„Wohnten sie noch zusammen?“
Die Frau schüttelte energisch ihren Kopf. „Das wäre nicht gegangen. Max hat mir sogar gedroht. Er musste ausziehen und ein neues Leben beginnen. Erstaunlicherweise ist ihm das irgendwann ganz gut gelungen. Max hat die Kurve gekriegt. Meine Söhne sagen, er hat mit der Sauferei vollkommen aufgehört.“
„Hatten Sie noch Kontakt mit ihm?“
„Nein, das ging nicht. Wir haben es auch nach der Trennung nochmal versucht. Auch wegen unserer erwachsenen Kinder. Seit ungefähr sechs Monaten haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Wir waren 27 Jahre verheiratet, eine lange Zeit. Die Scheidung habe ich eingereicht, doch er hatte noch nicht eingewilligt. Vielleicht hatte er noch Hoffnung.“ Sie strich sich die Haare hinter den Kopf. „Manchmal habe ich von den Kindern etwas von ihm gehört.“
„Leben Ihre Kinder bei Ihnen?“
Vargas de Lima lächelte: „Nur der Jüngste. Ernesto studiert Medizin im 2. Semester und lebt noch hier bei mir. Die beiden übrigen haben ein eigenes Leben. Der Älteste hat mit dem Vater gebrochen. Michele, der Mittlere, stand noch in Kontakt mit ihm, besonders seitdem er mit seiner Frau ein Kind hat. Auch Ernesto traf sich hin und wieder mit seinem Vater.“ Sie atmete tief durch: „Die Nachricht von seinem Tod wird ihn treffen. Er war so froh, dass es Max wieder besser ging.“
„Wie kam es dazu, dass es ihm wieder besser ging?“
„Da müssen Sie meine beiden Söhne fragen. Einzelheiten kenne ich nicht. Ernesto hat nur einmal erzählt, dass er jetzt bei so einer Sekte wäre und regelmäßig in die Kirche ging.“ Sie zündete sich wieder eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Dann eilte sie zur Terrassentür und rauchte dort weiter. „Max und die Kirche! Das war früher undenkbar. Er ging nur an Weihnachten in die Messe oder bei der Kommunion unserer Söhne. Religion war seiner Meinung nach etwas für Kinder. Diese Christen scheinen ihm Halt gegeben zu haben. Er hörte mit dem Trinken auf. Und er fand Arbeit bei dem Sender ‚Nova Vida‘.“
„Wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“
Ihr Gegenüber zögerte. „Das weiß ich nicht. Wir haben uns bestimmt seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Das letzte Mal waren unsere Anwälte dabei. Es galt, das mit dem Unterhalt zu regeln.“
„Können Sie mir die Telefonnummer von Michele und Ernesto geben?“
Vargas da Lima klemmte die Zigarette in ihren Mundwinkel, ging zum Wohnzimmerschrank und schrieb zwei Mobilnummern auf einen gelben Haftzettel.
Gil steckte den Zettel in ihren Rucksack. Sie dachte nach und fragte: „Wissen Sie etwas von seinen aktuellen Projekten? Haben Sie gehört, in welchen Bereich er gerade recherchiert hat?“
Die braune Frau dachte einen Augenblick nach. Gil hatte das Gefühl, dass ihr ein Gedanke kam. Dann klingelte die Türglocke. „Keine Ahnung. Fragen Sie meinen Sohn. Dio mio, jetzt habe ich meinen Gast ganz vergessen! Und ich bin noch gar nicht ganz fertig.“ Hastig drückte sie die Zigarette aus und trug die beiden Gläser zur Spülmaschine. „Bitte, Sie müssen jetzt gehen. Ich erwarte einen wichtigen Besuch.“
Gil drückte auf die Stopptaste des Aufnahmegerätes, packte es in ihre Tasche und verabschiedete sich. An der Tür begegnete sie einem älteren Mann mit graumelierten Haaren und maßgeschneidertem Anzug. Der Sechzigjährige kam ihr irgendwie bekannt vor. Er küsste Luisa Vargas de Lima auf den Mund. Sie strahlte wie ein verliebtes Mädchen. Nach all den Jahren war ihr dies zu gönnen. Aber einer neuen Verbindung stand möglicherweise Max de Lima im Weg. Dieser Spur musste sie nachgehen. Aus Liebe war schon mancher Mord geschehen.
Nachdenklich lief sie den Weg zur Metrostation. Wenn sie eine gute Verbindung bekam, konnte sie mit dem öffentlichen Nahverkehr in siebzig Minuten zu Hause sein. Es war Samstagabend, morgen konnte sie ausschlafen. Sie überlegte, was sie an diesem Abend noch unternehmen könnte. Auf keinen Fall wollte sie mit ihrer Mutter reden. Das zog sie nur runter. Gestern hatte ihr ein alter Freund eine E-Mail geschrieben. Vor vielen Jahren hatte sie mit ihm Judo trainiert. Vielleicht hatte Leon Zeit, um mit ihr auszugehen. Sie war schon lange nicht mehr im Kino gewesen. Oder Tanzen? Dieser Gedanke hellte ihre Stimmung sofort aus. Nachher im Bus musste sie sehen, ob sie seine Mobilnummer gespeichert hatte. Unvermittelt kam ihr der graumelierte Mann in den Sinn. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Vargas de Lima ihn nicht vorgestellt hatte. Aber sein Gesicht hatte sie schon irgendwo gesehen.
Kapitel 13
Pfingstsonntag, 8. Juni, später Nachmittag, deutsches Quartier
Pfingsten war der Familientag im deutschen Quartier. Das Trainingslager in Mexiko war beendet und die Spieler konnten zwei freie Tage mit Ehefrauen, Freundinnen oder Angehörigen verbringen. Die meisten nutzten die beiden Tage, um die Altstadt von Olinda zu besichtigen. Einige reisten zu den weltberühmten Wasserfällen von Iguaçu im Grenzgebiet zu Argentinien. Wenige Funktionäre und Betreuer blieben in der Ferienanlage zurück. Monsignore Michael Braun nahm mit anderen Offiziellen an der Heiligen Messe in der Basilika von Salvador teil.
Cacau machte Forte den Vorschlag, einen evangelischen Pfingstgottesdienst zu besuchen. Zu seiner Überraschung schloss sich ihnen Thorsten Grasse, der Busfahrer der Nationalmannschaft, an. Mit dem Leihwagen des Hotels chauffierte Cacau die beiden Männer in die Innenstadt von Porto Seguro. Schon von weitem sahen sie das lila Leuchtkreuz der „Assembléia de Deus“.
„Die Assembléia de Deus gibt es in ganz Brasilien. Sie hat im Ganzen mehr als 8 Millionen Mitglieder. Hier ist die Gemeinde nicht so groß“, erzählte Cacau. „Ohne diese Pfingstgemeinde hätte ich den Weg zu Jesus nicht gefunden. Dann würde ich heute in einer Baracke wohnen oder im Gefängnis sitzen. Die Gemeinde hier kenne ich nicht.“
Das Kirchengebäude unterschied sich äußerlich nicht von einer Fabrikhalle. Im Foyer hörten sie laute Musik. Ein Mann begrüßte den Fußballer mit einer Umarmung. Im Gottesdienstraum standen viele Menschen und streckten die Arme nach oben. Auf der Bühne spielte eine Band laute lateinamerikanische Rhythmen. In der Halle herrschte eine ausgelassene Stimmung. Die drei Männer suchten sich im hinteren Bereich einen Platz auf einem weißen Plastikstuhl. Cacau stand auf und sang viele Lieder mit. Als die Musik endete, gingen vier Menschen auf die Bühne, um von ihren Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Forte wusste, dass man das „Zeugnis ablegen“ nannte. Cacau übersetzte leise einige fromme Statements.
Nun betrat der Pastor die Bühne. Er stellte sich als Bruno vor und gewann die Herzen der Leute durch eine humorvolle Bemerkung. Der Pastor trug ein weißes Hemd über seiner blauen Hose. Er sprach über das Geschenk des Geistes. Seine Rede wurde immer wieder von Applaus unterbrochen. Der zierliche Mann besaß die Gabe, Menschen in seinen Bann zu ziehen.
Cacau flüsterte Forte ins Ohr: „Er hat früher Fußball gespielt. Dann hat er ein schlechtes Leben geführt bis er zu Jesus gefunden hat. Nun ist er ein neuer Mensch.“
Am Ende der Predigt erinnerte Bruno seine Gemeinde an den Zehnten. Mit pathetischer Stimme beschwor er die Menschen 10 Prozent des Verdienstes an Gott zu geben. Wer den Zehnten nicht bezahle, riskierte Gottes Segen zu verlieren. Als einige Mitarbeiter mit dem Klingelbeutel herumliefen, sah Forte, dass sie gut mit brasilianischen Banknoten gefüllt waren.
Zwei Stunden später diskutierten die drei Männer nach dem Mittagessen bei einem Glas chilenischem Cabernet Sauvignon über ihre Eindrücke.
Grasse meinte. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Als Konfirmand dauerten mir die Gottesdienste bei uns in Eberstadt immer zu lang. Der Pfarrer war aber ein cooler Typ. Mit dem konnte man sogar zur Eintracht ins Stadion gehen.“
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