»Geworfen?«, flüsterte Kommissar Erdal Yusufoglu leicht schockiert.
»Das bedeutet«, sagte Bella Scholz, »unser Täter ist entweder sehr kräftig, oder es waren mehrere Täter.«
»Richtig. Tippe auf Letzteres. Unser Opfer ist, das können wir bereits mit Sicherheit sagen, ausländischer Herkunft«, fuhr Pfeffer fort.
»Woher wissen wir das?«, fragte Erdal Yusufoglu.
Pfeffer hielt ein Foto von der Leiche hoch. Kräftiger schwarzgrauer Schnurrbart, ein ebenso schwarzgrauer Haarkranz, dunkler Teint und buschige schwarze Augenbrauen.
»Okay«, sagte Kommissar Yusufoglu. »Schon klar. Dann bin ich also die Quote. Euer persönlicher Migrationshintergündler.«
»Bingo«, sagte Bella Scholz, und alle lachten.
»Wir wissen noch nicht, wer unser Opfer ist«, sagte Pfeffer. »Er hatte keine Papiere bei sich. Für mich hat momentan neben der Tätersuche alleroberste Priorität, wer unser Opfer ist. Gehen Sie die Vermisstendateien durch, München und Umgebung, dann bundesweit, dann von mir aus europaweit. Wenn Sie da nichts finden, dann vergleichen Sie bitte die Fingerabdrücke mit den entsprechenden Karteien. Sie werden im Wesentlichen Hauptkommissarin Scholz zuarbeiten, damit meine ich Sie, Herr Yusufoglu. Wer ist unser Toter?!« Pfeffer trank mit einem Zug seinen Espresso aus. »Und treiben Sie mir dann Zeugen auf, irgendjemand muss doch an so einer prominenten Stelle was beobachtet haben. Es kann mir keiner erzählen, dass die Hackerbrücke irgendwann mal völlig menschenleer ist.«
Es klopfte an Pfeffers Bürotür. Ohne ein »Herein« abzuwarten, platzte Kriminaldirektorin Jutta Staubwasser mit einem verbindlichen Lächeln um die Lippen herein. »Entschuldigen Sie, wenn ich störe«, sagte sie einen Tick zu fröhlich. »Ich bin auch gleich wieder weg. Ich wollte Ihnen nur schnell einen Kollegen vorstellen, der auf Bitten der Staatsanwaltschaft Teil der Soko sein wird.« Ein großer, schlacksiger Mann mit dramatischen Geheimratsecken betrat den Raum. »Ich glaube, Sie kennen sich zum Teil bereits. Hauptkommissar Paul Freudensprung vom LKA. Wie gesagt, ich wollte nicht stören und bin auch schon wieder weg.« Die Kriminaldirektorin verließ den Raum.
»Ach, der Gaudi«, entfuhr es Bella Scholz. Sie kannte den Kollegen von früher, als er noch ihr Kollege war. Alle hatte seinen Nachnamen zu Gaudihupf verballhornt, kurz Gaudi. Einen Spitznamen, den Paul Freudensprung nicht sehr mochte, mit dem er aber zu leben gelernt hatte. Widerstand dagegen war zwecklos. Außerdem, das wussten im Büro auch fast alle, war Gaudi eine Zeit lang quasi Bellas Schwager gewesen. Damals war Bella Scholz mit Levent Demir liiert gewesen, dem bekannten Schauspieler und Tatort-Kommissar – und außerdem Bruder von Paul Freudensprungs Frau Aische, geborene Demir. Bella und Levent hatten sich über Paul und Aische kennengelernt und verliebt. Von Levent Demir hatte Bella Scholz auch ihr erstes Kind. Nur Levent Demir hatte sie nicht mehr.
»Auf ein Wort, Frau Staubwasser.« Max Pfeffer folgte seiner Chefin in den Flur und zog die Tür hinter sich zu.
»Hatten Sie nicht mir die Anweisung gegeben, eine Soko zusammenzustellen?«, fragte er.
Jutta Staubwasser, die ohnehin eine gewisse Ähnlichkeit mit Angela Merkel hatte, zog ihre Mundwinkel nach unten, was sie der Bundeskanzlerin optisch sehr nahebrachte. Ihre Augen suchten Halt an einem Punkt irgendwo hinter Max Pfeffers rechter Schulter. Wenn sie sich nun in seinen kuscheligen Augen verlieren würde, was sie manchmal durchaus bewusst machte und genoss, würde sie nicht standhaft bleiben können. Sein Bart war für sie schon ein Kraftakt für sich, denn sie stand auf Männer mit Dreitage- oder kurzen, gepflegten Bärten. Dummerweise hatte Jutta Staubwasser das Max Pfeffer einmal erzählt, als sie noch nicht seine Chefin war und sich beide bei einer Weihnachtsfeier ziemlich angeschickert unterhalten hatten. »Ich weiß, Kollege Pfeffer, ich weiß. Aber was soll ich machen?«
»Mich machen lassen, Frau Staubwasser.«
»Jetzt sein Sie doch nicht so empfindlich, Kollege Pfeffer. Niemand will Ihre Kompetenz untergraben. Oberstaatsanwalt Bauer sieht es als essenziell an, dass wir in diesem Fall behördenübergreifend arbeiten und es dieses Mal mit der Kommunikation auch wirklich klappt. So ein Desaster wie bei den NSU-Morden können wir uns keinesfalls mehr leisten.«
»Wir haben einen Erhängten. Einen. Wir stehen noch ganz am Anfang der Ermittlungen, da brauchen wir keine künstlich konstruierten Parallelen zu einer Mordserie von rechten Terroristen. Ich habe wirklich nichts gegen den Kollegen Freudensprung. Im Gegenteil. Wenn Sie mir gesagt hätten, ich soll mir einen Kollegen vom LKA dazuholen, hätte ich ihn vermutlich ausgesucht.«
»Sehen Sie!« Die Kriminaldirektorin strahlte. »Da habe ich Ihnen einfach in der Entscheidung ein klein wenig vorgegriffen. Alles kein Drama, oder? Ich sehe, wir verstehen uns.« Sie tätschelte Max Pfeffer kurz den Arm. »Eine Frage noch: Hätten Sie ein Problem damit, wenn wir diesen Fall erst am kommenden Montag auf der Pressekonferenz vorstellen? Ich finde, wir haben angesichts der Umstände gute Gründe, den Fall zunächst unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu bearbeiten und nicht schon im Frühstadium der Ermittlungen schlafende Hunde zu wecken.«
»Mir solls recht sein«, antwortete Pfeffer. »Allerdings wissen wir nicht, wer der Tote ist und Zeugenaufrufe könnten uns …«
»Ab Montag, Kollege Pfeffer, ab Montag. Ehrlich gesagt, wäre mir Dienstag oder Mittwoch noch lieber …«
Max Pfeffer ahnte, was seiner Chefin Sorgen bereitete. »Ich hoffe auch, dass unsere Täter weder aus der rechten Szene noch aus dem Migrantenmilieu kommen.«
»Richtig. Die Öffentlichkeit wird uns nur dann halbwegs in Ruhe lassen, wenn die Täter Deutsche sind, die aus Geldgier oder Eifersucht oder so gehandelt haben. Drücken Sie uns die Daumen, Kollege. Ach, und danke, dass Sie das mit dem Sohn des Zweiten Bürgermeisters so gut hingekriegt haben«, sagte Jutta Staubwasser noch, bevor sie eilig davonrauschte.
Max Pfeffer hatte keinerlei Ahnung, was er wie und warum mit Benno Althaus hingekriegt haben sollte. Er hatte den Burschen wie jeden normalen Zeugen behandelt – und zu dessen eigenem Glück hatte der Junge nicht den Bürgermeistersohn heraushängen lassen.
»Servus, Gau…, Paul«, sagte Pfeffer, als er ins Büro zurückkam und klopfte seinem Kollegen vom LKA auf die Schulter. »Für die, die ihn noch nicht kennen, Paul Freudensprung war früher einmal ein Kollege hier bei der Kripo und in meinem Team.« Dass Paul und er auch privat Kontakt hatten, spielte hier keine Rolle. Richtig eng befreundet konnte man es eh nicht nennen. Max Pfeffer war kein Typ für enge Freundschaften. »Wir kennen uns also schon ein paar Jahre, ebenso Kollegin Scholz. Ich gehe also davon aus, dass wir gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten werden.«
Das Telefon klingelte. Pfeffer sah auf das Display, dann hob er ab.
»Gerda«, sagte er und setzte sich auf die Schreibtischkante. »Das passt. Was gibt es von unserer Leiche?« Er schaltete auf Lautsprecher, damit alle mithören konnten.
»Sie gehört dir«, antwortete Gerda Pettenkofer am anderen Ende der Leitung. »Eindeutig kein Selbstmord. Er hat noch gelebt, als er das Seil um seinen Hals bekam. Tod durch Erhängen, also eine Fraktur des Dens axis …«
»Gerda! Bitte allgemeinverständlich!«
»Immer dasselbe mit euch ungebildetem Pack. So macht das keinen Spaß. Also.« Sie holte so dramatisch rasselnd Luft, dass nun auch der neue Kollege ahnte, dass die Rechtsmedizinerin schwere Kettenraucherin war. »Genickbruch, den der Ruck mit sich brachte. Es ist geradezu klassisch. Der Genickbruch hat durch die Verschiebung der Bruchstücke dieses Knochens die Medulla oblongata durchtrennt, die sowohl den Kreislauf als auch die Atmung reguliert. Verlängertes Rückenmark, für alle an diesem Telefongespräch beteiligten Nichtmediziner. Der Tote hatte eine postmortale Erektion mit Ejakulation. Passiert häufig beim Erhängen, wenn sie sich nicht vollbieseln und -kacken. Habt ihr mal nachgeschaut, ob unter ihm schon eine Alraune gewachsen ist?«
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