»Auf dem Klo will er Sie treffen, bei Gericht. Montag geht seine Verhandlung weiter. Die wird aber schnell unterbrochen, weil er ein Attest hat und danach, sagt er, muß er aufs Klo.«
»Na, dann sag Deinem Kumpel, ich geh' im Gericht gern aufs Klo und nächsten Montag ganz bestimmt.« Jakob grinste. »Mit Wladimir wollte ich schon immer mal da hin.«
Der Mann lief feuerrrot an, gab Jakob linkisch die Hand und stolperte aus der Wohnung.
Jakob blieb vor dem Schaufenster stehen und sah in den Friseursalon. MM fuhr durch das Haar einer blondierten Kundin tapferen späten Mittelalters, als sei es das zottige Fell eines Straßenköters. Die Frau gestikulierte beidhändig, schwer bereift und beringt. Sogar die Füße zappelten. MM stand hinter ihr, hielt Blickkontakt über den Spiegel, legte zwei perfekt manikürte Hände auf ihre Schultern und unterbrach sie. Auf ein Winken näherte sich ein schmaler Jüngling in hautengen Jeans, den MM in das Blickfeld der Kundin schob. Der Lehrling knipste ein professionell blitzblankes Lächeln an, die Frau sank tief in den Stuhl. Ihre Füße stellten das Zappeln ein.
Jakob betrat den Laden. Hitze aus Fönen und Hauben schlug ihm entgegen. Er schnappte nach Luft, lange genug, um von MMs Umarmung überrascht zu werden.
»Jakob, kleiner Schlaumeier, wo warst Du denn so lang?« Sie gab ihm zwei parfümgesättigte Schmatzer auf die Wangen. »Sonders gut schaust nicht aus. Hast wieder nirgends eine anständige Frau gehabt, die sich kümmert. Na, jetzt bist ja bei mir.«
Jakob grinste.
»Stimmt, hab’ ich geredet Blödsinn. Wenn Maria Magdalena eins nicht ist, ist es anständig.«
»Du bist der anständigste Mensch, den ich kenne.« Jakob lachte.
»Du kennst eben viel zu wenig Leut’.« Sie ging zum Pausenraum voraus, streichelte ihren schnarchenden Mops, der zuckend auf einem mit Leopardenimitat bezogenen Sessel von gewonnenen Schlachten träumte und goß Kaffee aus einer Thermoskanne ein.
»Einen neuen Lehrling hast Du«, sagte Jakob. »Hübscher Junge.«
»Seine Schwester läuft auf der Potsdamer und hat Sorge, daß er sich was abguckt. Ich soll ihm Anständiges beibringen.«
»Das kannst Du.«
»Na klar.« Sie lachten. »Aber süß ist er, oder?«
»Hauptsache, Deine Kundschaft findet das.«
»Meinst Du die Zehlendorfer Tucke?« Sie seufzte. »Die hat mir Samuel geschickt.«
»Er meint es gut.«
»Soll er mich besuchen, wenn er es gut will meinen. Verfluchte Brut.« Sie schniefte.
Jakob strich ihr über die Wange.
»Finger weg, der Putz kostet ein Vermögen.« Sie schneuzte sich.
»Vor kurzem hat er einen großen Fall gewonnen«, sagte Jakob.
»In der Abendschau war er. Mein Junge. Alle konnten ihn sehen.«
»Er ist ein guter Staatsanwalt, meistens.«
»Dünn hat er ausgeschaut, findest Du nicht? Seine Schickse kocht nicht richtig für ihn.« Sie zog sich im Sitzen den Rock herunter. Die Knie blieben unerreichbar. »Was führt Dich denn nun her? Warst wirklich lange nicht bei mir.«
»Ich hatte eine Auszeit. Jetzt könnte ich Deine Hilfe brauchen.«
»Immer, mein Süßer, das weißt Du.«
»Es geht um Deine alten Kontakte.«
»Sag’ nicht, daß Du unter die Freier gehen willst. Ich nenne Dir zwanzig Frauen, die für eine Nacht mit dir zahlen würden.«
»Ich komme darauf zurück, vielleicht kann ich demnächst eine Einnahmequelle gebrauchen«, sagte Jakob lachend. Er zog Photos aus der Jackentasche. »Es geht um eine Tätowierung.«
MM sah sie sich an. »Sagt mir nix. Sieht altmodisch aus, wie eine Markierung. Zugehörigkeit, bestandene Prüfung, so was. Auf alle Fälle nichts Schmückendes.« Sie reichte die Photos zurück.
Jakob wehrte ab. »Ich möchte, daß Du sie behältst und im Milieu rumzeigst.«
»Das kann ich nicht, Schatz, ich bin Friseurmeisterin in Schöneberg. Aber ich könnte Erwin und Tülle fragen.«
»Gute Idee, wie geht es denen?«
»Wie soll es schon gehen, wenn man nichts im Hirn hat und auf dem Altenteil sitzt. Hin und wieder gebe ich ihnen zu tun. Sonst waschen sie ja nur noch ihr Auto.«
Erwin und Tülle waren Überbleibsel aus MMs Vergangenheit. Ihr verstorbener Mann war Besitzer einer Bar in Charlottenburg gewesen, in der es neben Alkohol Ausblick auf viel Busen und andere Rundungen gab, auf denen auch klebrige Männerhände landen durften. Das Hauptgericht mußte man sich jedoch woanders holen. Da das niemand im Kiez glaubte und wechselnde Machthaber des Bordsteins immer wieder ihre explosiven Muckis in der Bar von Siegfried Herzl spazieren trugen, hatte das Eigentümerpaar sich durchgerungen, einen Türsteher zu engagieren. Nach einigen flachschädeligen, halbdebilen Fehlversuchen ihres Mannes nahm MM das Ganze in die Hand und tat den Zuhälter Erwin auf, den es allerdings nur im Paket mit Tülle gab.
Erwin mochten die Mädchen, er hatte als eine Art kostenpflichtiger großer Bruder, dem es nie eingefallen wäre, leistungslos von der horizontalen Knochenarbeit seiner Schwestern zu profitieren, so etwas wie Berufsehre. Es sprach sich schnell herum, daß es bei ihm gewaltlosen Schutz und gute Rendite gab, und so standen die Unabhängigen Schlange, um in seine Familie aufgenommen zu werden. Erwin wußte um seine in mancher Hinsicht begrenzten Kapazitäten, beließ die Hühnerschar im einstelligen Bereich, akzeptierte fremde Reviere und Gehege, ignorierte Brutalitäten und Ungerechtigkeiten außerhalb seines Radius’ und hatte so Auskommen und Frieden.
Bis er eines Nachts einen sterbenden Kollegen im Rinnstein fand.
Dieser Kollege nahm, wozu er Lust hatte, prügelte sich beeindruckend erfolgreich Konkurrenten vom Hals, zog seine Mädchen an Haaren von erigierenden Nebenverdiensten und soff halb Berlin unter den Tisch. In jener Nacht war er auf einen Kollegen getroffen, der gar nicht erst versuchte, seine Gitti mit schmalen Fäusten gegen den legendären Boxer zu verteidigen, sondern gleich ein Messer zog und es, da er ein sicherheitsverliebter Mensch war, gleich zwölf Mal in des Konkurrenten Männlichkeit rammte. Er sah auf den zusammengesunkenen, ehemals starken Mann, dachte an Gittis monatlichen Durchschnittsverdienst, rotzte auf den Besiegten und ging seiner Wege.
Erwin rief, als er vier Minuten später den Blutenden fand, den Notarzt, war sich sicher, der Mann stürbe in seinen Armen und nahm ihm seine unverständliche Lebensbeichte ab. Im Notarztwagen hielt er seine Hand, lauschte schweigend den stotternd hektischen Anweisungen des Sterbenden, entließ ihn fast leergeblutet in den OP und wartete besudelt auf die Nachricht seines Ablebens.
Die Ärzte entfernten seinen völlig zerhackten Hoden, flickten den Penis notdürftig zusammen, so daß er wenigstens zum Pinkeln hielt, kippten literweise Blutplasma in ihn hinein und baten Erwin, als seinen Angehörigen, um seelische Unterstützung beim Klammern an das Restleben des Kastrierten.
So bekam Erwin anstatt kleiner Schwestern einen hilfsbedürftigen Bruder ohne Einkommen. Der Mann erholte sich, sank in sentimentale Anfälle und wurde vorübergehend weibisch. Sie gaben seinem schlaffen Schwanz und ihm den Namen Tülle, bewarben sich mit Erwins Kopf und Tülles immer noch starker Faust bei MM als Türsteher und wurden genommen.
Über die Jahre wurden sie zu Mitgliedern der Familie Herzl, fuhren in ihrer pinkfarbenen Corvette den kleinen Samuel zu Kindergarten und Schule, wiesen breitschultrig finstere Gesellen von der Tür, gewährten Mädchen der Umgebung nach Feierabend Schutz und Erholung in der Bar und wurden zu Charlottenburger Legenden.
»Haben sie denn noch Kontakt zu den Mädchen?«, fragte Jakob.
»Sicher, das ist eine richtige Fangemeinde. Ich werde ihnen sagen, daß der Auftrag von Dir ist, das wird sie freuen.«
»Aber das ist nicht so richtig offiziell.«
»Lad’ sie zum Essen ein und der Fall ist erledigt.«
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