Er will raus zum Abort. Frauen schlafen in den Aborten und sogar im Freien. Franz verrichtet sein Geschäft. Beim Herausgehen sieht er auf einem Thermometer: - 32 °C. Er schließt die Tür hinter sich.
Wecken um halb vier morgens mit infernalisch lautem Trillerpfeifenlärm. Wer nicht schnell genug aus dem Bett kommt, wird mit kaltem Wasser begossen. Franz wird schlaftrunken in der Masse der Gefangenen mitgezogen und reiht sich ein. Kapos, Blockführer und der Lagerälteste lassen antreten und durchzählen. Als die Gefangenen fertig sind, müssen sie auf ein Zeichen des Lagerältesten beim letzten Mann wieder anfangen, und die Zählung geht von hinten wieder aufs Neue los. Es ist kalt an diesem tristen Morgen. So geht das weiter bis halb sechs. 16.000 Menschen in Reih und Glied unbeweglich und zu Eis erstarrt. Viele Kameraden fallen beim Morgenappell um. Niemand darf sie aufheben, das ist verboten. Dann kommen allmählich die ersten SS-Männer. Natürlich schwankenden Schrittes. Teilweise mit Hunden an der Kette.
Einer fragt den Blockältesten: „Wie viel Abfall?“
Blockältester: „Zehn Mann.“
„So wenig? Durchzählen!“
Blockältester: „Haben wir schon gemacht.“
SS-Mann: „Durchzählen, Mann. Bist du taub?“
Blockältester: „Jawohl, Untersturmführer. Durchzählen!“
Alle, die bewusstlos umgefallen sind und nicht antworten beim Appell, werden von den Kapos auf die Totenliste gesetzt und mit Stockschlägen umgebracht. Unterdes geht das Zählen weiter.
Plötzlich geht ein Raunen durch die Reihen.
SS-Mann-Unterscharführer: „Schnauze! Ihr Dreck!“
Über die lange, schnurgerade Chaussee vom SS-Block her kommen der Lagerführer, der SS-Chefarzt und der Lagerkommandant.
Einer tuschelt zu Franz: „Ich warn‘ dich, der ist verrückt. Vor dem musst du dich in Acht nehmen.“
Hinter dem Chef, dem Kommandanten, dessen ausgesucht gepflegte Erscheinung in seiner hochdekorierten SS-Uniform an die Unwirklichkeit eines Operetten-Offiziers inmitten des Schmutzes und des Drecks erinnert, gehen zwei SS-Männer mit Wolfshunden, deren Augen durch zu viel Fleischfütterung blutunterlaufen sind. Theatralisch hält er vor einem kleinen Podest, Fackelträger entzünden links und rechts von ihm bengalische Feuer. Er steigt auf das Podest. Auf ein Zeichen von ihm beginnt eine KZ-Trio-Besetzung Beethoven zu spielen und er redet ins Mikrofon:
„Sie haben das Recht auf Leben verwirkt. Aufgrund von Rasse, Nationalität, Religion oder Politik. Wir schulen Sie hier in unserer Gemeinschaft, ein besserer Mensch zu sein. Um einen deutschen Ausdruck zu gebrauchen, wir organisieren Euch neu. Die linke und die rechte Hand des Führers, die des Künstlers und die des Baumeisters, werden in uns ihre Werkzeuge finden. Ich gebe den Gefangenen bekannt: Eine Lagerordnung ist nirgendwo angeschlagen oder wird den Gefangenen auf andere Art und Weise bekannt gegeben, denn eine Lagerordnung existiert nicht. Nichts wird verboten, weil alles verboten ist. Etwas, das an einem Tag erlaubt ist, ist am nächsten Tag verboten und bedeutet Korrektur durch Ordnungskräfte der SS. Unsere Karteikarten geben nicht ihre Namen an, sondern nur die Zahl der Gefangenen. Wenn zum Beispiel der Lagerführer irrtümlich einen Todesfall vermerkt, was in Folge der außerordentlich hohen Todesraten häufig vorkommt (süffisantes Lachen), wird der Fehler einfach durch die Auslöschung des Trägers der betreffenden Nummer korrigiert und somit gutgemacht. Jeder Häftling trägt seine Nummer auf der linken Seite des Innenarms und auf dem rechten Schenkel. Auf der Jacke befindet sich die identische Nummer, direkt darunter ein Dreieck aus farbigem Stoff. Auf dem Dreieck die Nationalität des Häftlings, also F für Franzose, P für Polen, R für Russen usw. Arische Häftlinge tragen keinerlei Angaben der Nationalität. Die farbigen Dreiecke bedeuten rot – politische Gefangene, grün – kriminelle, schwarz – asoziale, rosa – meine ganz besonderen Freunde, (zum Arzt gewandt, der ihm mokant und hündisch zulächelt), violett – Bibelforscher, rot mit gelben Zacken – Juden, mit ihrem schmucken Davidstern besonders gut zu erkennen. N.N. – Nacht und Nebel, zum Tode Verurteilte.“
Auf sein Zeichen erstirbt die Musik.
„Jetzt wissen Sie, woran Sie sind, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Kaunas. Suum cuique. Für die, die nicht Latein können: Jedem das Seine. Heil Hitler!“
Aus 16.000 Kehlen hallt ihm ein „Heil Hitler“ entgegen.
SS-Kommandant zu Lagerführer: „Hat mich etwas ermüdet, muss mich erst einmal ausruhen, ein wenig. Gibt es neue Judenweiber?“
Lagerarzt wühlt aus der Masse einige der schönsten und gesündesten nackten Mädchen aus und die SS-Leute bedeuten ihnen mitzugehen. Nun kommen SS-Unteroffiziere vor die Reihen der Blöcke von etwa 90 Mann und schreien ihre Befehle. Wie ein unendlicher Kanon setzt sich die Schreiorgie im Hall des Echos bis zum letzten Mann fort.
SS-Männer: „Frühstück fassen! In einer Reihe aufstellen zum Frühsport.“
Gruppenweise richten sich die Gefangenen eines Blocks in einer Reihe aus.
SS-Männer: „Auf alle viere!“
Die Gruppen gehorchen ächzend und stöhnend.
SS-Männer: „Zur Kaffeeverteilungsstelle auf allen vieren! Marsch!“
Und die Karawane der Unglücklichen kriecht die 150 m zur Verteilungsstelle. Dort angekommen befehlen die SS-Männer: „Auf! Auf! Auf! Und zurück im Laufschritt! Marsch! Marsch!“ Und die Unglücklichen müssen im Zuckeltrab an ihren Ausgangspunkt zurück. Dort angekommen befehlen SS-Männer: „Und nun hüpfen wir alle zur Kaffeeverteilstelle. Abmarsch! Los!“
Alle Kommandos sind selbstverständlich geschrien und von Schlägen begleitet. Als die Gefangenen endlich an der Verteilstelle angelangt sind, sieht Franz, was es als „Frühstück“ gibt: Schwarzes Wasser, das mit geschmolzenem Schnee gemacht wird, Brennnesselblätter, Runkelrüben, Suppe mit Kohlstrünken und Gemüseabfällen. Die Suppe ist schon so lange draußen, dass sie zu einem Eisblock gefroren ist. Sie wird mit Hackmessern portionsweise verteilt.
Franz zu einem Mithäftling: „Wie soll ich die denn essen?“
Kamerad: „Es ist verboten, ein Messer zu haben oder einen Löffel. Du musst sie halt so essen.“
Er bricht mit den Händen eine Portion ab: „Und sie im Mund auftauen lassen. Siehst du?“
Und er stopft sich den Brocken in den Mund.
Franz tut es ihm nach, schaut sich um, versucht auf den Latrinensitzen zu essen. Von den Häftlingen haben einige einen Teller, die anderen einen abgeschnittenen Gasmaskenfilter oder wieder andere ganz verrostete Konservendosenbüchsen. Alle essen aus unvorstellbaren Gefäßen in unvorstellbarer Geschwindigkeit. Franz wird gleich sehen warum. Plötzlich bricht in diese scheinbar harmonische Situation eine dumpfe Sirene, die asthmatisch atmet. Die Gefangenen erheben sich und werden in Gruppen zum Abort geprügelt. Die Latrinen bestehen aus zwölf am Eingang der jeweiligen Baracken aufgestellten Holzkisten, deren Fassungsvermögen für die Bedürfnisse von 900 Menschen absolut unzureichend ist. Der herausrinnende und überlaufende Inhalt dieser improvisierten Aborte läuft den Flur entlang bis zu den Brettern, auf denen die Gefangenen schlafen. Trotzdem wird jeder, der sich vor den überlaufenden Latrinen ekelt, in die Gegend urinieren will, mit Knüppelschlägen bestraft. Franz sieht unglaubliche Dinge: Frauen, die mit Fehlgeburten niederkommen, wickeln die Neugeborenen in alte Zeitungsreste und werfen sie neben den ihr Geschäft Verrichtenden in den Graben unter dem Abort. Man muss immer nacheinander in den Abort gehen. Ein Aufseher, ein Kapo, steht vor der Tür und beginnt, sobald ein Gefangener die Tür hinter sich geschlossen hat, zu zählen. Er zählt bis zehn, dann reißt er die Tür auf. Und wer nicht fertig ist, kriegt mit dem Knüppel eins auf den Kopf. Manch einer fällt erschlagen in die Grube, anstatt den Abort zu verlassen. Das Hinausgehen wird von einem Kapo, also einem mit grünem Winkel kenntlich gemachten Berufsverbrecher, beschleunigt, der auf einem Fass steht und mit einem langen Knüppel auf die Hinausgehenden einschlägt. Genauso plötzlich, wie sie begonnen hat, erlischt die Sirene. Der Abort ist sofort zu verlassen.
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