Die beiden Ermittler nickten ergeben. Sie waren schon bei der Verabschiedung, als Gil noch eine Frage einfiel: „Wenn wir mit den beiden Zeitungen Kontakt aufnehmen, werden die Journalisten sicher erfahren wollen, ob das mit dem Diebstahl stimmt und was die Polizei bisher unternommen hat. Was können wir dann sagen?“
Ernesto Ribao legte die Stirn in Falten. „Das ist ein heikler Punkt. Wir können das Thema nicht mehr unter der Decke halten. Der Weltfußballverband muss eine Pressekonferenz machen. Vielleicht können Sie den Journalisten sagen, dass Sie bisher nichts gehört haben, aber den Hinweisen aus der Presse nachgehen. Stellen Sie sich einfach dumm. Das wird Ihnen doch nicht schwer fallen.“ Mit einem Wink waren sie entlassen.
Im Treppenhaus sagte Mineiro: „Wegen dieses blöden Pokals soll der Mord an einem Journalisten zurückstehen. Das passt mir nicht in den Kram.“
„Was schlägst du vor?“
„Die brasilianische Methode: Offiziell werden wir die Anweisung des Chefs befolgen. Doch wir kümmern uns weiter um beide Fälle parallel. Möglicherweise haben sie etwas miteinander zu tun.“
„Siehst du dafür einen Anhaltspunkt?“
„Nee, aber ich habe so ein Gefühl.“
„Apropos Männer und Gefühle. Wie war der Abend beim Libanesen?“
Mineiro zögerte. „Das Essen war hervorragend. Ganz nach meinem Geschmack. Doch ich saß bei so einem Langweiler von der Stadtverwaltung. Mit dem Typen konnte ich nicht einmal über Fußball sprechen. Der Abend war zäh und ich ziemlich müde.“
Bevor Gabriella Gil etwas von dem Treffen mit Leon erzählen konnte, begegnete ihnen Santos mit einem Becher Kaffee. „Können wir mal ein bisschen frische Luft schnappen?“
„Gute Idee“, meinte der Capitão und hielt den beiden seine Schachtel mit den Zigaretten hin.
Gil musste sich konzentrieren, um der Versuchung zu widerstehen. Sie ging in ihr Büro und schaute im Computer nach den Adressen der Zeitungen, die über das Verschwinden des Pokals berichtet hatten. Sie schaute auf ihr Smartphone. Leider war noch keine Nachricht von Leon eingegangen.
Um 10 Uhr fand eine Besprechung mit den Mitarbeitern statt. Mineiro informierte über den Stand der Ermittlung und Gil berichtete von der Befragung der Witwe de Limas.
Lara Komirowski schob eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und meinte: „Ich habe am Freitag endlich die Nummer von Madame Bernoulli erhalten, ihr wisst die Frau des Fußball-Funktionärs, aus dessen Suite der Pokal gestohlen wurde. Ein Kollege aus Brüssel hat mir auf dem kleinen Dienstweg die Nummer des Mobiltelefons dieser Dame beschafft.“
Santos schnalzte anerkennend mit der Zunge.
„Heute habe ich die Frau endlich erreicht. Sie ist auf jeden Fall schlecht auf ihren Ehemann zu sprechen. Sie erzählte, dass er sie jahrelang mit irgendwelchen Weibern betrogen habe. Sie scheint mit den beiden Kindern aus dem Haus ausgezogen zu sein und wohnt bei ihren Eltern. Sie überlegt, die Scheidung einzureichen.“
„Könnte Rache einer betrogenen Ehefrau ein Motiv für den Diebstahl sein“, warf Mineiro ein.
„Möglich wäre es schon“, meinte Komirowski vorsichtig. „Wie sollte sie jedoch hierher nach Brasilien kommen? Oder könnte sie jemanden beauftragt haben?“
„Das klingt eher unwahrscheinlich. Aber es bestätigt unsere Infos aus dem Hotel, dass Bernoulli ein ganz schöner Hengst ist. Wir müssen unbedingt herausfinden, wer diese rothaarige Frau ist.“
Die Blicke richteten sich auf den Capitão. Mineiro schwieg und man sah, wie er seine Gedanken sammelte. „Wir müssen auf jeden Fall den Hinweisen in den Medien nachgehen. Ich bitte dich, Gabriella setze dich mit dem Staatsanwalt in Verbindung, damit wir die Schreiben bei den Zeitungen und bei den Fernsehkanälen bekommen. Santos soll sich mal bei seinen Kontaktleuten bei der Polizei und außerhalb umhören. Jemand muss doch den Diebstahl bemerkt haben. Ich werde mit Komirowski nochmals ins Hotel gehen und diesen Bernoulli ins Gebet nehmen. Sanft aber bestimmt. Bald beginnt die Weltmeisterschaft. Es wäre eine Schande, wenn wir den Pokal bis dahin nicht gefunden hätten.“
Kapitel 15
Montag, 9. Juni, vormittags, deutsches Quartier
Forte lief den Weg von seinem Appartement zu dem Frühstücksraum. Er knöpfte sein Hemd zu. Es war kurz nach 10 Uhr. Er hatte verschlafen. Das passierte ihm sonst nie. Bevor er den großen Frühstücksraum betrat, zog er schnell den Reißverschluss seiner Jeans hoch. Nur noch wenige Personen saßen an den Tischen. Er nickte einem Funktionär zu und ging ans Buffet. Trotz des späten Zeitpunkts war die Auswahl paradiesisch. Er schnappte sich eine kleine Schale und schaufelte einige Löffel Müsli hinein. Darüber streute er ein paar Trockenfrüchte und goss Milch dazu. Forte hatte keine Lust auf Gespräche und setzte sich an einen leeren Tisch mit Blick auf die Terrasse. Eine junge Kellnerin brachte ihm einen Espresso und ein Glas Wasser.
Es war gestern spät geworden, weil er mit Samuel über Skype in Kontakt stand. Sabine hatte ihm eine E-Mail geschrieben, dass ihr Sohn ganz ungern zur Schule ging. Als er mit ihm um 6:45 mitteleuropäischer Zeit sprach, war es in Brasilien 1:50 Uhr. Er erzählte Samuel, dass gestern Abend die Spieler der Nationalmannschaft in der Ferienanlage eingetrudelt waren. Sein Sohn wollte wissen, ob Klose und Schweinsteiger in Form waren. Was sein eigenes Gefühlsleben anging, blieb er jedoch verschlossen. Er musste an den Umschlag denken und die rätselhafte Botschaft des Journalisten. Gestern Abend hatte er ganz lange über den Zahlen gegrübelt, war jedoch zu keinem Ergebnis gekommen.
„Ach der Kollege ist auch schon wach.“
Forte glaubte eine gewisse Häme in den Worten Michael Brauns zu hören. Der Monsignore stand neben ihm und wirkte sehr aufgeräumt. In seiner Hand hielt er eine Tasse.
„Ich habe nach dem Frühstück einen kleinen Spaziergang am Atlantik unternommen und genieße nun diesen leckeren Kaffee.“ Braun schaute ihn an. „Sie sehen etwas mitgenommen aus. Sie werden doch nicht etwa Heimweh haben?“
Forte fiel keine schlagfertige Antwort ein. „Wie war die Messe mit dem Bischof?“
Braun strahlte: „Es war eine sehr feierliche Messe. Auch der Kaiser nahm daran teil und hat mich später dem Bischof vorgestellt. Als Übersetzer war ich ein gefragter Mann.“
Der Monsignore setzte sich ungefragt an seinen Tisch und schaute Forte aufmerksam an: „Ich muss heute noch zu einem Gespräch mit dem Sekretär des Bischofs. Wir müssen die Vorbereitung für den ökumenischen Gottesdienst am Mittwoch auf heute Nachmittag verschieben. Das ist doch kein Problem?“
Forte schüttelte den Kopf. „Kein Problem. Wie sollen wir die Aufgaben verteilen. Kümmern Sie sich um die Liturgie und ich mich um die Predigt?“
„Einverstanden. Dann sehen wir uns heute Nachmittag um 15 Uhr auf der Terrasse.“ Er räusperte sich. „Eine Frage hätte ich schon noch.“
„Ja?“
„Sie haben so einen seltsamen Namen. Und sie wirken auch nicht unbedingt wie ein Deutscher. Ich meine natürlich nur rein äußerlich, mit ihren schwarzen lockigen Haaren. Eher wie ein Spanier.“
„Fast!“ Forte grinste. „Mein Vater ist Kalabrese, meine Mutter kommt aus der Pfalz. Deshalb sehe ich nicht so typisch Deutsch aus. Aber da bin ich in der Nationalmannschaft ja in guter Gesellschaft.“
„So ist das also.“ Braun erhob sich. Seine Neugierde war für das Erste gestillt.
Forte ließ sich ein Glas Orangensaft und einen weiteren Espresso bringen. Vom Buffet holte er ein Croissant und eine Birne. Inzwischen war er der einzige Frühstücksgast. Er schlang das Croissant hinunter und nahm die Birne mit in sein Ferienappartement.
In der kleinen Wohnung griff er nach seiner Bibel und blätterte durch das Neue Testament. Er brauchte einen passenden Text für die Predigt beim ökumenischen Gottesdienst am Mittwoch. Zunächst dachte er an Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Ihm fiel „Teamspirit“ ein oder der berühmte „Geist von Spiez“, damals in den fünfziger Jahren, als Deutschland Weltmeister wurde. In der Mannschaft spielten fünf Spieler des 1. FC Kaiserslautern.
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