»Selbst wenn er zappelt und sabbelt?«
»Kommissar ist Kommissar. Selbst wenn er hampelt wie ein Fisch am Haken.«
»Hast Du dem Lehrer und künftigen Familienmitglied denn nun eine reingehauen?«
»Na logo. Dein Schrei kam direkt nach dem Treffer, ich dachte, das ist jetzt eine göttliche Strafe oder so, klang echt danach.«
»Und warum hast Du ihm eine reingehauen? Weil er schwul ist?«
»Quatsch, sehe ich aus wie ein Tuntenklatscher? Weil er meinen kleinen Sascha schlecht behandelt hat. Die Familie sagt, er ist trotzdem ein feiner Kerl, Sascha ist bei ihm eingezogen, aber da bilde ich mir lieber selbst ein Urteil, wenn ich draußen bin. Der muß noch eine Weile Anstand zeigen, bis ich ihn an die Brust drücke.«
»Daß er sich weigert, gegen Dich auszusagen, ist doch schon mal ein Anfang.«
Vor der Tür rumpelte es.
»Los, Kommissar, verschwinde«, sagte Wladimir. »Mein Kumpel steht bereit, wenn Du was erfährst.«
Jakob krabbelte wieder auf seinen Deckel, Wladimir wusch sich die Hände. Sein Kumpel betrat, dicht hinter ihm Wladimirs Bewacher von der Justizverwaltung, den Vorraum. »Aber sicher ist das Klo für alle da, Wachtmeister«, sagte der Kumpel und ging breitbeinig zu den Pissoirs. »Ist ja kein Privatbesitz, so’n Gericht.«
Wladimir trocknete sich mit einem Papiertuch die Hände ab und streckte sie seinem Bewacher hin. »Legen Sie mich in Ketten, Chef.«
Der Beamte sah sich hektisch um und schloß die Handschellen. »Hast Du Verstopfung, oder was? Das hat ja ewig gedauert.«
»Die Frage ist mir zu privat. Ein bißchen Intimsphäre steht sogar einem Untersuchungshäftling zu. Aber wir Russen essen doch immer Kohl und Rote Beete, damit hat’s sicher zu tun.«
Die Tür fiel zu und Jakob verließ seine wenig komfortable Position auf der Herrentoilette. Ein Handy. Er hatte die Dinger noch nie gemocht. Und die blöde Filmerei von Laien auch nicht. Jetzt war er ein Filmstar, ein zappelnder, sabbernder Jakob, dessen Kopf auf den Boden schlug. Er hing am Haken eines verschwundenen Handys, eine schillernde, sich windende Maräne an einem tiefen, krummen, verfluchten Haken.
Jakob saß auf einer übermütig rot gestrichenen und verächtlich mit Schmierereien versehenen Parkbank am Rüdesheimer Platz und starrte zu Hannas Hauseingang.
Eine Woche nach seiner Flucht aus dem Krankenhaus war die Rechnung gekommen. Man ging davon aus, daß er als Beamter privatversichert war und langte kräftig zu. Von Wladimirs Attacke war die Rede gewesen, aber auch vom Verdacht auf Epilepsie. Irgendetwas mit den Gehirnströmen wollten die Elektroden auf seinem Kopf gemessen haben. Auf Anfrage des Polizeiarztes und eines Kollegen des Patienten, der um eine Krankschreibung für die Dienststelle bat (danke Oskar), hatte man die Diagnose weitergegeben.
Sternschnuppen, Blackout, kastrierter Duschkopf, tanzende Toastmoleküle, war das Epilepsie? Was ist das überhaupt? Irgendeine Geisteskrankheit? Scham ergoß sich über ihn wie ein Kübel Jauche.
Am gleichen Abend war er in die FU-Bibliothek gefahren und hatte sich Sachkunde angelesen. Krampfströme, das hatten die Geräte gefunden. Gab es auch bei vielen anderen. Kein Grund zur Panik. Aber die Symptome paßten verdammt gut.
Jakob Hagedorn Epileptiker.
Viele hatten nur einen Anfall und nie wieder. Abwarten, achtsam sein, nicht Auto fahren. Kein Problem ohne Führerschein. Nicht auf Leitern, Türme steigen, an Berghängen kraxeln, am besten gleich hinsetzen, fällt sich nicht so tief. So war er zur Gerichtsverhandlung gekommen, versuchte, das Loch mit Erinnerungen anderer zu füllen.
In all den Wochen hatte er nicht an Hanna gedacht. Sie war auf der anderen Seite des Spalts, in seinem alten Leben, vor der Schaukel.
»Ist hier noch frei?« Eine alte kleine Frau zog ihren Rentnerporsche an die Seite und ließ sich fallen. Das Modell war aus Schottenkaro, mit krummen kleinen Rädern, an seinen Öffnungen baumelten Püppchen, Karabinerhaken mit Einkaufswagenmünzen und Gummibändern, ein Kamm, eine hölzerne Schildkröte und eine BVG-Monatskarte. Jakob sah die alte Frau an. Irgendetwas zog von der anderen Seite des Spalts vorbei.
»Ich hätte schon gedacht, daß mein Eindruck bleibender ist.« Die Alte schlug das Verdeck ihres Porsche zurück und entnahm ihm eine Tüte mit geschnittenem Brot. »Aber so ist das Alter. Alle sehen durch einen hindurch.« Sie hielt Jakob die Tüte hin, er nahm eine Hand voll und schnupperte daran. »Keine Sorge, auf der Fensterbank getrocknet. Nur Anfänger verfüttern schimmliges Brot.«
Um die Bank wuselte es. Die ersten waren die Spatzen, wie immer. Ein paar Schüchterne saßen unter einem Busch und beobachteten sie, ein Kecker landete großschnabelig tschilpend auf der Rückenlehne und rief nach dem Ober. Jakob verteilte Brotstücken auf der Bank, behielt den Rest in der Hand, die er offen im Schoß ablegte. Der Spatz verstand, arbeitete sich voran, ließ einige Stücken für seinen Hofstaat liegen, pumpte sich auf und wagte den Sprung auf den Schoß.
»Jetzt nur nicht an der falschen Stelle picken«, sagte die Alte. Sie lachten, der Spatz flog auf. Jakob sah sie an. Himmelblaue Augen, endlos wölbte sich der Horizont, er sah in der Tiefe die Erdkrümmung. Taiga, dachte er.
»Du kannst einem in die Augen sehen, daß selbst einer alten Frau die Knie weich werden«, sagte sie.
»Entschuldigung, das mache ich nicht absichtlich.« Jakob nahm seinen Blick aus dem Horizont.
»Sich für seine Fähigkeiten zu entschuldigen, ist Bullshit. Ich halte es schon aus, wenn einer in meinen Augen gründelt.«
Die Alte stand auf, verharrte vor der Bank, bis ihre Knochen sich sortiert hatten und stakste mit dem Brot zum Busch der Schüchternen. Sie verteilte die Reste um das Versteck, legte die Tüte auf Kante zusammen und verstaute sie in ihrem schief hängenden Mantel.
»Laß uns gehen, Kommissarchen, Du kannst oben auf sie warten.« Sie nahm ihr Wägelchen und schaukelte los, direkt auf Hannas Haustür zu. Jakob folgte ihr wie ein Entenjunges.
Das erste, was er erkannte, nachdem die Alte die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, war der Geruch. Die Erinnerung an Hanna überflutete ihn. Um halb vier in der Nacht hatte er beim Verlassen der Wohnung in das verdutzte Gesicht der Alten geblickt, die Jakob mit dem Schlüssel auf ihn gerichtet anstarrte, als wäre er eine Fata morgana. Jetzt stand sie in der Küchentür und sah ihm bei seiner Erinnerungsarbeit zu. »Na, hast Du es wieder?«
Jakob nickte. »Entschuldigung, das hatte ich einfach vergessen.«
»Du entschuldigst Dich zu viel, weißt Du das?« Die Alte klapperte in der Küche, als räume sie die Schränke aus. Jakob schloß noch einmal die Augen und sog den Geruch der Wohnung ein. Staub, alter Lack von den Türen, eine Prise Erde, der süßliche Geruch einer alten Frau und über all dem Hanna.
»Milch und Zucker?«, rief es aus dem Geklapper.
Jakob wies den Schwindel und die Sehnsucht in ihre Schranken. »Schwarz, bitte.«
Die alte Frau trug zwei zarte Porzellantassen mit Kaffee schwankend zum Küchentisch. Jakob sah ihr zu, wie sie übergeschwappten Kaffee von der Untertasse zurückgoß. »Ich bin Jakob«, sagte er.
»Weiß ich doch, Du Berühmtheit.« Sie hielt einen Tagesspiegel hoch. Jakob verzog das Gesicht. »Was schreiben sie denn?«
»Du hast mit bloßen Händen einen russischen, bis an die Zähne bewaffneten Tiger erlegt und eine Weddinger Schule errettet. Du bist ein Held, mein Lieber. Außerdem erinnern sie an die aufrechte Überführung eines meuchelmordenden Kollegen vor zwei Jahren. Da sage noch einer, Ihr hättet zu viel Korpsgeist. Und jetzt sitzt Du hier bei mir in der Küche, toller Mann.«
»So war das natürlich nicht.«
»Sicher, aber laß Hanna das Vergnügen, die hebt das alles auf.«
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