Meine Eltern Ernst-Peter und Elisabeth lernten einander am Arbeitsplatz meines Vaters kennen, in der Neusiedler Papierfabrik, die 1793 gegründet worden war. Generaldirektor war nach dem Ersten Weltkrieg Dr. Emil von Linhart, Vater dreier Töchter. Die mittlere, Elisabeth, heiratete meinen Vater, den Prokuristen Ernst-Peter Lauda, der später selbst Generaldirektor wurde.
Ich und mein jüngerer Bruder Florian wurden von Kindermädchen erzogen, es gab eine Köchin, und mein Vater hatte einen dunkelblauen Buick Skylight – später dann einen Dienst-Mercedes 300 – mit Chauffeur. Der Fahrer brachte meinen Bruder und mich zur Schule. Ich bat ihn jedes Mal, doch bitte ums Eck stehenzubleiben, ich wollte nicht mit Chauffeur vorfahren. So gescheit war ich damals schon.
Ich bin wohlerzogen aufgewachsen, finanziell fehlte es uns an nichts. Der Reichtum wurde bei den Laudas aber nicht nach außen getragen, er war etwas Hintergründiges, Geheimnisvolles. Als ich ungefähr zehn war, fragte ich meinen Vater: »Wie viel Geld haben wir eigentlich?« Er erhob seinen Zeigefinger und sagte: »Pass auf! Über Geld spricht man nicht. Und wenn du noch einmal fragst, kriegst ein paar Watschen.«
Wir fuhren einmal im Jahr auf Urlaub, nichts Besonderes, bescheiden eigentlich. Ich glaube, wir bekamen nicht einmal Taschengeld. Der sorgsame Umgang mit Geld war in meinem Elternhaus mit seinen gewachsenen Werten und ererbtem Besitz eine Grundregel. Keine unnötigen Ausgaben, lautete die Devise. Und schon gar nicht schmiss man das Geld zum Fenster hinaus.
Mein Großvater bewegte sich schon eher wie ein echter Millionär. Er war der Vorzeige-Industrielle im Land und wohnte in einem Ringstraßenpalais mit livrierten Dienern, die schwarze Uniformen und weiße Handschuhe trugen. Hans Lauda war Generaldirektor der Veitscher Magnesitwerke. 1938 entließen ihn die Nazis, nach dem Krieg kehrte er jedoch wieder auf seinen Posten zurück. Als Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung zählte er zu den Wegbereitern der Sozialpartnerschaft und des Wirtschaftswunders. Er war bis 1974 auch Präsident des Roten Kreuzes und war deshalb persönlich bekannt mit Fürstin Gracia Patricia, die in Monaco Rot-Kreuz-Präsidentin war. 1956 organisierte er die Hilfe für Tausende Ungarnflüchtlinge. Ich war damals erst sieben, aber ich weiß aus Erzählungen meiner Mutter, dass alle in der Lauda-Familie Kleider sammeln und Pakete schleppen mussten.
Wenn Großvater mit seinem wunderschönen dunklen Jaguar Mark X, Kennzeichen »W 313«, bei uns vorfuhr, schlug mein Herz höher. Manchmal kletterte ich heimlich ans Steuer seines Wagens und drehte ein paar Runden im Garten.
Sein Auto war ein Traum, aber als Mensch war mein Großvater ein Tyrann. Der Alte terrorisierte mit seiner Dominanz die gesamte Familie. Als ich in seinem Anwesen in St. Moritz, wo wir als Kinder skifahren lernten, einmal das Stiegengeländer hinuntergerutscht bin, hat er mich wegen eines angeblichen Kratzers niedergebrüllt. Unsere Geburtstage wusste er nur durch seine Sekretärin. Da verteilte er Kuverts, in denen ein paar 100-Schilling-Scheine waren, und eine Karte mit seiner Unterschrift drauf.
Später, als ich schon wusste, dass ich einmal Rennfahrer werden wollte, schimpfte er, dass das ein »Trottelsport« sei. Legendär sein Ausspruch, dass ein Lauda nicht auf der Sportseite der Kronen Zeitung stehen müsse, sondern im Wirtschaftsteil der Presse. Noch viel später verwendete ich meine ganze Energie darauf, ein Anti-Lauda zu werden. Mein Großvater diente mir dabei als Reibungsfläche.
Mein erstes eigenes Geld habe ich mit Schneepflügen verdient. Im Schöller-Park in Hirschwang an der Rax, wo sich die Betriebsstätte der Neusiedler AG befand, gab es einen Räumdienst, da hab’ ich mich gemeldet. Für jede Nachtstunde, die man auf dem Traktor mit Riesenschaufel fuhr und Schneeberge wegschaffte, gab es 12 Schilling. Man brauchte dafür auch keinen Führerschein. Mir ging es mehr ums Traktorfahren als ums Geldverdienen. Das Geld war die angenehme Nebenerscheinung einer Tätigkeit, die mich ausfüllte. Diese Regel hat sich in meinem Leben noch sehr oft bestätigt.
Als ich 16 war, erfuhr ich, dass meine Familie adelig ist. Das geht zurück auf meinen Urgroßvater Ernst Ritter von Lauda, der zur Zeit Kaiser Franz Josephs als k. u. k. Sektionschef für die Regulierung der Donau verantwortlich war. Damals wurde Wien alljährlich von katastrophalen Überschwemmungen heimgesucht, und seine gelungene Flussregulierung war der Grund, dass ihn der Kaiser in den erblichen Adelsstand erhob. Also könnte ich mich heute auch »von« und »zu« nennen. Andreas Nikolaus Ritter von Lauda. Auf das Aristokratische hab’ ich immer gepfiffen.
Unbestritten waren die Laudas etwas Besonderes. Auch der Bruder meines Großvaters. Er ging als »letzter Ritter der Medizin« in die Geschichte der Wiener Medizinischen Schule ein. Patienten aus aller Welt flogen ein, um sich vom Chef der Klinik, Professor Ernst Lauda, behandeln zu lassen. Leber, Milz und Darm waren die Spezialgebiete von Wiens führendem Internisten.
In der Lauda-Familie wurden auch besondere Hobbys gepflegt. Meine Eltern legten zum Beispiel großen Wert darauf, dass ihre Söhne, sobald sie zehn waren, reiten lernten. Großvater hatte selbst zwei Pferde und war Präsident der Campagne-Reitergesellschaft. Im Sommer wurden Florian und ich einen Monat lang auf ein Reitercamp in Newforest, England, geschickt, damit wir dort die Sprache lernten. Dabei fürchtete ich mich ungeheuer vor Pferden. Sobald ich das »Trapp trapp« hörte, wurde mir schlecht und ich versteckte mich auf dem Klo.
Ich hatte einfach andere Interessen. Autos, Motoren, Technik! Eines Morgens, noch im Pyjama, heizte ich eine Spielzeug-Dampfmaschine an. Zuvor mischte ich das Wasser im Kessel mit Eisenfeilspänen. Was natürlich keine so gute Idee war. Prompt gab es eine Explosion, und der heiße Dampf verbrannte mich am rechten Oberschenkel. Meine Eltern waren fertig.
Mit meinem Bruder Florian habe ich meistens gestritten. Uns verbinden bis heute keine Interessen, nur die Tatsache, dass wir Brüder sind. Einmal lag ich im Bett, da kletterte Florian auf den Nachttisch und wollte auf mich springen. Ich kippte den Tisch mit meinem Fuß um, und meinen Bruder prackte es auf den Boden. Da kam der Vater und gab mir eine Watschen.
Manchmal spielten wir gemeinsam Feuerwehr. Um das Ganze ein bisschen authentischer und herausfordernder zu machen, schleppte ich eines Tages einen Kanister an, schüttete das Benzin aus, zündete es an und befahl Florian, das Feuer zu löschen. Obwohl die Schläuche bereit lagen, geriet der Brand kurz außer Kontrolle. Die Garage wäre fast abgebrannt und ein paar Obstbäume waren angesengt. Das Autofahren haben mir meine Cousins, die Czepregley-Söhne, beigebracht, in einem roten Puch 500. Damals war ich zwölf Jahre alt.
Mit 15 wurde ich gezwungen, in die Oper zu gehen. Meistersinger von Nürnberg, ich saß mit meinen Eltern und Michel, einem Klassenkameraden, in einer Loge. Es war so fad, dass mein Freund sein Klappmesser auspackte und begann, in der Loge am Sitzpolster zu ritzen. Ich ärgerte mich, dass man kein Wort verstand. Die sangen die ganze Zeit, aber ich hatte keine Ahnung, worum es da ging. Es war mein erster und letzter Opernbesuch.
Als Nachkomme der Dynastie hätte ich eigentlich Papier-Industrieller oder Generaldirektor bei den Magnesitwerken oder zumindest Arzt werden sollen. Was aber aufgrund meines mangelnden Schulerfolges sowieso nicht infrage kam. Im Gymnasium in der Krottenbachstraße blieb ich schon in der dritten Klasse sitzen, ich glaube, es war in Religion, und in der fünften noch einmal – diesmal in Latein. Rückblickend kann ich sagen, dass die Schule den Fokus auf meine Schwächen gelegt hat. Statt das Beste aus mir herauszuholen, haben mir die Lehrer vor Augen geführt, was ich nicht konnte. Still dasitzen und zuhören. Dinge auswendig lernen, die sinnlos sind. Mich anstrengen, um irgendwelche Prüfungen zu bestehen oder um gute Noten zu bekommen. Das interessierte mich einfach nicht.
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