„Wir müssen herausfinden, an was er dran war.“ Gil rutschte auf dem Stuhl hin und her.
„So sehen wir das auch. Seine Arbeitssituation war nicht so einfach. Denn de Lima hatte seinen Job bei‘ O Globo‘ verloren. Er war einige Zeit weg vom Fenster und hat sich nun wieder rangeschafft. Vor einem halben Jahr fing er bei einem kleineren Fernsehsender an.“
„Und wie sieht es mit Familie und Freunden aus“, hakte Mineiro nach.
„Da könntet ihr uns gut unterstützen. Er lebte von seiner Frau getrennt. Sie wohnt in São Paulo. Führt ihr das Gespräch mit der Witwe?“
Es klopfte. Eine junge Polizeibeamtin kam herein und trug ein Tablett mit drei Espressi. Sie stellte die Tassen auf den Tisch und berührte dabei mit ihrer Hand den Arm Coelhos. Der Kommissar bedankte sich bei der Polizistin und tätschelte ihren Arm. Gil hatte plötzlich das Gefühl, dass der Kommissar nicht nur wegen des Falles noch im Präsidium war.
Ihr Gastgeber holte die Akte von seinem Schreibtisch und gab ihnen ein Blatt Papier. „Hier ist die Adresse der Witwe von Max de Lima und die Adresse eines seiner erwachsenen Kinder.“
„Und was bedeutet ‚Nova Vida‘“, fragte Gil.
„Das ist der Fernsehsender, bei dem de Lima in den letzten Monaten gearbeitet hat. Die Zentrale befindet sich in São Paulo. Vielleicht wissen die, mit was er sich beruflich beschäftigt hat. Möglicherweise finden wir so eine Spur.“
Der Capitão nickte: „Gut! Ihr kümmert euch um Zeugenaussagen in Curitiba und versucht herauszufinden, was er hier wollte. Die Tage in Curitiba müssen lückenlos rekonstruiert werden. Wir befragen seine Familie und die Arbeitskollegen. Am Mittwochmorgen telefonieren wir zusammen. Kannst du uns die Dinge aus der Akte kopieren, die wir noch nicht haben? Können wir hier in der Nähe etwas essen?“
„Gleich gegenüber gibt es ein gutes Lokal, das einen köstlichen Feijoada am Buffet hat. Am besten, ihr geht gleich hin. Ich lasse euch die Kopien dorthin bringen.“
Die beiden Ermittler standen auf und gingen zur Tür. Plötzlich meinte Coelho: „Ach eine Sache wäre da noch. Sollen wir mit dem Tod an die Presse gehen?“
Mineiro rieb seinen Bart: „In Brasilien können wir so eine Sache nicht lange geheim halten. Morgen könnt ihr an die Presse gehen. Aber lass uns heute noch Zeit, Kontakt mit seinen Angehörigen aufzunehmen. Die müssen es nicht aus dem Fernsehen erfahren.“
Als sie eine Stunde später im Polizeifahrzeug saßen, dachte Gil daran, dass in sechs Tagen die Fußballweltmeisterschaft begann. Hatte der Tod des Journalisten etwas mit dem Diebstahl des Pokals zu tun?
Kapitel 12
Samstag, 7. Juni 2014, abends, Avenida Ipiranga
Das Edifiçio Coban war drei Kilometer vom Büro der Polícia Civil in der Rua Brigadeiro Tobias entfernt. Gil ließ sich von einem Agente in einem Fiat an die Avenida Ipiranga 200 fahren. Der bekannte Architekt Oskar Niemeyer hatte das Edifiçio Coban in den 50er Jahren entworfen. Die 1163 Wohnungen des weltweit größten Hochhauses waren in den sechziger Jahren der letzte Schrei. In den achtziger und neunziger Jahren gab es den Niedergang. Doch seit 10 Jahren zogen wieder Leute in das Coban. Dort zu wohnen, war wieder in.
Gil kannte das Coban, weil eine Großcousine ihrer Mutter mit ihrer Familie dort lebte. Sie erinnerte sich an langweilige Verwandtenbesuche mit nervigen eingebildeten Cousinen. Die Frau, die sie suchten, lebte in dem Bereich, in dem die wohlhabenderen Familien wohnten. Sie klingelte und nannte an der Sprechanlage ihren Namen und ihre Funktion bei der Polizei. Sie musste ihren Polizeiausweis durch einen kleinen Spalt unterhalb einer dunklen Panzerglasscheibe durchschieben. Der private Sicherheitsdienst prüfte sorgfältig. Erst nach ein paar Minuten sprang die Schleuse mit einem Summen auf, und sie konnte das Coban betreten. Die Frau von Max de Lima lebte im 19. Stock.
Paulo Mineiro hatte sie nach Hause geschickt. Wenn er sich mit dem Umziehen beeilte, konnte er noch rechtzeitig zum Hauptgang in dem libanesischen Restaurant sein.
Die Kommissarin drückte auf die Klingel. Eine weibliche Stimme fragte. „Was wollen Sie?“
Sie hielt ihren Polizeiausweis vor das Kameraauge. „Mein Name ist Gabriella Gil. Ich bin Kommissarin bei der Polícia Civil und möchte mit Ihnen sprechen. Darf ich reinkommen?“
Die Tür summte. Kurz darauf stand sie einer zierlichen Frau mit lockigen Haaren gegenüber. Ihr Lächeln und das helle Leinenkleid machten sie jünger als sie vermutlich war. „Worum geht es?“
„Können wir uns zu dem Gespräch einen Augenblick setzten?“
Die Frau nickte und lief barfuß den Flur entlang. Sie deutete auf ein Sofa und nahm selbst auf einem gepolsterten Hocker Platz. Von dem Panoramafenster hatte man einen grandiosen Blick auf die Lichter der Stadt.
„Also, was wollen Sie von mir?“ In ihrer Stimme lag Ungeduld.
Gil nahm Platz. „Leider ist es eine ernste Angelegenheit. Sie sind Luiza Vargas de Lima?“
Die Frau nickte. „Bitte sprechen Sie! Ich erwarte noch Gäste.“
Jetzt bemerkte Gil, dass im Esszimmer ein Tisch gedeckt war. Sie räusperte sich. „Ich habe leider eine traurige Nachricht. Max de Lima, Ihr Ehemann, ist tot.“
Vargas de Lima reagierte anders, als Gil gedacht hätte. „Er ist nicht mehr mein Ehemann. Wir leben seit Jahren nicht zusammen.“ Sie stand auf und holte aus der Küche eine Packung Zigaretten. Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. „Entschuldigen Sie bitte. Vielleicht denken Sie, ich habe kein Gefühl. Ich bin natürlich traurig, dass mein Ehemann tot ist. Doch ehrlich gesagt, es berührt mich nicht, nicht besonders. Er war schon lange tot für mich. Verstehen Sie das?“
Gil schüttelte langsam den Kopf. Gerne hätte sie auch eine Zigarette geraucht. Sie versuchte sich zu konzentrieren und sagte: „Können Sie es mir bitte erklären?“
Die Frau holte sich einen Aschenbecher, nahm hastig einige Züge. Dann drückte sie die Zigarette wieder aus und öffnete die Tür zum Balkon. „Die letzten Jahre mit Max waren schwierig, extrem schwierig. Die Öffentlichkeit kennt ja nur den erfolgreichen Sportjournalisten und rasenden Reporter. Seit wir verheiratet sind, war er viel unterwegs. Am Anfang fand ich das interessant, aber mit den Kindern war es ein unmöglicher Zustand. Er hat Karriere gemacht, und ich blieb zuhause. Der Kinder wegen.“
Die Frau lief einige Schritte Richtung Küche. Dann fragte sie: „Wollen Sie etwas trinken? Ich hole mir einen Martini.“
Gabriella Gil hätte lieber eine Zigarette genommen. Aber sie sagte nur: “Für mich bitte ein Glas Wasser!“
Die Frau machte sich in der Küche zu schaffen, dann kehrte sie mit zwei Gläsern zurück.
Gil nahm einen Schluck Wasser und versuchte sich zu konzentrieren. „Leider muss ich Sie als Zeugin zu dem Tod befragen. Es gibt Hinweise, dass er ermordet wurde. Ich habe ein kleines Aufnahmegerät mitgebracht. Kann ich unser Gespräch aufzeichnen?“
Ihr Gegenüber nickte. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen helfen kann. Wir hatten die letzten Jahre kaum noch Kontakt.
„Gespräch mit Luiza Vargas da Lima am 7. Juni 2014 in ihrer Wohnung“, sprach die Kommissarin ins Aufnahmegerät. „Sie haben gerade erzählt, dass Sie mit Ihrem Mann kaum mehr Kontakt hatten.“
Die Witwe trank den Martini aus und sagte: „Vor etwa dreieinhalb Jahren hatte Max großen Stress. Ja, auch mit mir. Nach einem Streit lebte ich einen Monat bei meinen Eltern. Noch mehr Stress gab es beim Fernsehen. Sie wollten, dass er noch mehr macht. Mit den Quoten waren sie nicht zufrieden. Es gab einen neuen Chef, mit dem Max nicht mehr klar kam. Das Übliche eben. Dann fand man Unregelmäßigkeiten bei der Spesenabrechnung. Um es kurz zu machen: Max begann zu trinken. Am Anfang habe ich nichts gemerkt. Irgendwann fiel mir auf, dass er schon morgens einen gewissen Pegel brauchte, um in die Gänge zu kommen. Ich machte ihn darauf aufmerksam. Er stritt es ab. Wir zankten uns. Es war schrecklich! Waren Sie schon einmal mit einem Alkoholiker zusammen?“ Vargas de Lima wischte mit einem Papiertaschentuch Tränen aus ihrem schönen Gesicht. Trotz ihrer 52 Jahre hatte sie sich etwas Mädchenhaftes bewahrt. „Die Sache ging über Monate. Getrennte Schlafzimmer. Irgendwann ist er für mich gestorben. Er wurde gefeuert. Ich habe mich von ihm getrennt. Für ihn brach natürlich eine Welt zusammen. Das war vor etwas mehr als zwei Jahren.“
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