Die Discovery -Expedition zu einem der letzten blinden Flecke auf der Weltkarte hatte in der englischsprachigen Welt für Furore gesorgt. Nicht wenige sahen darin ein Symbol für die Kraft und Leistungsfähigkeit des britischen Königreiches, das mit dem Ende des Viktorianischen Zeitalters und sich abzeichnenden Umbrüchen in Ländern wie Südafrika und Irland an Glanz verloren hatte.
Später an diesem 29. November erreichte die Discovery die Bucht von Lyttelton südlich von Christchurch, und Kapitän Rich von der Ringarooma machte sich umgehend daran, den Befehl der Admiralität in die Tat umzusetzen. Er teilte einige Männer ein, die Scott bei seinen Vorbereitungen für die Weiterreise unterstützen sollten. Dazu gehörten Arbeiten am Rumpf und am Rigg ebenso wie ein Kurzaufenthalt im Trockendock, den ein hartnäckiges Leck erforderlich machte, durch das ein Teil des Proviants ungenießbar geworden war.
Aus dem Logbuch der Ringarooma geht hervor, dass die erste Gruppe von Männern am 3. Dezember 1901 auf die Discovery delegiert wurde. 6Möglicherweise gehörte Crean schon zu dieser Gruppe, vielleicht wurde er aber auch später auf die andere Seite der Bucht geschickt, wo die Discovery im Dock lag, denn laut Logbuch herrschte vom 3. bis zum 20. Dezember ein reger Verkehr von Seeleuten, die morgens die Ringarooma verließen, um sich auf der Discovery nützlich zu machen, und am späten Abend nach getaner Arbeit zurückkehrten.
Als einer dieser Helfer konnte sich Crean vergleichsweise schnell mit der Discovery und der Stimmung an Bord vertraut machen. Das könnte als Erklärung dafür herhalten, dass er freiwillig auf ein Schiff wechselte, das im Begriff war, für zwei oder gar drei Jahre in eine weitgehend unbekannte Weltgegend vorzustoßen.
Und doch war eine weitere Laune des Schicksals nötig, um Crean neben Männer wie Scott, Shackleton, Wilson, Evans und Wild ins Scheinwerferlicht zu rücken, einige der führenden Figuren des Goldenen Zeitalters, die sich sämtlich an Bord der Discovery und in Lyttelton befanden.
Creans Stunde war gekommen, als Harry J. Baker, ein Crewmitglied der Discovery , seinem Kapitän ein massives Problem einbrockte. Und interessanterweise kommen Baker und sein Verhalten in zeitgenössischen Berichten kaum vor.
Baker, der offenbar ein Querulant war, hatte aus Gründen, die wir nicht kennen, einen Unteroffizier geschlagen und sich anschließend aus dem Staub gemacht. So stand Scott unversehens mit einem Mann weniger da. Bis zur Abfahrt blieben nur noch wenige Tage, und in seiner Not wandte sich Scott an Captain Rich von der Ringarooma .
Scott verzichtete darauf, den Baker-Vorfall in seinem Reisebericht zu erwähnen, ja, sein Name wird in dem zweibändigen Werk nicht ein einziges Mal erwähnt – nicht einmal in der Crewliste. Es ist, als habe ein Mann dieses Namens nie existiert. Und doch war es die nur unzureichend dokumentierte Fahnenflucht von Harry J. Baker, die dafür sorgte, dass Tom Crean auf der Bildfläche der Polarforschung und -erkundung erschien.
Vollmatrose Baker, fünfundzwanzig Jahre alt und gebürtig aus Sandgate in Kent, scheint schon auf der Überfahrt von England mehrfach unangenehm aufgefallen zu sein und war bei seinen Kameraden nicht sonderlich beliebt. Der einzige Beleg für sein Fehlverhalten findet sich aber in einem handschriftlichen Brief von Scott an die Königliche Geografische Gesellschaft vom 18. Dezember 1901, als die Discovery im Begriff war, sich von Neuseeland zu verabschieden. 7Der Brief entstand drei Tage vor Bonners tödlichem Unfall und kurz bevor sich mit dem Matrosen Sinclair ein weiteres Besatzungsmitglied unerlaubt vom Dienst entfernte. Sinclair hatte immerhin einen ehrenhaften Grund vorzuweisen, denn mit der Fahnenflucht zog er die Konsequenzen daraus, dass er sich für Bonners Tod verantwortlich fühlte.
In seinem Brief kam Scott auch darauf zu sprechen, dass Baker schon früher für Ärger gesorgt hatte. Dort schrieb er: »Baker war ein guter Seemann, aber bei seinen Kameraden alles andere als beliebt.« 8
Einen Vorgesetzten zu schlagen war ein Vergehen, das unter keinen Umständen geduldet werden konnte, und Scott ordnete an, Baker umgehend in Arrest zu nehmen. In seinem Brief an die Königliche Geografische Gesellschaft hieß es dazu:
Nachdem Baker den Unteroffizier geschlagen hatte, habe ich ihn darüber informiert, dass er unmöglich an Bord bleiben könne – woraufhin er Reißaus nahm. Ich erließ umgehend einen Haftbefehl und setzte auf seine Ergreifung eine Belohnung aus, aber er war und blieb verschwunden. 9
Sir Clements Markham hielt seine eigene, deutlich verkürzte Version der Ereignisse fest – fraglos aufgrund von Informationen, die von Scott stammten. In seinen Memoiren heißt es über Baker: »In Lyttelton als ungeeignet aussortiert. Fahnenflüchtig. Bei seinen Kameraden unbeliebt.« 10Einige Seiten später fällt das Urteil über denselben Mann noch kürzer aus: »In Lyttelton desertiert. Ungeeignet.« 11
Auch das Logbuch der Ringarooma liefert uns keine weiteren Informationen zu den Umständen, die zu Creans Wechsel auf die Discovery führten. Aber es belegt, dass der Wechsel vor Bonners tödlichem Unfall erfolgte. Am 9. Dezember hieß es dort schlicht: »Obergefreiten Crean auf die SS Discovery abkommandiert.« 12
Aus Aufzeichnungen, die von der Discovery -Expedition stammen und heute von der Königlichen Geografischen Gesellschaft aufbewahrt werden, geht hervor, dass Crean am 10. Dezember 1901 zur Besatzung stieß. In dem besagten Brief Scotts an die Gesellschaft hieß es dazu:
Mit Billigung des Admirals hat Captain Rich von der Ringarooma mir freundlicherweise einen Mann namens Crean überlassen, der das verlustig gegangene Besatzungsmitglied (Baker) ersetzt. 13
Der von einem Bauernhof stammende Seemann gehörte nun zu einer Elite, deren Ziel eine noch weitgehend unbekannte Region der Welt war. Dafür wurde er mit der Heuer entlohnt, die einem Obergefreiten zustand: zwei Pfund, fünf Shilling, sieben Pence im Monat (nach heutigem Stand etwa 120,70 Pfund). Bis heute herrscht die Ansicht vor, dass sich Crean in den Tagen kurz vor Weihnachten 1901 freiwillig für den Dienst auf der Discovery gemeldet hat, ein Beleg dafür findet sich in den Marineunterlagen jedoch nicht.
Überliefert ist hingegen eine Anekdote, laut der ein Besatzungsmitglied der Ringarooma gehört haben will, wie Crean sich für den Posten meldete, woraufhin er ihm gesagt haben soll: »Ich hätte nicht gedacht, dass du so verrückt bist, freiwillig eine Reise ans Ende der Welt mitzumachen.« Crean soll geantwortet haben: »Ich war ja auch verrückt genug, von der anderen Seite der Welt hierherzukommen.«
Weil Crean zu jenen Männern gehörte, die täglich zum Arbeitseinsatz auf der Discovery fuhren, wird er gewusst haben, dass seit Bakers Angriff auf den Unteroffizier ein Posten vakant war. Doch es mag auch weitere Motive gegeben haben. Ein Seemann, der sich für eine solche Reise freiwillig meldete, verdiente sich damit den Respekt und die Bewunderung der Kameraden. Und wer sich auch nur halbwegs in der Geschichte der Navy auskannte, wusste, dass seit den Tagen von Cook und anderen mit einer solchen Reise in aller Regel eine Beförderung verbunden war.
Im Entschluss, sich freiwillig zu melden, äußern sich aber auch das Crean eigene Selbstvertrauen und der Glaube an seine Fähigkeiten. Denkt man das Streben nach Unabhängigkeit hinzu, das er schon in frühester Kindheit entwickelte, hat man die Puzzleteile zusammen, aus denen sich seine Charakterstärke erklärt.
Dass Crean mit großer Wahrscheinlichkeit freiwillig auf die Discovery wechselte, belegt nur, wie wahllos die Schiffsbesatzungen in den Anfangsjahren der Polarexpeditionen letztlich zusammengestellt waren. Wie Crean hatten auch die meisten Kameraden keinerlei Erfahrung mit den Bedingungen, die sie erwarteten, und keinerlei Ausbildung erhalten, die sie auf die vor ihnen liegenden Entbehrungen vorbereitet hätte. Ihre »Qualifikation« bestand in erster Linie darin, dass sie etwas erleben wollten; was sie reizte, war die Aussicht, im Wortsinn Neuland zu betreten. In Creans Fall kam hinzu, dass er zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort war.
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