufgeschrieben, Punkt für Punkt, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr um Jahr. Und wir haben alles in einen Film gepackt, drum wollen wir nicht länger reden über das Unfassbare, Jungs, lasst uns den Film gemeinsam anschauen, und natürlich auch Mädchen. Der Worte sind genug gewechselt, lasst Taten folgen. Drum: Licht aus! Film ab!“
Im Projektionsraum geöffnete Filmpropeller. Eine Hand legt letzte Filmschleifen in den Umroller. Die Sicherheitsklappe wird geschlossen, der Starterknopf wird umgelegt. Mit dem typischen sirrenden Rasseln setzt sich die Filmspule in Bewegung und der Lichtstrahl beginnt den Film auf die Leinwand zu werfen. Die Lichter werden gedimmt, als sie ganz verlöschen, öffnet sich der rote Samtvorhang, und der Film beginnt im untergehenden Gemurmel der überraschten Presseleute.
Im Morgennebel die Statue of Liberty an einem eiskalten Vorfrühlingstag im Jahr 1945. Am Oberdeck zur dritten Klasse der „Serpa Pinto“ stehen Arm in Arm, die kalte Meeresluft als weißen Atem aus Mund und Nase blasend, Franz Finkeldei und Mikesch Miljenko als Kinder von etwa 13 und 15 Jahren. Über ihre Mützen haben sie gegen die Kälte noch einen Schal gebunden, damit sieht es so aus, als hätten sie Mumps oder Ziegenpeter.
Franz nickt anerkennend: „Aber du hast ja immer daran geglaubt, dass wir es schaffen.“
Mikesch: „Schmonzes… Ehrlich gesagt habe ich nie daran geglaubt, dass wir es schaffen, aber … das weiß man ja nie…“
Mit Tuten und Gegengetute der nahenden Schlepper macht die „Serpa Pinto“ auf sich aufmerksam und bahnt sich langsam ihren Weg durch die weit ausladenden Hafenanlagen zum weiter entfernten Anlegerkai, dem Tor für viele Flüchtlinge in eine neue Welt, Ellis Island.
Hohenstein, mitten in der Stadt, besser gesagt, dem kleinen Flecken Hohenstein wird Franz Finkeldei auf der Straße von SS-Leuten aufgegriffen und zusammen mit etwa 15 Leidensgenossen in einen feuchten Keller gesperrt. Am Morgen werden alle auf einen vergitterten Leiterwagen, der von zwei Ochsen gezogen wird, geladen. Hintendrein fährt ein weiterer Wagen mit Leichen, hintendrein fährt ein Wagen mit streng riechendem Chlor. In einem Waldstück vor eine Grube wird der Leichenwagen ausgeladen.
Neugierig sehen die Gefangenen von ihrem Leiterwagen zu. So viele Leichen hat Franz noch nicht auf einem Haufen zusammen gesehen. SS-Leute werfen jede einzelne in die vorbereitete Grube. Als das Chlor über die Toten geschüttet ist, beginnt der Transport sich in Richtung Bahnhof in Bewegung zu setzen.
Am Bahnhof sieht man etwa 1.000 bis 1.200 Menschen, Männer, Frauen, die vor einigen Tagen niedergekommen waren, die mit ihren Babys abgeführt werden, gebrechliche Greise, die man auf Bahren transportiert, Verwundete, kleine Kinder mit Milchflaschen im Arm, etwa 40 Personen werden in einen Güterwagen gepfercht, auf dem rechts auf der Holzwand steht: Ladung acht Pferde. In der Mitte des von außen verriegelten Waggons ein Eimer für die Bedürfnisse der Menschen, der bereits übervoll ist, überläuft und dessen Brühe einen furchtbaren Gestank verbreitet. Jetzt werden die eisernen Jalousien der Oberlichter geschlossen, mit einem ohrenbetäubenden Pfeifen setzt sich der ganze Zug in Bewegung, und die Brühe schwappt wieder über. Später verrichten manche ihr Geschäft direkt in den Waggon, und die Übrigen müssen in diesem Pestgeruch ausharren. Die Reise dauert vier bis fünf Tage. Über unendliche Bahngleise geht es in die ewigen Weiten des Ostens.
Der Gefangenentransport hält zischend und Dampf ablassend. Einfahrt in den Provinzbahnhof der östlichen Grenzstadt Tauroggen im Grenzgebiet zu Litauen. Durch die Schlitze in den Bretterwänden erkennen die Gefangenen Schwestern vom Roten Kreuz, die Versorgungskarren mit belegten Broten, Wasser und Tee über die Bahnsteige schieben, um Soldaten und Wachpersonal zu versorgen.
Einer fleht: „Schwester! Schwester! Bitte haben Sie ein wenig Wasser für uns?“
Schwester: „Es gibt für Euch kein Wasser!“
Und ab schiebt sie mit ihrem Erfrischungswägelchen. Die Augen Franz‘ treffen den Blick des Bittenden, der ungläubig seinen Kopf schüttelt. Das Pfeifen der Lokomotive durchbricht die Stille. Im Pfiff der Dampflokomotive setzen sich die schwarzen Räder wieder in Bewegung. Aus der Ferne, aus den Trichtern der Lautsprecher ertönt Musik in Marschmanier, etwa der „Badenweiler“. Und weiter geht die Fahrt Richtung Osten, Litauen. Aus Tag wird Nacht und Nebel verschluckt die baumelnde Schlusslaterne des Zuges. Im Waggon die dicht gedrängten Menschen, sie können weder liegen noch sitzen, sondern kauern oder stehen in den unmöglichsten Stellungen. Kein Wasser, eine Gluthitze, keine Luft, manche versuchen, mit Taschenmessern die Luftklappen ein wenig zu verbiegen und zu öffnen. Ein Gefangener stirbt an einem Erstickungsanfall. Andere an Herzanfällen. Das Gewimmer und das Surren von Gebeten werden schlimmer. Als der Zug dampfend und schwitzend in Gubinau einfährt, hört man aus den Waggons nur flehentliche Stimmen, die um Luft bitten.
Ein deutscher Offizier: „Ihr habt das, was ihr verdient!“
Rot-Kreuz-Schwestern werden wie schon vor Stunden angebettelt. Stimmen aus dem Waggon ertönen: „Bitte gebt uns Wasser!“
Читать дальше