1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 »Ihr Wunsch ist mir Befehl«, grinste Ron. Er ging zu seinem Schreibtisch, durchwühlte mehrere Schubladen und kehrte schließlich mit einer Auswahl von Süßigkeiten zurück. »Alles originalverpackt«, versicherte er triumphierend.
Sie betrachtete erst ihn, dann seine Riegel misstrauisch. Die Kandidaten hatten teilweise ihre Form verloren. Sie sahen alle nicht sehr vertrauenerweckend aus. Aber der Hunger siegte. Sie zog einen heraus. »Wusste nicht, dass die noch hergestellt werden«, wunderte sie sich, bevor sie ihn in den Mund schob.
»Werden sie auch nicht. Das Ding hat Seltenheitswert.«
Die Kollegen ringsum brachen in lautes Gelächter aus, was Ron die Zornesröte ins Gesicht trieb.
»Ehrlich, das war einer der Letzten weltweit«, verteidigte er sich.
Chris schluckte die antiken Kohlenhydrate in einem Kraftakt hinunter. »Ein Kaffee wäre jetzt doch nicht schlecht«, meinte sie dann. Sie zupfte den verstörten Detective am Ärmel, um ihn zum Automaten zu lotsen.
»Pass auf, sie ist scharf auf deine Sammlung«, war das Letzte, was sie verstand, bevor Ron die Tür hinter ihnen zuschlug.
»Idioten«, zischte er wütend.
Nur mit Mühe verbarg sie ihre Heiterkeit. Um die Klippe zu umschiffen, fragte sie ihn nach seinen Ermittlungsergebnissen.
»Enttäuschend«, antwortete er. »Die Kliniken weisen jeden Verdacht auf Xenotransplantation weit von sich. Ich habe trotzdem die Operationsprotokolle der letzten zwei Monate verlangt. Die schriftlichen Unterlagen werden morgen oder übermorgen eintreffen. Ich nehme allerdings nicht an, dass wir darin etwas Neues finden werden.«
Sie nickte. »Keine Überraschung. Das bestätigt nur unsere Vermutung: Die Transplantation wurde illegal, ohne offiziellen Nachweis, durchgeführt. Was wiederum ganz gut zu meinen Resultaten passt.«
Das Mahlwerk des Kaffeeautomaten verhinderte jede weitere Unterhaltung. Sie wartete, bis der Apparat die braune Brühe ausspuckte, dann fasste sie zusammen, was die Analyse der Kleiderproben aufgedeckt hatte:
»Ich habe Rückstände von Peroxiden gefunden. Das sind Sauerstoffverbindungen, die vor allem in aggressiven Reinigungsmitteln vorkommen, wie man sie in Kliniken verwendet. Typische Komponenten solcher Spitalreiniger sind PES, Peroxiessigsäure, und Wasserstoffperoxid, wie man es auch zum Bleichen verwendet. Zudem gibt es Spuren von Chlor, was auf Ammoniumchlorid oder Salmiak hindeutet, auch eine häufige Komponente in Spital-Reinigungsmitteln. Die Waschmittelrückstände sind nicht aussagekräftig. Übliche Waschmittel eben, wie man sie überall findet. Soweit deckt sich das Ergebnis mit den Spuren, die man von einer Klinik erwartet.«
»Aber?«, drängte Ron, als sie eine Kunstpause einlegte.
»Jetzt kommt die Überraschung. Die Umgebung, in der sich der Mann vor seinem Tod aufgehalten hat, weist geringste Spuren metallorganischer Farbe auf, wie man sie benutzt, um Eisen zu färben – oder zu tarnen.«
»Ein Container?«, rief Ron verblüfft.
Sie schmunzelte. »Dachte ich zuerst auch, bis ich noch etwas herausfand.«
»Jesus, Sergeant. Machen Sie’s nicht so spannend. Ich fange gleich wieder zu rauchen an.«
»Das würde ich mir nie verzeihen«, lachte sie. »Dieser Typ Farben wird seit 1945 nicht mehr benutzt.«
»Ein alter Container.«
Sie schüttelte den Kopf. »Unmöglich. Die ersten Container tauchten in der US-Armee 1948 auf.«
»Ein Schiff? Die Navy?«
»Könnte sein. Ich habe auch deutliche Spuren von Dieselkraftstoff entdeckt. Allerdings …«
Ron zerknüllte den Becher in schierer Verzweiflung, als sie innehielt. »Mensch!«
»Zuviel ›GtL‹«, grinste sie. »Anteile, die aus Synthesegas hergestellt werden. Dieses Gemisch verbrennt sauberer, wird aber kaum auf Schiffen verwendet.«
Er schnaubte verächtlich. »Großartig. Die Wissenschaft gibt uns mehr verfluchte Rätsel auf, als sie löst.«
»Ein wahres Wort, Ron. Immerhin wissen wir jetzt, dass sich das Opfer vor seinem Tod mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in einer normalen Klinik aufgehalten hat. Wir suchen nach einem alten Gebäude, dessen Wände vermutlich aus Stahl bestehen oder mit Stahlplatten verstärkt sind. Mindestens Teile davon müssen mit grauer Tarnfarbe bestrichen sein, wie man sie von alten Kriegsschiffen kennt. Und das Gebäude ist nicht am Stromnetz angeschlossen.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Der Dieselkraftstoff. Ich nehme an, die Spuren stammen von einem Generator.«
Ihre Geschichte gefiel dem DCI gar nicht, als sie eine Stunde später den Bericht ablieferte. Die Andeutung, es könnte sich um eine Einrichtung der Navy handeln, bedeutete Ärger. Gewaltigen Ärger.
»Und Powers stützt diese Hypothese?«, wollte er wissen. »Ich habe seinen Bericht noch nicht gesehen.«
Sie nickte. »Er bestätigt die Ergebnisse der Untersuchung, obwohl er die Navy nicht explizit erwähnt.«
»Wenn die etwas beherrschen, ist es dichtzuhalten«, schnaubte er. »Die Militärköpfe werden uns gar keine Informationen liefern. Sie werden ihre eigene Untersuchung durchführen, ohne Ergebnis. Das ist so sicher, wie ich hier sitze und mich blau ärgere.«
Er meinte es keineswegs ironisch, sprach offenbar aus Erfahrung.
»Noch wissen wir nicht, ob die Navy betroffen ist«, betonte sie. »Wir haben nur Hinweise auf die Art des Gebäudes, das wir suchen.«
»Und genau das werden wir tun«, nickte er. »Geben Sie eine neutrale, aber möglichst detaillierte Suchmeldung an die Dienststellen rund um die Themsemündung in Kent und Essex heraus. Keine Aktion, nur Meldung, verstanden?«
Vielleicht handelte es sich doch um eine Abrechnung unter den Clans. Chris zweifelte daran, aber sie konnten bisher keine Möglichkeit ausschließen. Es gab zwar keinen Beweis, dass der junge Pakistani ins Wasser gestoßen worden war, aber gegen die Hypothese eines simplen Unfalls sprach die erste, verschwundene Leiche. Die beiden Fälle hingen mit großer Wahrscheinlichkeit zusammen, aber auch das war nicht sicher. Was allerdings eine Schweineniere mit einer Familienfehde zu tun haben sollte, verstand sie am allerwenigsten.
Sie hatte Rutherfords Glashaus schon verlassen, als er sie zurückrief. Er hielt ihr eine Akte hin. »Der Obduktionsbefund«, murmelte er und widmete sich wieder seiner Arbeit.
Erleichtert nahm sie die Klemmmappe entgegen. Sie hatte schon befürchtet, Mad Barclay würde ihr den Bericht persönlich überbringen. Den ersten Teil des Dokuments überflog sie schnell. Die Beschreibung des Leichnams und der Organe enthielt nichts, was sie nicht schon wusste. Der letzte Teil über die toxikologische Untersuchung interessierte sie mehr. Im Blut des Toten wurden keine Drogen gefunden, wohl aber Rückstände eines Medikaments, dessen Name ihr nichts sagte. Die Pathologin beschränkte sich darauf, diese nüchterne Tatsache festzuhalten, ohne zu erklären, was sie bedeutete.
»Mist«, seufzte sie schwer.
Ron, den Telefonhörer am Ohr, schaute verwundert über den Bildschirmrand. Er bot ihr einen der grasgrünen Äpfel an, die plötzlich wie durch ein Wunder auf seinem Schreibtisch lagen, während er am Telefon die immer gleichen Fragen stellte. Sie betrachtete das Obst misstrauisch, rieb, bis es glänzte, dann biss sie vorsichtig hinein. Die Säure fühlte sich angenehm frisch an. Sie ließ sich Zeit beim Kauen. Zeit, die sie brauchte, um sich auf das unvermeidliche Gespräch mit der gefährlichen Pathologin vorzubereiten.
»DS Hegel!«, freute sich Dr. Barclay mit einer Stimme, als hätte sie eine 0909 Nummer gewählt. »Ich wusste, Sie würden anrufen. Im Augenblick habe ich allerdings sehr wenig Zeit für Sie …«
Chris dankte dem Himmel. »Kein Problem, Doctor«, unterbrach sie schnell. »Ich habe nur eine ganz kurze Frage zu Ihrem Obduktionsbericht.«
Ein langgezogenes »Jaaa?« war die Antwort.
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