SS-Männer schreien und blasen auf Trillerpfeifen: „Abmarsch! Waschstunde!“
900 Menschen werden mit Franz‘ Gruppe durch einen Raum geschleust, der Platz für höchstens 60 Menschen bietet. Das Waschen muss in dem gesamten KZ in höchstens einer Stunde vorüber sein. Wehe dem, wer nicht sofort nackt vor dem Wasserhahn steht. Ein Aufseher an der Tür treibt die Leute mit dem Gummiknüppel an. Das Wasser ist schmutzig und stinkt. Im Übrigen gibt es nur einen Wasserhahn, die meisten Häftlinge waschen sich daher nicht. Nach einer Weile pfeifen die SS-Männer wieder auf ihren Trillerpfeifen, und das Wasser versiegt augenblicklich.
SS-Männer: „Abmarsch zur Sonntagshygiene. Tag zur freien Verfügung!“
Franz soll noch sehen, was mit dieser lustigen Bemerkung bei vollständigem Mangel an Hygiene gemeint ist. Die Gefangenen treten in ihre Schlafbaracke. Da die Gefangenen zu viert oder zu fünft auf einem Strohsack eines Bettes liegen müssen, sind sie leichte Beute für typhusverbreitendes Ungeziefer aller Art. Also töten die Menschen am Sonntag Läuse. Aber nicht vereinzelt herumspringende, sondern 100 bis 200 Läuse pro Körper werden zerquetscht. Manche haben offene Füße, manche kratzen sich unaufhörlich. Die Flüssigkeit beim Läusetöten verteilt sich auf der Häftlingswäsche und gibt ihr alle Farben zwischen rot, braun und schwarz.
Die Viecher sind so zahlreich, dass man sie nicht mehr loswerden kann. Körper und Köpfe sind zerbissen von Flöhen und Wanzen.
Wenn ein Gefangener es fertigbringt, sich von Läusen frei zu machen, so bekommt er sie zwangsläufig immer wieder zu Hunderten durch die Decken zurück, also müssen sich Franz und die anderen trotz der Kälte und Feuchtigkeit vollständig entkleiden, um sich sorgfältig zu entlausen. Manche, die nicht mehr die Kraft oder den Willen dazu haben und sich seit Monaten nicht mehr ausgezogen haben, sind mit eitrigen Wunden, Ausschlägen und schwarzen Blattern bedeckt.
Franz lässt sich auf die Lagerstatt fallen und beobachtet die Flöhe, die auf ihm herumspringen. Er schläft ein.
Das ohrenbetäubende Schrillen der Trillerpfeifen drängt an sein Ohr, das ausgemergelte Gesicht einen älteren Mitgefangenen dicht über ihm. Er hält ihm ein Brot hin:
„Hier Bub! Iss und versteck es in deiner Hose. Du bist noch jung, du musst noch wachsen.“
Schwupp greift Franz das halbe Brot. Schwupp hat er es in seiner Hose verstaut. Beim Rausstolpern aus der Baracke duckt er sich vor den Schlägen der Kapos und rempelt mit einem kräftigen Burschen, auch mit Davidstern ungefähr in seinem Alter, zusammen. Ihre Augen treffen sich erst feindselig, dann aber nickt der Größere ihm zu. Sie kommen beim Morgenappell nebeneinander zu stehen.
Franz flüstert ihm zu: „Ich habe ein halbes Brot!“
Mikesch: „Brot? Zeig her!“
„Hier, in meiner Hose.“ Nestelt und bricht Mikesch etwa die Hälfte davon ab.
Ein SS-Offizier mit Megafon stellt sich auf ein Fass: „Heute Nacht ist einem der Aufseher ein Laib Bauernbrot gestohlen worden. Dieses Verhalten ist eines Insassen eines deutschen Ordnungslagers unwürdig und schädlich für das Großreich. Dieses Bauernbrot ist unverzüglich zurückzugeben. Wenn nicht, wird unbarmherzig durchgegriffen, um Anstand und Sitte aufrecht zu erhalten. Wer von Euch das Brot hat, trete hervor. Wer nicht, sagt laut und deutlich: Nein, Sturmführer!“ Und nun beginnen die Nazis ihr Spiel: 900 Menschen müssen der Reihe nach vortreten und erklären, dass sie nicht im Besitz von Brot sind. Die Reihe ist drohend nah an Mikesch und Franz. Mikesch ist zuerst dran:
„Selbstverständlich nein, Herr Sturmführer!“
Er geht zurück in die Reihe, fast militärisch korrekt. Franz tut es ihm gleich, so gut es geht bei seiner Wackeligkeit: „Selbstverständlich nein, Herr Sturmführer!“
Sturmführer unterbricht den Franz am nächsten Stehenden, der beflissen antworten will.
SS-Offizier: „Schnauze!“ Und zu einem Kapo gewandt: „Die beiden Jungs da, raus!“
Zwei Kapos eilen diensteifrig zu den Jungs, um sie mit Prügeln zum SS-Offizier zu bringen.
SS-Offizier: „Schluss! Aus! Was ist das denn? Keiner hat was von Schlägen gesagt!“
Kapos unisono: „Jawoll, Sturmführer!
SS-Offizier bedeutet den beiden Buben: „Hierher und mucksmäuschenstill. Alle anderen: Ausziehen! Aber dalli!“
Es ist etwa eine Temperatur von minus 10 °C, niemand widersetzt sich, da jeder weiß, dass es Selbstmord wäre. Mikesch wendet Franz eine hochgezogene Augenbraue zu. Und so kann man etwa 900 Menschen ganz nackt bis auf unsere beiden die wirren Ereignisse abwarten sehen.
SS-Offizier: „An eurer jetzigen Lage sind nur die Juden schuld. Diebe am Volksbesitz werden von uns nicht geschützt. Die Juden haben bereits so viel Schlechtes getan, dass man sie alle ohne Weiteres hängen sollte. Jedes Stück Brot, das ihr fresst, ist zu viel. Es ist ein Diebstahl am deutschen Volk. Und jetzt meine Antwort: Ihr werdet jetzt alle den Abort mit einem Löffel leeren. Schubkarren werden bereitgestellt. Frohes Schaffen. Arbeit macht frei!“
SS-Schergen und Kapos zwingen die Gefangenen, ihre Arbeit auszuführen. Bei der geringsten Missbilligung schießen sie augenblicklich auf die Hilflosen.
Franz und Mikesch atmen tief durch, halten aber beide dicht. SS-Offizier: „Mitkommen!“
Sie stolpern beide hinter dem Sturmführer Richtung SS-Baracken hinterher.
SS-Offizier: „Ihr gefallt mir. Ich glaube, aus euch kann ich was machen. Seid ihr musikalisch? Könnt ihr ein Instrument spielen?“
Franz erinnert sich an seine gute Schulbildung und antwortet: „Ja, Herr Sturmführer, ich kann Klarinette spielen.“
SS-Offizier: „Ohne Herr. Sturmführer heißt das. Und du?“
„Ich kann Ziehharmonika spielen.“
Der SS-Offizier nickt. Als sie bei der SS-Kaserne angekommen sind, öffnet er die Tür und sagt: „Warten! Still gestanden!“
Sofort geben sich Mikesch und Franz eine militärische Haltung, und der Offizier verschwindet in der Baracke. Ihr Blick gleitet zurück zu den Kameraden, die mit Löffeln den Abort säubern müssen. Nach einer Weile kommt ein anderer niederer SS-Mann heraus: „Mitkommen! Schuhe abtreten! Türe schließen!“
Brav folgen die Buben und kommen in die Spezialbaracke der SS. Ein großer, turnhallenähnlicher Festsaal mit Musikinstrumenten auf einer improvisierten Bühne. Dahinter Porträts von Führer und Reichsführer SS. Auf der anderen Seite und in den Ecken Sitzgelegenheiten und eine lange Theke. Neben SS-Leuten hält sich im Kasino-Raum auch eine schöne Frau mit Kopftuch über ihrem rasierten Schädel auf, um sie ein wenig ansehnlicher für die SS zu machen.
SS-Mann: „So! Geht da rein. Wascht euch und kommt wieder raus.“
Franz und Mikesch trotten in den Waschraum, wo sie sich völlig allein und unbeobachtet waschen.
Franz: „Was läuft hier?“
Mikesch: „Wir werden es schon erfahren.“
Als sie fertig sind, ihre Brotreste verdrückt haben und ihre Häftlingskleider so gut es geht in Ordnung gebracht haben, kommen sie zurück in den Kasinoraum.
Auf der Bühne steht schon die schöne Frau mit Kopftuch.
SS-Mann: „So, geht auf die Bühne und nehmt Instrumente.“
Die Frau nickt ihnen aufmunternd zu. Sie kommen zu den Instrumenten, Franz nimmt eine Klarinette an die Lippen, Mikesch eine Ziehharmonika in die Höhe und die Frau eine Geige.
Junge Frau, leise: „Auf! Spielen wir ‚Im alten Städl‘! Das können wir doch alle. Und die kennen das nicht. Ein, zwei, drei!“
Und sie beginnt ein ihnen allen bekanntes Stück in Moll zu streichen. Die beiden Buben fallen ein und einigermaßen melodisch spielen sie in einer etwas besseren Katzenmusik-version auf. Eine gespenstische Theaterszene auf dem Gelände mit rauchenden Kaminschloten und das Lager umgebenden dunkelgrünen Wipfeln der Bäume, der Wälder im Nebel.
Читать дальше