Meinem neu entflammten Lebenswillen habe ich dann alles andere untergeordnet. Und entdeckte dabei sehr rasch, dass es auch eine gute, sogar sehr gute Nachricht in diesem Jammertal des Verzichts gab: Ich konnte für alles, worauf ich verzichten musste, eine Alternative finden! Und zwar eine viel bessere, eine, die meinem Körper und meiner Seele viel mehr Freude und Glück brachte als jene, auf die ich meiner Gesundheit zuliebe verzichten musste. Wer suchet, der findet!
Eine Garantie allerdings, dass die eigenen Bemühungen auch zum gewünschten Erfolg führen, hat man wohl nie. Das naive Sicherheitsdenken wie etwa »ich brauche eine Therapie oder ein Medikament, das mir mit hundertprozentiger Sicherheit hilft …« sollte man, glaube ich, lieber gleich aufgegeben. Denn in die Zukunft kann niemand schauen und es ist auch möglich, dass mir morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. Mit oder ohne Krebs. Die Veränderung der Lebens- und Denkweise, also die Summe von verschiedenen Maßnahmen, erhöht die Wahrscheinlichkeit der Genesung um ein Vielfaches. Und mit hundertprozentiger Sicherheit wird man dadurch neue, ungeahnte Lebensqualität erreichen, die auf echtem Glück und auf Freude basiert.
Erlauben Sie mir, am Ende dieses Kapitels eine Vision, ein Bild zu beschreiben, das gerade vor meinem geistigen Auge entstand. Ich sehe eine Sanduhr, die mein Leben symbolisiert. Der Sand ist schon fast zur Gänze in den unteren Teil der Sanduhr durchgerieselt; im oberen Teil bleiben nur noch wenige Körnchen übrig. Bevor die letzten Sandkörner den oberen Teil des Glasgefäßes verlassen und somit mein Leben zum Stillstand kommt, schaffe ich es gerade noch, die Sanduhr umzudrehen, also auf den Kopf zu stellen. Ich stelle mein ganzes bisheriges Leben auf den Kopf … Jetzt ist der obere Teil der Sanduhr wieder ganz voll, mein Leben kann weitergehen. Ich kann sehen, dass ich die einzig richtige Entscheidung für mein Leben getroffen habe.
Über die Ursachen vom Brustkrebs wird nach wie vor diskutiert, sie konnten aber bis jetzt nicht eindeutig geklärt werden. Warum eigentlich nicht? Weil es, wie der geniale und scharfsinnige Journalist Tiziano Terzani auf S. 86 seines Buchs Noch eine Runde auf dem Karussell bemerkt, vielleicht leichter ist, ein Mittel gegen Krebs zu finden als seine Ursache? Und weil es vielleicht weniger kompromittierend ist? Wenn ich nachdenke, muss ich ihm recht geben. Allzu groß ist die Gefahr, dass man bei der Ursachenforschung auf Tatsachen stoßen könnte, die den wirtschaftlichen Ambitionen der großen Interessengruppen vielleicht gar nicht gefallen würden: der Lebensmittelindustrie, insbesondere der Fleisch- und Milchindustrie, der Kosmetikindustrie und vielen anderen. Wo man hinsieht, wird mit Umweltgiften gearbeitet, von hormon- und pestizidverseuchtem Fleisch, Gemüse und Obst ganz zu schweigen.
Wie dem auch sei – ein renommierter Wiener Frauenarzt, den ich nach meiner Operation konsultierte, erklärte mir, dass die Disposition irgendwann in der Pubertät entstehe und dass es dann nur eine Frage der Zeit bzw. der Umstände sei, wann diese Krankheit ausbräche. Die allgemein anerkannten Risikofaktoren, über die man ausreichend in den Gesundheitsrubriken diverser Zeitschriften informiert wird, sind allgemein bekannt: Übergewicht, Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum, die Einnahme von Hormonpräparaten inklusive der Pille, späte Geburten, kein Stillen, Stress, ungesunde Lebensweise. Bis auf den Stress – unter dem viele Frauen leiden, die dennoch nicht erkranken – trafen sämtliche Risikofaktoren auf mich nicht zu. Daher dachte ich mein Leben lang, dass ich mich, zumindest was den Brustkrebs betrifft, auf der sicheren Seite bewegen würde. Ich war immer eher schlank, in überzeugter Haltung gegenüber meiner Mutter, die stets mit dem Übergewicht kämpfte (oder besser gesagt nicht kämpfte). Da sie an hohem Blutdruck, ständigen Kopfschmerzen und massiven Gelenkbeschwerden litt, lieferte sie mir unwillkürlich drei ausreichende Gründe dafür, auf mein Gewicht zu achten. Ich rauchte nie, trank fast keinen Alkohol, nahm nie die Pille, mein erstes Kind bekam ich mit 25 Jahren und stillte beide Kinder gewissenhaft und lange. Das Stillen betrachtete ich nicht nur als die beste Form der Ernährung für meine Kinder, sondern auch als Brustkrebsprophylaxe für mich.
Aufgrund der zusätzlichen Informationen, die ich in den drei Jahren nach der Diagnose bekommen habe, muss ich allerdings sagen, dass es in meinem Leben mehrere ungünstige Umstände gab, die meiner Gesundheit abträglich waren, wie etwa die geradezu himmelschreiende Unfähigkeit, die Alarmsignale meines Körpers und meiner Seele wahrzunehmen, meine außerordentlich ausgeprägte Fähigkeit, überaus sensibel auf die Bedürfnisse anderer Menschen, dafür aber nicht auf meine zu achten, der exzessive, über Jahrzehnte betriebene Raubbau an meinem Körper, langjährige Depression gepaart mit Burnout, Mobbing im Beruf sowie eine tragische Häufung von Todesfällen in meiner Familie innerhalb weniger Jahre. Die einzelnen Faktoren in ihrer konzentrierten Form ergaben, wie sich zeigte, eine hochexplosive Mischung, die – so bin ich überzeugt – zur Entstehung des Krebses führte.
Sollte ich mein Leben bis zur Diagnose kurz mit einem Satz kurz charakterisieren, müsste ich sagen: Es war eine Jagd nach Liebe und Anerkennung, koste es, was es wolle. Man sagt über ehrgeizige Menschen, dass sie über Leichen gehen – ich war bereit, über meine eigene zu stolpern.
Ich kam in einem kleinen nordmährischen Dorf mitten im Kalten Krieg auf die Welt. Meine Mutter – zwar eine durch und durch gutmütige, mit ihren Pflichten aber grenzenlos überforderte Frau – musste aufgrund der damaligen gesetzlichen Bestimmungen bald nach meiner Geburt wieder arbeiten gehen. Ich wurde zusammen mit meinem um fünf Jahre älteren Bruder von meiner Großmutter erzogen. Da die Großmutter nach dem frühzeitigen Tod meines Großvaters allein eine kleine Landwirtschaft mit einem riesigen Garten, einem Feld und unzähligen größeren und kleineren Tieren betrieb, hätte sie auch ohne uns Kinder genug zu tun gehabt. So erwartete sie natürlich von meinen Eltern, vor allem von meiner Mutter tatkräftige Unterstützung. Meine Eltern standen täglich um fünf Uhr auf und gingen in die Arbeit – meine Mutter arbeitete als Buchhalterin, mein Vater als Elektrotechniker –; sie kamen um drei oder vier Uhr nachmittags nach Hause, wo nicht nur zwei Kinder und der gar nicht kleine Haushalt, sondern auch die überaus üppige und nach Versorgung rufende Fauna und Flora am Anwesen der Großmutter auf sie warteten, einen Tag nach dem anderen, das ganze Jahr hindurch.
Die Ehe meiner Eltern dauerte mehr als fünfundfünfzig Jahre und galt als vorbildlich, allerdings – wie sogar mein Vater nach dem Tod meiner Mutter freiwillig zugab – vor allem deshalb, weil meine Mutter sich komplett seinen Vorstellungen unterordnete. Sie tat nie oder selten etwas für sich, dafür alles für uns, für ihren Mann, für ihre Mutter. Mit »alles« meine ich vor allem die aufopfernde Befriedigung von Bedürfnissen materieller Art, denn für Liebe und Zuneigung blieb ihr keine Energie mehr. Sie hatte leider keine Geduld und auch keine besonders gute Hand für Kinder. Erst viel später erfuhr ich, dass sie – nicht zuletzt der harten Lebensumstände in der Kohlengrubenregion und der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges wegen – selbst kaum Liebe und Geborgenheit erfahren hatte. Wohl durch die lange Zeit der Entbehrungen bedingt, wurde materieller Besitz (soweit im Kommunismus möglich), Auto, Farbfernseher (schlicht: Sachen und Gegenstände) in meiner Familie mehr geschätzt als Zufriedenheit, Geborgenheit und Liebe. Materiell hat es mir auch nie an etwas gefehlt. Ich lebte mit meiner Familie in einem großen Haus; mein Bruder und ich konnten mehrere Musikinstrumente erlernen, Privatstunden nehmen und studieren, denn sowohl meine Eltern als auch meine Großmutter waren tüchtige und fleißige Menschen. Der Preis für diese Annehmlichkeiten war allerdings hoch. Meine überaus geliebte Oma starb mit siebzig Jahren inmitten ihrer grenzenlosen Latifundien an einem Herzinfarkt; meine Mutter durfte nie erleben, wie sich ein selbstbestimmtes Leben anfühlt.
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