»Herr Dr. Wolf wird Sie gleich empfangen«, sagte die Vorzimmerdame. »Darf ich Ihnen etwas anbieten, Kaffee, Wasser?«
Sie begnügte sich mit Wasser und versuchte, sich aufs bevorstehende Interview zu konzentrieren. Es fiel nicht leicht in dieser Umgebung, wo alles drauf angelegt war, den Besucher durch Luxus und zur Schau gestellte Effizienz zu beeindrucken oder gar einzuschüchtern. Sie kannte solche Tempel, wo große Geschäfte abgeschlossen und eiskalte Intrigen ersonnen werden, von vielen Interviews in Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien. Sie selbst war keine Unbekannte in diesen Kreisen. Dennoch grenzte es an ein kleines Wunder, beim ersten Versuch vom großen Vorsitzenden persönlich empfangen zu werden. Sie kannte sein Gesicht aus Zeitungsartikeln und dem Geschäftsbericht. Der Mann, der auf sie zutrat, war allerdings einen Kopf kleiner, als sie sich vorgestellt hatte.
»Frau Kaiser, entschuldigen Sie die Verzögerung. Ein Anruf in letzter Minute, Sie wissen schon …«
Sie gab ihm lächelnd die Hand und ging dabei leicht in die Knie, um die hohen Absätze zu kompensieren.
»Ich bin froh, dass Sie so schnell Zeit für mich gefunden haben.«
»Ist doch selbstverständlich«, wehrte er ab. »Öffentlichkeitsarbeit überlasse ich nicht ausschließlich der Presseabteilung, und Sie sind schließlich keine Unbekannte in Ihrem Beruf, habe ich mir sagen lassen.«
Er führte sie in sein Büro, größer als Lounge und Vorzimmer zusammen, mit Glaswänden auf zwei Seiten.
»Ich hoffe, man hat Sie nicht falsch über mich orientiert.«
Damit beendete sie die unverbindlichen Höflichkeiten und kam zur Sache.
»Wie ich telefonisch angekündigt habe, arbeite ich seit einiger Zeit an einem umfassenden Bericht über Fracking Vorhaben in Deutschland. Ihr Konzern ist maßgeblich an der Erschließung solcher Erdgasvorkommen beteiligt, die vor allem in grünen und linken Kreisen der Bundesrepublik mit großer Skepsis verfolgt wird.«
Dr. Wolf lächelte wie ein gutmütiger Vater, der seiner Tochter zum x-ten Mal geduldig erklärt, weshalb sie nicht mehr Taschengeld erhält.
»Sie drücken das sehr milde aus«, sagte er. »In Wahrheit haben uns gewisse Kreise den Krieg erklärt.«
»Der Anschlag.«
Er nickte. Seine Betroffenheit wirkte echt.
»Gibt es schon Hinweise auf die Täterschaft?«
»Die Ermittlungen laufen.«
»Es ist ein unglücklicher Zufall, dass wir uns ausgerechnet kurz nach dem Anschlag auf das Versuchsgelände am Bodensee zum Thema Fra-cking unterhalten.«
»Ist es das?«, fragte er mit ironischem Lächeln. »Gibt es so etwas wie Zufälle bei Ihren Recherchen?«
»Oh ja, mehr als mir lieb ist, aber lassen Sie uns über die neue Art der Erdgasförderung sprechen. Rohstoffe vor der eigenen Haustür betrachten Sie als ein enorm wichtiger Schritt in die Zukunft. Stimmt dieser Eindruck?«
Der Steilpass behagte ihm. Er bejahte entschieden und begründete die Strategie wortreich. Sie gab vor, eifrig Notizen zu machen, doch ebenso gut hätte sie die entsprechenden Abschnitte aus dem Geschäftsbericht abschreiben können. Ihre dreißig Minuten waren beinahe um, als sie endlich Gelegenheit bekam, zum Angriff überzugehen.
»Ich entnehme den Ertragszahlen in Ihrem letzten Geschäftsbericht, dass die unsichere politische Lage im Nahen Osten und die Spannungen mit Russland Anlass zu großer Sorge für die petrochemische Industrie hierzulande sind«, stellte sie fest. »Das bedeutet doch, dass der Konzern unter großem Druck steht, alternative Rohstoffquellen wie Fracking zu erschließen. Stimmen Sie dem zu?«
Er versuchte, die Tatsache zu verharmlosen, doch die etwas herablassende Haltung wirkte nicht mehr so überzeugend wie bei ihrer Ankunft. Sie ließ nicht locker:
»Der Konzern wird also mit allen Mitteln versuchen, das Fracking Projekt Kranich zum Erfolg zu führen.«
Die Behauptung machte ihn für kurze Zeit sprachlos.
»Unterstellen Sie uns unlautere Methoden?«, fragte er schließlich verärgert. »Ist es das, worauf Sie hinaus wollen?«
»Ich unterstelle Ihnen gar nichts, aber wie würden Sie die Aussagen in diesem Bericht deuten?«
Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Sie schob ihm zwei Kopien über den Tisch. Die kritischen Stellen waren gelb markiert.
»Diese Seiten stammen aus einem Bericht an die Kranich Projektleitung«, bemerkte sie dazu.
Er reagierte erstaunt. Nach sorgfältiger Lektüre fragte er mit kaum unterdrückter Erregung:
»Woher haben Sie das?«
Sie war nicht psychologisch geschult, aber die Erfahrung sagte ihr, dass der Vorstandsvorsitzende der NAPHTAG diesen Bericht nicht kannte. Noch etwas schloss sie aus seiner Reaktion: Die Angaben im Bericht entsprachen höchst wahrscheinlich den Tatsachen. Dr. Wolf fiel es schwer, Haltung zu bewahren. Nur mit Mühe gelang ihm, zur alten Selbstsicherheit zurückzufinden. Er blickte auf die Uhr und erhob sich abrupt.
»Der nächste Termin«, sagte er kopfschüttelnd. »Ich muss unser Gespräch leider abbrechen. Sie entschuldigen mich.«
Er verabschiedete sie hastig. Sie stand schon an der Tür, als er die zwei Blätter hochhob und rief:
»Ich glaube, Sie haben etwas vergessen.«
»Die Kopien sind für Sie«, antwortete sie lächelnd und zog die Tür hinter sich zu.
Sie fiel nicht ins Schloss, sodass sie unabsichtlich Zeugin eines sehr erregten Telefongesprächs wurde. Sie konnte nicht ermitteln, wen er anrief, aber das Wort Industriespionage fiel mehrfach. Wie sie angenommen hatte, war sie der Konzernleitung gehörig auf die Zehen getreten.
Fabian Schröder war nicht erbaut. Was sein Vertrauter ihm am Telefon aus Konstanz berichtete, eignete sich nicht, ihn zu beruhigen.
»Ich dachte, die Polizei hätte diese Gruppe Gaia längst kassiert«, sagte er ärgerlich.
»So einfach ist das nicht. Man weiß zwar, dass die Gruppe existiert, aber die Mitglieder sind nicht bekannt, behauptet jedenfalls meine Quelle.«
»Ich frage mich, welche Schlafpillen unsere Behörden einwerfen. Die müssten ein verdammtes Vermögen wert sein auf dem freien Markt.«
Der Mann am andern Ende der Leitung lachte schallend.
»Schon möglich«, sagte er, »aber sieh es mal positiv. Solang die Bullen den Laden nicht hochgehen lassen, sind unsere Chancen intakt, die verschwundenen Papiere vorher sicherzustellen.«
»Ich glaube nicht, dass mich das beruhigt.«
»Sollte es aber. Im Übrigen gehe ich nicht davon aus, dass die Umweltfreaks die Papiere haben. Der Inhalt wäre sofort im Internet aufgetaucht. Ist er aber nicht. Nee, mein Lieber, ich glaube, der zweite Täter, oder besser: die Täterin, hat die Dokumente und will sie womöglich zu Geld machen.«
Es klopfte an der Tür.
»Was du glaubst, ist mir so was von egal«, sagte er hastig. »Finde das Material, und zwar gestern. Ich muss Schluss machen.«
Wütend knallte er den Hörer auf die Gabel.
»Herein!«
Ingenieur Kolbe trat ein, Sorgenfalten auf der Stirn wie häufig in letzter Zeit. Gleichzeitig summte das Telefon. Er drückte auf die Besetzt-Taste, um den Anruf an die Sekretärin umzuleiten. Das ›Bilaterale‹, die Lagebesprechung mit seinem Versuchsleiter, hatte höchste Priorität.
»Sie bringen keine guten Nachrichten, stimmt‘s? Setzen Sie sich.«
»Wir brauchen jetzt sofort Nachschub, Chef. Ohne den Zusatz fördern wir höchstens Wasserdampf. Wenn wir nicht sofort etwas unter-nehmen, fällt der Druck zusammen, und wir können nochmals von vorne beginnen. Das Magazin sagt mir, Sie hätten die Lieferung gestoppt.«
Kolbe war ein Mann der klaren Worte.
Schröder nickte. »Und das mit gutem Grund.«
»Aber – so kann ich nicht arbeiten. Das gefährdet das ganze Projekt.«
»Immer mit der Ruhe. Ich habe die Lieferung gestoppt, weil ich nach dem Brand im Lager keine Chemikalien mehr vor Ort dulde. Sie haben sich doch selbst über die dauernde Schnüffelei der Polizei am Tatort beklagt. Wir können es uns nicht leisten, dass die sich am Ende noch für unsere Betriebsgeheimnisse interessiert.«
Читать дальше