»Gerda, du faselst Unsinn«, seufzte Pfeffer.
»Mitnichten. Die Alraune wächst der Legende nach besonders gut unter Galgen, da sie vom Urin und Sperma der Erhängten lebt. Kann ich doch nix dafür, dass sich solche netzückenden Sagen um die Alraune ranken! Da an der Hackerbrücke müssten eh etliche solcher Pflanzen seit Urzeiten gedeihen, denn der kleine Hang dort an der Landsberger Straße war früher der Galgenberg … Ich merke schon, wie fasziniert du meinen Ausführungen lauschst.«
»Nein, nein«, sagte Pfeffer langsam. »Rede ruhig weiter. Wäre nur schön, wenn du zum Eigentlichen zurückkommen könntest.«
»Der oder die Täter müssen sich recht gut mit der Methode des Erhängens ausgekannt haben, denn der Strick ist so um die zwei Meter lang, also nicht zu lang, und nicht zu kurz.«
»Können Henkersstricke denn zu lang sein?«, fragte Pfeffer.
»Sicher. Wenn der Strick zu lang ist, wird in der Regel durch den Ruck der Kopf abgerissen. Ist das Seil zu kurz, wird dem Delinquenten nicht nur nicht das Genick gebrochen, er wird meist nicht einmal bewusstlos und strampelt sich langsam zu Tode. Das sieht man doch häufig in Western so. Diese Opfer können ja auch noch gerettet werden, wenns die Dramaturgie im Film will. Unser Opfer hatte also einen klassischen Henkerstod. Er hat zudem ein paar kleinere Hämatome am Nacken und am Hinterkopf. Er ist also geschlagen, vermutlich niedergeschlagen worden. Das klären wir noch.«
»Identität?«
»Da habe ich keine Ahnung. Beschnitten ist er. Die Fettschichten sind gelblich bis orange, also vermutlich Türke. Wahlweise vorderer Orient, Naher Osten.«
05 »Echt, ich fasse es nicht«, fluchte Arslan. »Diese kleine Drecksschlampe!«
»Jetzt krieg dich wieder ein, Alter«, sagte Tayfun und holte die zweite eiskalte Flasche Augustiner aus dem Rucksack. Er öffnete die Biere mit dem Feuerzeug und hielt Arslan eine Flasche hin. »Trink mal nen Schluck und komm runter.«
Die beiden jungen Männer saßen auf dem Erdboden neben Arslans provisorischem Zelt und lehnten sich gegen die Backsteinmauer des Bahnwärterhäuschens. Die Sonne wärmte angenehm. Sie stießen an, und Arslan nahm einen sehr langen Schluck.
»Meine Klamotten und das andere Zeugs …«
»Was denn noch für Zeugs?«, fragte Tayfun neugierig.
»Na, Zeugs halt. Zeugs! Was man so dabei hat. Verfickte Scheiße.«
»Geld? Schlüssel?«
»Nein, habe ich bei mir.« Arslan klopfte auf seine linke vordere Jeanstasche. »Einmal ausgeraubt werden langt mir.«
»Damals hast du es auch bei dir am Körper gehabt, und trotzdem isses nun weg, Alter.«
»Ja, Mann. Ich könnte mich immer noch in den Arsch beißen!«
»Die Scheißkerle finden wir schon noch. Keine Sorge. Dann mach ich die platt, Alter.« Tayfun, das hatte Arslan von Anfang an gemerkt, war niemand, mit dem man es sich leichtfertig verscherzen sollte. Er strahlte eine gewisse Grundaggressivität aus. Es war ganz klar, dass Tayfun das Alphamännchen in der WG war und das Sagen hatte – sofern Cem nicht da war. So lautete die Hackordnung: Cem – was er sagte, war Gesetz. Dass über Cem nominell die geile Kröte stand, interessierte niemanden. Die geile Kröte hieß in Wahrheit Jürgen Eisele, doch dank seines plumpen Körpers und vor allem dank seiner glupschäugigen Krötenvisage nannten ihn alle nur die geile Kröte. Geil, weil er jede Gelegenheit nutzte, die Jungs zu betatschen. Dabei war Eisele verheiratet und hatte zwei Kinder.
Nach Cem kam Tayfun, der geschickt mit Cem zu taktieren wusste. Dann lange niemand, dann alle anderen und ganz am Schluss Mesut. Und genau Mesut hatte den Anlass gegeben, dass Arslan Tayfun bisher nur ein einziges Mal körperlich aggressiv erlebt hatte. Damals, als der fette Mesut sich völlig unsinnig über zwei nicht abgespülte Becher in der WG aufgeregt hatte und Arslan eine reinhauen wollte, wenn der nicht sofort die Küche in Ordnung bringen würde. Mesut war so dumm, wie er fett war, weshalb diskutieren nicht viel brachte. Er hatte schon früher ganz unten in der Hackordnung der WG gestanden, alle nannten ihn nur Schwabbel. Und dann war Arslan in die WG gekommen: feingliedrig, groß und schlaksig, wortkarg und scheu – und Mesut vor allem intellektuell haushoch überlegen. Mesut hatte Arslan vom ersten Tag an nicht leiden können und ihn auf dem Kieker gehabt. Hatte gehofft, er könnte endlich seine Außenseiterrolle loswerden und Arslan zum allgemeinen Fußabtreter machen. Das mit den schmutzigen Bechern in der Küche war Mesut als willkommener Anlass erschienen. Er hatte erst nur rumgebrüllt, als Test. Und dann hatte zunächst tatsächlich niemand Partei für Arslan ergriffen. Mesut hatte sich sicher gefühlt und noch einen draufgelegt: Schläge. Doch da war plötzlich Tayfun dazwischengegangen. Tayfun. Groß und durchtrainiert. Tayfun machte Kickboxen, und er hatte Schwabbel sehr deutlich gemacht, dass der Zusammenhalt in der WG das Wichtigste überhaupt und der zentrale Punkt für ihr aller Überleben sei. Arslan stand fortan unter Tayfuns persönlichem Schutz. Arslan wollte nun auch dringend Kickboxen lernen. Dass Tayfun mit allen Wassern gewaschen war, hatte Arslan schnell gemerkt, auch dass er sich nicht darum scherte, was andere von ihm hielten. Und Arslan war sich auch bewusst, dass man seinem WG-Kumpel nicht unbedingt alles glauben sollte und ihm nicht zu sehr vertrauen durfte. Doch Arslan war einsam, und er wollte endlich mal wieder jemandem vertrauen. Also vertraute er Tayfun. Zumindest vorübergehend. Manchmal war Tayfun echt schwierig zu nehmen, dennoch schien er ein zuverlässiger Freund zu sein.
»Tröste dich«, fuhr Tayfun fort. »Mich haben sie ja auch mal abgezogen, als ich neu in München war. Handy weg, Geld weg, alles weg, Alter. Wir müssten dich halt woanders unterbringen. Für die Illegalen mag die Bruchbude hier reichen. Aber für dich ist das kein Ort.« Er deutete auf das Backsteinhäuschen. »Da kümmere ich mich drum. Etwas mit Dusche und richtigem Klo und gutem Essen, versprochen, Alter.« Er lachte. Arslan knurrte und lachte dann auch.
»Ich geh aber nicht ins Pennerheim an der Pilgersheimer Straße! Da stinkts, und es hat nur Junkies, Alkies und Asseln!«, rief Arslan.
»Woher willst du denn das wissen?«
»Hat Janko erzählt. Fuck, ich will endlich wieder heim!« Arslan bemerkte, dass er die WG das erstmalig als sein Daheim bezeichnet hatte.
»Noch ein paar Tage Geduld, Mann. Hast du noch Geld?«, fragte Tayfun.
»Für die paar Tage reichts noch, sofern es wirklich nur ein paar Tage sind.«
»Wie viel?«
»Ich habs nicht auf den Cent gezählt, aber es reicht, glaubs mir.«
»Und Klamotten?«, fragte Tayfun.
»In der Wohnung sind ja noch Sachen von mir. Wäre klasse, wenn du mir die mitbringen könntest«, antwortete Arslan und zündete sich eine Zigarette an.
»Kein Thema. Ich kann dir auch was von mir leihen. Wir sind ja ungefähr gleich groß. Auch wenn ich viel geilere Muskeln habe.« Tayfun knetete die Unterlippe und trank dann seine Bierflasche leer. »Wir müssen irgendwie zu Geld kommen, verstehst du? Damit meine ich nicht ein paar hundert Euro oder so, sondern richtig Geld, Alter. Wie viel brauchst du noch mal?«
»Das weißt du ganz genau«, antwortete Arslan trotzig.
»Zwölftausend«, sagte Tayfun und blies langsam Rauch aus den Lungen. »Verdammt viel Geld. Und warum du genau diese Summe brauchst, willst du mir wirklich nicht erzählen?«
»Nein«, knurrte Arslan. »Ich brauchs. Fertig.«
»Pass auf. Ich wüsste da was … Etwas, das sich richtig lohnt!« Tayfun machte eine bedeutungsschwangere Pause und sah Arslan schief an.
»Vergiss es«, sagte Arslan. »Ich werde nie wieder dealen!«
Tayfun lachte.
»Und ich zieh keine Leute ab.«
Tayfun lachte wieder. »Wer sagt denn so was, Alter. Relax. Ich meine ja auch keinen Kleinkram! Ich meine zwanzig-, dreißigtausend Euro, vielleicht sogar fünfzigtausend … Dein Anteil von mindestens zwölftausend ist jedenfalls sicher …«
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