Jakob sah sie ungläubig an.
»Liebesbriefe wären natürlich besser. Um die angefangene Vorstellung fortzusetzen, ich bin Grete und wohne bei Hanna.«
»Als Ersatzmutter, die um vier Uhr früh nach Hause kommt und fast den Liebhaber ihrer Ziehtochter über den Haufen rennt?«
»Unerhört, nicht wahr? Ich war so dynamisch, weil ich mit meinem süßen Dealer die Bullerei übers Ohr gehauen habe. So was erlebt man in meinem Alter nicht alle Tage.« Ihre Augen funkelten. »Du solltest Dich mal sehen, richtig die Kinnlade ist Dir runtergefallen.« Sie kicherte wie ein Backfisch.
»Immerhin bin ich bei der Kripo.«
»Die Details heben wir uns für unsere erste Pfeife auf.« Die Alte stützte die Ellbogen auf, legte den Kopf in die Hände und sah ihn an. »Wolltest Du was Bestimmtes von Hanna, oder nur mal so allgemein wieder in die Glut pusten?«
»Nützt das denn noch was?«
»Du scheinst wenig von Deiner Wirkung auf Frauen zu wissen. Aber das wird Dich einiges an Luft kosten, immerhin hast Du drei Monate nichts von Dir hören lassen.«
»Ja, tut mir leid, Entschuldigung.«
Grete verdrehte die Augen.
»Ich hatte sie vergessen.«
»Das verschweig’ lieber. Unentschuldbar.«
»Immerhin habe ich auch fast alles andere vergessen seitdem.«
Grete deutete auf den Tagesspiegel , Jakob nickte. »Außerdem sehe ich Sternschnuppen aus Mündern fallen, erkenne meinen Duschkopf nicht wieder und denke, daß im Toast die Moleküle tanzen.«
»Das tun sie. Die Ruhe der Dinge ist eine Illusion. Hast Du in der Schule nicht aufgepaßt?«
»Vorwiegend bei den Geisteswissenschaften."
»So siehst Du aus, Kommissar, mit Deinen verträumten Erinnerungslücken und Deinem gründelnden Blick.« Sie nahm schlurfend einen Schluck Kaffee. »Aber bist Du sicher, daß Du nicht ein bißchen viel gekifft hast? Klingt irgendwie nach Bewußtseinserweiterung.«
Jakob überlegte. »Bisher dachte ich, ich hätte etwas verloren.«
»Was denn zum Beispiel?«
»Den Zugriff auf die Welt. Alles ist verschoben, fremd. Entweder die Welt ist verrutscht oder ich bin es. Entfernungen stimmen nicht mehr, alles ist weiter weg oder dichter dran als ich glaube. Für Bewegungen brauche ich mehr Aufmerksamkeit, um sie auszuführen.«
»Klingt nach dem Alter, was Du da erzählst.«
»Wirklich? Das ist aber mühsam.«
»Kann man so sagen. Und keine Aussicht auf Besserung.«
»Die Gerüche, Farben und Geräusche sind auch anders?«
»Du hörst wie durch einen Tunnel, siehst durch einen Schleier, riechst wie bei Schnupfen.«
»Also keine Bewußtseinserweiterung?«
Grete lachte.
»Dann ist es bei mir doch anders. Ich nehme Dinge wahr, die gar nicht da sind.« Jakobs Blick versank. »Glaubst Du an Geister?«
Grete pfiff durch die Zähne. »Das hat nichts mit Glauben zu tun. Mancher spürt sie. Es entscheidet sich, wenn Du jemanden verloren hast. Für die meisten ist er dann weg, für einige bleibt er.«
»Sieht Dir über die Schulter, lächelt Dich an.«
»Geht Dir auf die Nerven, stellt sich in den Weg.« Sie lachten.
»Hattest Du mal mit Epilepsie zu tun?«, fragte Jakob leise.
»Sicher«, antwortete Grete. »Laß mich überlegen. Vorm Krieg ein Mädchen im Haus, das wurde abgeholt und getötet. Die saubere, arische Rasse steht aufrecht, Du weißt schon. Dann hatte ich eine Schülerin, das muß in den Siebzigern gewesen sein. Hat kaum noch dem Unterricht folgen können, so dune war sie durch die Medikamente. Wir haben sie durch die Mittlere Reife gezogen, dann aus den Augen verloren, wie das so ist.« Sie seufzte und versank in den Siebzigern.
»Weißt Du was über Halluzinationen bei denen?«
»In den Siebzigern fühlte man sich eher von der Realität belästigt und war froh, ab und an ein paar Geistern zu begegnen. Und in den Dreißigern, Vierzigern fand man es noch viel selbstverständlicher, mit anderen Welten zu leben. Es ist die Gegenwart, die alles schön in Reih und Glied haben will. Komische Zeit. Hast Du etwa Epilepsie?«
»Vielleicht.«
»Was heißt das, das kann man doch feststellen, oder nicht?«
Jakob zuckte mit den Schultern.
»Du traust Dich nicht, Kommissar? Macht nix, warte einfach ab. Oder macht es Dir Angst? Die Geister vielleicht?«
Jakob schüttelte den Kopf. »Es ist, wie Du sagst, als meine Mutter starb, blieb sie.«
»Und hat sie Gesellschaft bekommen?«
»Das liegt an meinem Beruf. So viele Tote.«
»Und die besuchen Dich?«
»Sie wollen, daß ich mich um ihre Tode kümmere. Wenn der Täter mir sagt, wie genau es war, als sie starben, dann gehen sie.«
»Schöner Beruf. Es ist, als ob Du den Raum schaffst, daß die Geschichte zuende erzählt wird.«
Jakob lächelte. »Das stimmt. Du bist die Erste, die das versteht.«
»Das ist kein Kunststück. Ich bin eine alte Frau und wenn ich jetzt immer noch nicht wüßte, worauf es ankommt, wann dann?«
»Hast Du viele Tote um Dich?«
»Eine niedliche Frage. Ich bin zu alt, mich mit Scharen von Lebenden zu umgeben. Die meisten Plätze in meiner Nähe sind besetzt. Außerdem habe ich als Kind schon so viele Tote gesehen.« Sie schwieg lange. »Deren Geschichten erzählt niemand zuende.«
»Aber es waren keine gewaltsamen Tode? Kein Aufeinandertreffen zweier Menschen, von denen nur einer weiterlebt?«
»Der Tod ist immer gewaltsam, junger Mann. Außerdem gibt es im Krieg keine natürlichen Tode, lebenssatt, wie es in der Bibel heißt. Lebensmüde höchstens, und ansonsten gewaltsam. Aber laß uns über anderes reden, meinen alten Geistern bin ich heute nicht gewachsen.«
»Tut mir leid, das wollte ich nicht.« Jakob legte seine Hand auf ihren Unterarm.
»Dafür kannst Du nichts, also entschuldige Dich nicht schon wieder. Und nimm Deine Augen von meiner Seele.« Sie zog sich frei. »Erzähl’ lieber von Dir, arbeitest Du wieder?«
»Mein Chef hat mir einen Fall gegeben.« Jakob zögerte. »Es könnte eine Falle sein. Er kann mich nicht ausstehen.«
»Na und? Ein Feind fordert Dich zum Duell auf. Du weißt, daß falsch gespielt wird, also warum nimmst Du den Kampf nicht an?«
Jakob starrte sie an.
»Was hast Du zu verlieren? Zu viel für die Waagschale?«
Jakob schwieg. Meine Arbeit, mein Leben, nicht viel.
Grete brachte die Kaffeetassen scheppernd zur Spüle, nahm aus dem Schrank zwei Schnapsgläser, aus dem Kühlschrank eine Flasche Eierlikör und kehrte zum Tisch zurück. Sie schüttelte die Flasche mit beiden Armen, daß ihr alter Körper bebte, schenkte ihnen ein, leerte ihr Glas mit nach hinten gebogenem Kopf und schleckte die Reste aus dem Glas von ihrem kleinen Finger.
»Weißt Du, was mich bei Deiner Generation nervt? Ihr lebt, als müßtet Ihr Euch schonen. Was immer Ihr tut, Ihr könntet es auch lassen, welchen Weg Ihr einschlagt, es könnte auch die Gegenrichtung besser sein. Sicher kann einen das kirre machen, aber wenn Ihr ewig überlegt, ist Euer Leben vorbei.« Sie bot Jakob an, aber der hatte sein Glas nicht angerührt. Stattdessen goß sie sich selbst ein. »Ihr seid wie Schachspieler, die alle Züge glauben überdenken zu müssen und deshalb nicht vorankommen. Hört Ihr die Uhr nicht ticken?« Sie kippte den Eierlikör in den Rachen, gefolgt von schmatzenden Aufräumarbeiten mit dem Finger. »Was ist, Jakob, wenn Du so alt bist wie ich und hast immer nur acht gegeben? Du wirst trotzdem schrumpelig werden und wie durch einen Tunnel hören.« Sie griff nach seinem Glas. »Daß Du ein besonderer Mensch bist, zeigen Deine Geisterbesucher. Das ist eine Ehre, aber ich sehe schon, das weißt Du. Werde dieser Gabe gerecht, greif’ mit beiden Händen ins Leben, riskiere alles, ruiniere Dich. Wirst sehen, fühlt sich gut an.«
» Ist Unentschiedenheit dem Herzen nah, so muß der Seele daraus Bitternis erwachsen .« Er lächelte. »Ich habe noch nie gezögert.«
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