5.Bequemlichkeit der Undenkbarkeit Gottes
Theologie und Kirche scheinen sich in der Bequemlichkeit des prinzipiell undenkbaren Gottes und der damit verbundenen eigenen Bedeutungslosigkeit in Wissenschaft und Leben gut eingerichtet zu haben. Kirchlicherseits lässt es sich offensichtlich auch und gerade ohne Theologie gut leben, besonders ohne eine Theologie, die den Finger in die Wunde einer Macht legen könnte, die sich immer noch aus dem Besitzanspruch auf die Wahrheit eines exklusiv denkbaren und sich ebenso exklusiv offenbarenden Gottes speist. Das reformatorische „allein aus Glauben“ wird hier unredlicher Weise zum Programm gegen eine wissenschaftlich wie praktisch ernsthafte Auseinandersetzung mit der Denkbarkeit und Sagbarkeit Gottes unter den Bedingungen postmodern-modernen Lebens. Die Neuzeit stellte Theologie und Kirche vor die Frage, ob Gott notwendig sei, und beantwortete die Frage damit bereits. Denn „wer aber so fragen muß, wer die Notwendigkeit Gottes in Frage stellen muß, der hat sie im Grunde auch schon verneint. […] Gott ist weltlich nicht notwendig “ 16, auch nicht, um die Welt vor den Abgründen der Unmenschlichkeit zu schützen. Der „Mensch [kann] ohne Gott menschlich sein“, er „hat das Kriterium seiner eigenen Notwendigkeit und Wirklichkeit nicht mehr in Gott, sondern er versteht sich – sei es als notwendig, sei es als nicht notwendig – aus sich selbst.“ 17
Die Neuzeit macht das bis dahin selbstverständliche Zentrum des Alls „Gott“ zur Leerstelle. Damit wird die Herrschaft Gottes in Zweifel gezogen. „Der weltlich notwendige Gott wurde allemal begriffen als Gott der Herr . Und was ein Herr ist, schien ebenfalls ausgemacht. Von Gottes Herrschaft war die Rede im Sinne seiner Allmachtsausübung. Der weltlich notwendige Gott wurde begriffen als der allmächtige Herr, dessen Liebe und Erbarmen gegenüber seinem Herrschaftsanspruch grundsätzlich sekundär und nachgeordnet erscheinen. So denkt man sich ja auf Erden einen Herrn: daß er zunächst einmal Macht hat und daraufhin dann vielleicht auch barmherzig sein kann – oder eben auch nicht. Und entsprechend denkt man sich dann auch Gottes Herrsein und Herrschaft. Er ist mächtig, fähig und frei, zu lieben oder auch nicht zu lieben.“ 18Die neuzeitliche Theorie entthront Gott, aber nicht die Macht der Kirche. Sie verliert zweifelsohne über die Jahrhunderte an Einfluss, aber sie hält erfolgreich theologisch, liturgisch und in der Legitimation ihrer Strukturen und Ämter am (Sprach-)Bild der weltlich notwendigen Herrschaft Gottes fest. Und offensichtlich profitiert auch die Theologie von der Verschleierung der Leerstelle – selbst der Preis der eigenen Sprachlosigkeit, der immer deutlicher zu Tage tretenden Schizophrenie im Anspruch der Denkbarkeit Gottes zwischen Nichtnotwendigkeit und Allmacht, selbst der Preis der Implosion scheint im Vergleich zum Gewinn nicht zu hoch. Theologie und Kirche laufen damit absehbar und in Teilen bereits angekommen ins Leere.
Man „wird dabei die Vermutung nicht unterschlagen können, daß der Herrschaftsanspruch des Wortes ‚Gott‘, wenn er als ein die Freiheit des Denkens beeinträchtigender Anspruch auftritt, das Wesen Gottes theologisch kaum zutreffend begriffen haben dürfte. […] Gottes Allmacht ist vielmehr als die Macht seiner Liebe zu verstehen. Nur die Liebe ist allmächtig. Gottes Herrschaft ist deshalb als das Regiment seiner Barmherzigkeit und Gottes Recht dementsprechend als das Recht seiner Gnade zu verstehen.“ 19Und spätestens hier hört das Wort „Gott“ auf, ein Denk- und Sprachspiel von Theologie und Kirche, ein Spielball zwischen vorgeblich wissenschaftlicher Reflexion und institutioneller Praxis zu sein, muss ein Schlussstrich unter das unwürdige Machtspiel gezogen werden. Hier stehen Würde und Menschlichkeit, das Leben selbst auf dem Spiel. Eberhard Jüngel zeigt den fatalen Zusammenhang zwischen der Behauptung der Allmachtsherrschaft Gottes und dem Drang des Menschen zur Abhängigkeit bzw. zur Unterdrückung. Er stellt die Frage, ob „die Identifizierung der allmächtigen Herrschaft, von der der Mensch schlechthin abhängig sein soll, mit Gott , nicht die Kaschierung des elementaren anthropologischen Tatbestands ist, daß der Mensch in schlechthinniger Abhängigkeit vom Menschen existiert, weil der Mensch über den Menschen total herrschen will.“ 20Hinterlässt also die Vertreibung Gottes aus dem Zentrum gar keine Leerstelle, sondern deckt einen menschlichen Abgrund auf?
„Die Theologie hätte also, wenn sie die Entdeckung der weltlichen Nichtnotwendigkeit Gottes nicht als Fremdkörper akzeptiert, sondern aus theologischen Gründen selber vollzieht, zur Erhellung des Selbstverständnisses des neuzeitlichen Menschen insofern einen fundamentalen Beitrag zu leisten, als sie zu einer vertieften Einsicht in den Sachverhalt verhelfen könnte, daß der Mensch durch die Bestreitung der weltlichen Notwendigkeit doch die anthropologische Funktion noch nicht gelöscht hat, die bis dahin eines Gottes Funktion gewesen sein soll. Die Theologie könnte einen Beitrag zur Umwertung dieser Funktion leisten, insofern sie die Tendenz nach totaler Herrschaft über Menschen als eine ursprüngliche Tendenz zur Vergötzung des Herrschens und zur Versklavung des Menschen enthüllt.“ 21Die Auswirkungen dieser theologischen Leerstelle lassen sich gegenwärtig in unglaublich brutaler Form als Schneise der Vernichtung von Menschen und Kultur durch den sogenannten Islamischen Staat beobachten. Theologie könnte die Welt nicht retten, selbst wenn sie sich seit der Neuzeit als Wissenschaft von und in der Akzeptanz der Nichtnotwendigkeit Gottes erfunden und profiliert hätte. Zugleich gilt es die Chancen und Möglichkeiten der Theologie zu nutzen, sich dieser Grundaporie menschlichen Lebens auszusetzen. Exposure heißt in diesem Zusammenhang, sich hartnäckig denkend und handelnd dem Zusammenfallen, der Gleichzeitigkeit von Macht und Liebe zu nähern. An „einem theologisch angemessenen Begriff der Herrschaft Gottes (wäre) die Erkenntnis zu gewinnen, daß Herrschen und Dienen sich keineswegs paradox zueinander verhalten müssen und daß Herrschaft keineswegs notwendig die Knechtschaft anderer impliziert.“ 22
Ist die Frage nach Gott eine Frage der Führung? Gegenstand christlicher Theologie wären 2015 Jahre Führung, die neuzeitliche Leerstelle wäre mit Führung statt mit Vergötzung von Herrschaft zu füllen, Theologie als Wissenschaft einer neuen Idee von Führung, die Mündigkeit und Freiheit fördert. Praktische Theologie wäre nicht nur Reflexion kirchlicher Praxis, sondern würde neue Praxis initiieren – in Kirche und Wissenschaft, eine Praxis, die sich weder in Kirche noch in Wissenschaft über Ausschluss und Herrschaft realisiert, die ihren Wert nicht über Knechtschaft und Ausgrenzung definiert. Dafür ist in Kirche und Wissenschaft eine andere Theorie des Gegensätzlichen nötig, die nicht auf eine Auflösung in eine Über-Unter-Ordnung hinein setzt, sondern den Gegensatz durchdenkt, ihm standhält, in der Grundirritation vom Ende der Herrschaft Gottes und dem immer wieder neuen Anfang der Allmacht der Liebe, der Gnade ausharrt. In dieser Irritation hat sich Wahrheit immer wieder neu zu bewähren, endet die Herrschaft der letzten Schlüsse, des schon immer Gewussten, der klaren und beständigen Deutungen.
Eberhard Jüngel positioniert als Proprium des Christlichen Gott genau inmitten der Irritation: „Daß Gott, obwohl er der zwischen Sein und Nichtsein Entscheidende ist, dennoch nicht nur oberhalb dieses Gegensatzes von Sein und Nichtsein, sondern inmitten dieses Gegensatzes Gott ist, das ist nun […] als Pointe christlicher Rede von Gott zur Geltung zu bringen.“ „Gott bestimmt sich zum Menschsein des Menschen Jesu, um gerade in und mit diesem Menschen Gott zu sein.“ Er „selbst aber bestimmt sich dazu, nicht ohne den Menschen Gott zu sein.“ Deshalb „gehört schon zu Gottes Göttlichkeit seine Menschlichkeit. Das ist es, was die Theologie endlich zu lernen hat.“ 23„Wie denn überhaupt zu befürchten ist, daß die Theologie nicht an den Bastionen des Unglaubens, sondern vielmehr an ihrer eigenen Verschlafenheit zugrunde geht.“ 24Jüngel ist die Ungeduld anzumerken, mit der er für ein theologisches Bewusstsein kämpft, dass Gott „nicht notwendig [ist], weil mehr als notwendig“ 25. Gott ist mehr als notwendig. „Es ist theologisch unhaltbar, daß nur das Notwendige wesentlich sei. Auch der Zufall hat sein Wesen, auch das Kontingente ist wesentlich.“ 26
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