94 Kunden von 95 fanden diese Rezension hilfreich. Und das scheint mir sehr bedenklich zu sein, weil eine vollständige, dauerhafte Genesung ohne grundlegende Veränderung der Lebensweise bei Krebs unwahrscheinlich ist.
Ich denke mir, hier werden zwei wichtige Dinge vertauscht. Denn das Annehmen der eigenen Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten, das vollkommene Akzeptieren der eigenen Person ist zweifelsohne essenziell wichtig für die Genesung. Nur diese bedingungslose Akzeptanz meiner Persönlichkeit ermöglichte mir, zu meinen Fehlern, zu der fatalen Kombination aus übertriebenem Ehrgeiz, Leistungsdruck und über Jahrzehnte betriebenem Raubbau an meiner Gesundheit zu stehen, meine eigene Unwissenheit, ja sogar Dummheit zuzugeben. Und glauben Sie mir, es war keineswegs einfach, mir an einem vorläufigen Höhepunkt meiner akademischen Karriere, die hohe Intelligenz und gesundes Urteilsvermögen voraussetzt, eingestehen zu müssen, dass ich in anderen, viel wichtigeren Lebensbereichen vollkommen versagt habe. Aber erst ab dem Moment des Annehmens konnte ich mir sagen: »Jetzt weiß ich es besser. Es steht in meinen Möglichkeiten, mein Leben künftig so zu ändern, wie es für mich und meine Familie am besten ist. Gott hat mich mit einem Verstand ausgestattet, den ich nun nicht mehr ausschließlich für meinen beruflichen Werdegang, sondern gleichermaßen auch für meine Genesung verwenden werde.«
Ich selbst empfand die Tatsache, dass ich meine Genesung durch die Änderung meines Denkens und meines Lebensstils beschleunigen oder gar herbeiführen könnte, als ausgesprochen befreiend. Denn dadurch hatte ich die Kontrolle über mein Leben wieder, die Hoffnung, dass ich die Krankheit genauso, wie ich sie vorher geradezu heraufbeschworen hatte, für immer in die ewigen Jagdgründe verscheuchen konnte. Das war mir so viel wert, dass Dinge wie die Einführung von regelmäßiger Bewegung und Yoga, veganer Ernährungsweise, tief gehende emotionale Reinigung (die mein bisheriges Denken und Fühlen tatsächlich zur Gänze veränderte) und das endgültige Ablegen meiner negativen Lebenseinstellung lediglich Kleinigkeiten darstellten. Wie gesagt, ich war nach Meinung der Ärzte nach Operation und Chemotherapie tumorfrei, trotzdem fühlte ich mich psychisch wie physisch wie ein Wrack. Ganzheitlich betrachtet bedeutet Gesundheit viel mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Symptomen, daher stellt die Beseitigung des Tumors bloß die Beseitigung des Symptoms, nicht aber der Krankheit dar. Aus dieser Perspektive betrachtet war ich nach den abgeschlossenen schulmedizinischen Behandlungen keineswegs gesund, sondern noch immer krank.
Ich las zahlreiche Berichte darüber, wie Patienten, die passiv blieben und außer den üblichen schulmedizinischen Maßnahmen nichts mehr für die Wiederherstellung ihrer Gesundheit unternahmen, noch Jahre unter den starken Nachwirkungen der Chemotherapie sowie unter Ängsten und Depressionen litten.
Ich war bereit, alles, aber auch alles in meinem Leben zu ändern, falls ich dadurch eine Chance auf vollständige Heilung bekommen sollte. Und mit der Zeit, als ich lernte, besser auf meine Seele und meinen Körper aufzupassen, merkte ich, wie mir all diese Maßnahmen gut taten und wie umgekehrt das Nicht-Befolgen der Signale meines Körpers sich sofort negativ auf mein Wohlbefinden auswirkten. Das vertrieb wiederum meinen inneren Schweinehund, ein mächtiges Untier mit zotteligem Pelz und einem belämmerten Blick – dieser traut sich jetzt gar nicht mehr aus seiner Hundehütte und bewundert insgeheim meine in der Tat eiserne Disziplin.
Die tägliche Disziplin, mit der ich mein neues Leben führe, bedeutet für mich jedoch mittlerweile kaum mehr eine wirkliche Herausforderung, denn, mit Greg Anderson gesprochen, hat Disziplin »nichts mit Sklaverei zu tun«, sondern sehr viel dagegen »mit der Frage, welche Lebensgewohnheiten man sich zu eigen macht.« ( Diagnose Krebs , S. 145). Es ist viel schlauer, sich solche Lebensgewohnheiten anzueignen, die der Krankheit sozusagen den Boden unter den Füßen wegziehen. Denn auch Krebs braucht für sein Gedeihen gute Bedingungen. Ich bin aber nicht mehr bereit, ihm diese Bedingungen zu bieten. Ich mag MICH lieber als den Krebs, warum sollte ich dann aus purer Bequemlichkeit die Krankheit und nicht MICH unterstützen?
Natürlich brauchte auch ich für die Umstellung anfangs starken Willen. Keine Frage, der beste Weg muss nicht der bequemste sein. »Der menschliche Geist kann tatsächlich Krebs heilen, aber das bedeutet nicht, daß es einfach ist«, bringt es Bernie S. Siegel auf den Punkt (S. 139). Auch hier bietet sich ein Vergleich mit den Finanzen und Schulden an. Wenn man Jahre oder jahrzehntelang finanziell über seine Verhältnisse lebte, wird es wiederum über Jahre große Anstrengungen und Geduld kosten, die angehäuften Schulden mit Hilfe eines kundigen Finanzberaters und mit einem genauen Finanzplan wieder abzutragen. Und wenn die Schulden nach Jahren endlich abbezahlt sind, heißt das keineswegs, dass man wieder das aufwendige Leben von früher leben kann. Nein, man steht auf Null und muss sich in Zukunft genau überlegen, wofür man sein Geld ausgeben kann. Genauso ist es mit der Gesundheit. Null auf meinem Gesundheitskonto bedeutet, dass ich keine Schulden mehr habe. Es bedeutet aber nicht, dass ich über Reserven verfüge, die ich nach Belieben benützen oder gar verschwenden kann. Ganz im Gegenteil, ich muss meine Reserven erst anlegen. Das kann mir nur dann gelingen, wenn ich jeden Groschen meiner Energie fünfmal umdrehe. Wochen-, monate-, jahrelang.
Es ist einleuchtend: Wenn man dem eigenen Körper über Jahre oder Jahrzehnte mehr zugemutet hat, als er ertragen kann, ist es mehr als naiv zu erwarten, dass die Genesung so schnell wie nach einem grippalen Infekt eintritt. Es reicht deshalb nicht, die Lebensgewohnheiten für ein paar Wochen oder Monate zu ändern. Drei Wochen ohne Schweinsbraten oder Sachertorte, ähnlich wie ein paar Stunden Wandern oder Laufen, sind zwar besser als gar nichts, sie können langfristig aber nur wenig bewirken. Es sind nicht mehr als ein paar Tropfen auf dem heißen Stein. Mit Bestürzung habe ich erfahren, dass der Brustkrebs eine äußerst hinterlistige Krankheit ist, die sich nicht wirklich besiegen lässt. Es kann noch nach zwölf oder sogar vierundzwanzig Jahren zu einem Rückfall kommen (Ursula Goldmann-Posch, Rita Rosa Martin, Überlebensbuch Brustkrebs, S. 258). Umso wichtiger ist es deshalb im Interesse der eigenen Gesundheit, das eigene Leben für IMMER zu verändern. Ich habe für mich folgenden Vergleich gefunden: Mindestens dreißig Jahre meines Lebens habe ich offenbar exzessiven Raubbau an meiner Gesundheit betrieben. Dann wurde ich lebensbedrohlich krank. Jetzt muss ich wohl wieder dreißig Jahre lang daran arbeiten, alles wieder in Ordnung zu bringen.
Ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt vor den zu erwartenden Einschränkungen zurückschrecken. Wir sind in unseren Lebensgewohnheiten oft so festgefahren, dass uns allein die Vorstellung, auf etwas zu verzichten oder etwas dauerhaft ändern zu müssen, Kopfschmerzen und Magenkrämpfe verursachen. Dieses Buch soll keine Lektüre des erhobenen Fingers sein. Jeder Mensch hat die Wahl: Wie lange und vor allem WIE möchte ich leben? MÖCHTE ich überhaupt leben? Wie wichtig sind mir MEIN LEBEN, MEINE GESUNDHEIT?
Wenn man allerdings fühlt, dass das eigene Leben einen gar nicht mehr interessiert, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Als ich kurz nach der Diagnose spürte, dass mein Lebenswille auf ein vegetatives Minimum geschrumpft war und ich, durch meine Lebensführung vollkommen entkräftet, eigentlich keinen Grund mehr sah zu leben, begriff ich mit den letzten Resten geistiger Klarheit, dass ich dringend psychologische Hilfe brauchte. Nach der Befreiung von den seelischen Lasten, die ich zum Teil jahrzehntelang auf meinen Schultern getragen hatte und die mich zu erdrücken drohten, war es keine Frage mehr, ob ich leben wollte. Natürlich wollte ich leben, und wie!
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