Jakob zog ein weiteres Photo hervor. »Und noch was. Ich möchte wissen, ob ein Mädchen diesen Typen kennt.«
MM nahm das Photo. »Schönes Gesicht. Sieht gebildet aus.«
»Professor für Teilchenphysik.«
»Und deshalb sollen die Mädchen ihn kennen?«
»Seine Frau sieht aus, als wäre sie beteiligt gewesen an Versuchsreihen. Jahrelang. Als physikalisches Objekt.«
MM zog eine Augenbraue hoch.
»Zigaretten, eine Peitsche, Drahtschlingen.«
MM sah erneut auf das Photo. »Ein schöner Sadist also. Man weiß nie, was sich zeigt, wenn die Pelle ab ist von dem Früchtchen.«
Sie legte das Photo zu den anderen. »Ich leite es weiter. Das wird aber dauern. Mädchen, die sich quälen lassen, waren nie in unserer Nähe. Völlig andere Liga. Harte Aufpasser, hoher Durchlauf. Aber wir versuchen es. Schließlich muß er da erst mal rangekommen sein.«
»Und hat auf dem Weg vielleicht Spuren hinterlassen.«
Sie sah Jakob an. »Was ist mit seiner Frau, ich nehme an, sie ist tot, wenn Du das bearbeitest, sollen wir da auch nachfragen?«
Jakob nickte. »Vielleicht kennst Du den Fall, schließlich ist Informiertsein Dein Beruf. Letztes Jahr Ostern hat jemand ihr Leben in einer Havelhütte ausgepustet.«
»Ach, die Geschichte, war das nicht in Schlachtensee? Ich erinnere mich, ziemlich blutige Angelegenheit. Davon war dann verdächtig schnell nichts mehr zu hören. Und jetzt sollst Du ran, der Geisterseher?«
Jakob verdrehte die Augen.
»Laß den Leuten ihren Gruselschauer. Gibt’s ja sonst nicht viel in unserer braven Gegenwart. Nebenbei, wenn sie das alles klaglos ertragen hat, fragt sich, ob es eine Vorgeschichte gibt.«
»Sicher. Und das deutet auf das Milieu, obwohl sie mir nicht aussieht wie eine Ex-Prostituierte.«
»Ach, Jakob, was glaubt ihr bloß immer. Ein paar Jahre und Du siehst nix mehr.«
»Trotzdem.« Jakob stand auf.
»Aber gehen darfst Du noch nicht. Deine Haare sehen kriminell aus, Kommissar. Du bist eine Schande für meinen Berufsstand.«
»Ich verwechsle in letzter Zeit öfter mal oben und unten. Kann sein, meine Haare vertragen die Richtungswechsel nicht«,sagteJakob und ließ sich wehrlos zum nächsten Stuhl führen.
Auf dem Deckel eines Gerichtsklos hatte Jakob schon lange nicht mehr gesessen. Noch dazu mit angezogenen Beinen. Pubertäre Erinnerungen stiegen in ihm auf.
»Komm’ schon, Alter, verdienst was besseres, als mir beim Kacken zuzusehen. Das Fenster ist auch vergittert, wir sind ja schließlich nicht im Kino. Außerdem ist meine Klappe viel zu groß für den Untergrund, also mach’ die Handschellen auf und geh’ eine rauchen.«
Jakob hörte sich öffnende Handschellen und eine zufallende Tür.
»Kommissar, bist Du da?«
»Du hast mich schließlich eingeladen«, sagte Jakob.
»Kannst rauskommen, mein Kumpel bewacht die Tür.«
Jakob ging in den Vorraum und lehnte sich an den eiskalten Heizkörper unter dem vergitterten Fenster.
»Den hast Du total beeindruckt. So still war er lange nicht. Stimmt das, daß Du den ganzen Flur voller Bücher hast, bis unter die Decke? Und für schwul hält er Dich auch, vielleicht wegen der Bücher. Bist Du schwul, Kommissar?«
Jakob lachte. »Wieso, willst Du mit mir was anfangen?«
»Nix für ungut, aber ich sehe neuerdings überall Schwule. Man denkt ja, man war jahrelang blind, wenn es die Familie trifft«, sagte Wladimir. »Aber jetzt mal zum Ernst des Lebens, Kommissar. Ich fürchte, da läuft ein ganz mieses Ding, Du mußt mir helfen.«
»Erzähl, was ist los?«
»Die Szene, in der wir uns netterweise kennengelernt haben ...«
»Deine Geiselnahme.«
»Meinetwegen. Davon gibt es einen Film.«
»Wie meinst Du das?«
»Wie ich es sage. Ich habe das alles gefilmt, mit meinem Handy.«
»Warum das denn?«
»Keine Ahnung, einfach so.«
»Wolltest Du Deine Heldentaten für die Nachwelt erhalten? Du spinnst doch.«
»Darum geht es jetzt nicht, sondern darum, daß die meisten der feinen Lehrer Scheiße erzählen, ich hätte mit einem Messer hantiert und Dich gewürgt und so, und der Film das beweist.«
»Dein Handy ist ein Beweisstück.«
»Genau.«
»Und wo ist das Problem? Das kann Dich doch nur entlasten.«
»Es ist nicht da.«
»Verstehe ich nicht.«
»Kein Handy, weit und breit.«
»Das gibt’s doch nicht.«
»Und ob.«
»Hast Du es vielleicht verloren?«
»Blödsinn, es war ja noch an, als die Bullerei, ich meine, Deine Kollegen kamen. Und danach waren mir sozusagen die Hände gebunden. Das mußt Du doch noch wissen, Du warst doch dabei.«
»Und wenn es ein Lehrer genommen hat?«
»Es war schon ein cooles Ding, ziemlich neu und teuer, aber die verdienen doch genug an ihrer Schule. Nein, nein, das waren Deine feinen Kollegen, darauf verwette ich meinen Arsch.«
»Warum sollten die Dein Handy verschwinden lassen? Weißt Du, wie viel Ärger wartet, wenn das rauskommt? Unterschlagung von Beweismitteln nennt man das.«
»Darüber raucht ja auch meine Birne. Ich verstehe das nicht. Ich bin kein Unschuldslamm, sicher, aber daß mir irgendein Bulle was reinwürgen will, dazu gibt es keinen Grund. Ich bin nicht mal vorbestraft. Meine Anwältin meint, vielleicht wollte sich jemand was dazuverdienen und hat es an die Zeitung oder das Fernsehen verkauft.«
»Dann wäre es längst erschienen. Exklusivbilder einer Geiselnahme in einer Weddinger Oberschule läßt sich niemand entgehen.«
»Aber was ich nicht verstehe, Kommissar, wieso sagst Du nicht aus? Du könntest doch erzählen, daß es anders war.«
Jakob schwieg.
»Bist Du etwa auf deren Seite?« Wladimir machte zwei Schritte auf Jakob und den kalten Heizkörper zu und sah ihm in die Augen. »Nee, dann wärst Du nicht hier. Du bist schon in Ordnung.«
»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Jakob.
»Wie meinst Du das?«
»Das letzte, das ich weiß, ist, wie Du auf Deinen künftigen Schwager zugegangen bist.« Die Sternschnuppen verschwieg er lieber.
»Danach hast Du so komisch geschrien, war echt gruselig.«
Jakob ging sich die Hände waschen.
»Das heißt, Du weißt von Deinem Abklapper gar nichts? Dann wäre der Film für Dich ja auch spannend. Da ist nämlich alles drauf. Wie Du hingefallen bist, rumgezuckt hast und auch der komische Sabber vor Deinem Mund.«
»Das ist nicht Dein Ernst.«
»Doch sicher, seit dem Schrei bist Du die Hauptperson. Was ist denn los, Kommissar, Du bist ja ganz blaß um die Nase.«
»Du hast das alles gefilmt?«
»Na klar, so was hat man nicht alle Tage. Jetzt sag’ nicht, daß Dich das stört. Um Erlaubnis fragen konnte ich Dich ja schlecht, so wie Du geruppelt hast. Kommissar, was ist los? Nun sag’ doch was. Habe ich was falschgemacht? Hilfst Du mir jetzt nicht mehr? Oh, Scheiße, es tut mir echt leid.« Wladimir schlug mit der flachen Hand auf den Rand des Waschbeckens.
»Laß das, gibt fiese blaue Flecken.«
»Wenn wir das Handy wiederhaben, löschen wir das Stück mit Dir, ich versprech’s.«
»Aber erst mal müssen wir es finden.«
»Du machst das schon, Kommissar, Du bist der beste.«
»Wenn ich mich nicht gerade lang mache und rumzappele.«
»So schlimm ist das auch nicht, Du bist doch voll wieder da, oder nicht? Und das erste Mal wird es ja auch nicht gewesen sein.«
Jakob sah ihn an.
»Oh, Scheiße, sag’, daß das nicht wahr ist. Und ich Penner habe nix Besseres zu tun als ein Filmchen zu drehen.«
»Helfen können hättest Du mir sowieso nicht. Man muß dann einfach zuende zappeln.«
»Na, ein Kissen unterschieben wenigstens, Dein Kopf ist immer auf den Boden gerumst. Hatte aber ein bißchen viel Respekt. An so ’nem echten Kommissar fummelt man nicht einfach so rum.«
Читать дальше